Mittendrin im Mannheimer Publikum, drei Stunden Spielzeit und ein Grönemeyer, der sich selbst am meisten feiert.

Mannheim (drö) - Herbert Grönemeyers "Mittendrin Akustisch"-Tournee steht ganz im Zeichen der jüngsten Veröffentlichung "Unplugged 2 – Von Allem Anders", und der Tourname bleibt keine Metapher: Grönemeyer steht auf einer runden Bühne mitten in der Mannheimer SAP-Arena samt drei ausfahrbaren Leinwänden.

Ein solches Bühnenkonzept bedeutet normalerweise eine Art Geben und Nehmen: mehr Nähe, weniger Trennung zwischen Wir und Ihr – dafür Abstriche beim Sound und Publikumsbereiche, die sich mit dem Rücken des Künstlers anfreunden müssen.

Der Hypeman

In der SAP Arena in Mannheim bleiben diese Nachteile aber aus. Der radiale Sound passt, zumindest im Innenraum, erstaunlich gut. Und da Grönemeyer eine beachtliche Zahl an Musiker:innen auffährt, die sich gleichmäßig in alle Himmelsrichtungen verteilen, fühlt sich niemand abgehängt. Grönemeyer startet um 20 Uhr mit nur wenigen Minuten Verspätung: Er betritt die Bühne und hat das Publikum sofort auf seiner Seite.

Nicht zuletzt, weil er an diesem Abend vermutlich selbst sein größter Hypeman ist. Während traditionell erst mal ein Song zur Begrüßung gespielt wird, läuft der Mann dieses Mal zunächst alle Seiten der Arena ab – und feiert: sich selbst, das Publikum, das Leben oder einfach alles zusammen. Man darf es sich aussuchen.

Witze übers Nuscheln

Natürlich wird schon vor dem Gig an jeder Ecke Witze über Herberts Nuscheln gerissen. Erstaunlich zuverlässig vorgetragen von jenen Zeitzeug:innen, die "Bochum" bereits bei Veröffentlichung im besten Alter erlebt haben, und es eigentlich besser wissen könnten.

Ja, Grönemeyer trägt seine Texte auch an diesem Abend nicht vor, als würde er Faust rezitieren. Ja, Silben werden gezogen, Worte verschluckt, Konsonanten geopfert. Aber vielleicht ist das weniger ein Grönemeyer-Problem als ein deutsches Lyric-Missverständnis. Denn seltsamerweise scheint das im Englischen beispielsweise niemanden zu stören. Kaum jemand sagt: gute Songs, aber Bob Dylan nuschelt mir zu sehr. Oder: Tom Waits großartig, aber leider nicht zu verstehen. Dort gilt derlei längst als Ausdruck, nicht als Makel. Man hört zu, auch wenn nicht jedes Wort sauber ankommt. Und so ist es auch an diesem Abend in Mannheim.

Fünf Vorbands auf einmal

Dieser beginnt ohne Vorband – ließe sich bemängeln. Doch schon bei "Unfassbarer Grund" holt Grönemeyer so viel Personal auf die Bühne, Streicher, Bläser, Chor und klassisches Band-Setup, dass es sich anfühlt, als hätten hier fünf Vorbands ihre Chance bekommen. Auch das Zeitmanagement ist bekannt: Wer sich vorher informiert hat, weiß, dieses Konzert verlangt Durchhaltevermögen.

Doch bevor überhaupt ans Ende zu denken ist, zieht Herbert alle Register. Nach "Das Ist Los" verrät er, dass große Teile der Band aus der Mannheimer Umgebung stammen, entsprechend hoch sei heute der Leistungsdruck. Spürbar wird das spätestens bei "Sekundenglück" – im besten Sinne: Immer wieder verlassen und betreten Musiker:innen die Bühne, je nachdem, wer gerade gebraucht wird: mal nur Streicher, mal nur Band, mal nur Chor. Mal sitzt Grönemeyer am Klavier, mal greift er zur Gitarre oder Ukulele, mal steht er nur am Mikrofon.

"Flieg" dürfte für viele an diesem Abend eine gelungene Live-Premiere sein, ehe Grönemeyer einen seiner schärfsten Pfeile verschießt: erst das "Steigerlied", dann "Bochum". Einer der Höhepunkte des Abends, nicht zuletzt weil sich der Saxophonist als heimlicher Star entpuppt. Nach jedem Song feiert Grönemeyer, als hätte er gerade alles auf Rot gesetzt und gewonnen. Als sei er selbst jedes Mal aufs Neue überrascht, wie gut das funktioniert. Und was soll man sagen? Es stimmt.

Mit klaren Worten gegen Demokratiefeindlichkeit

Neben gelegentlichen Witzeleien fehlt auch die Ernsthaftigkeit nicht: Bei "Doppelherz / Iki Gönlüm" und "Der Weg" gibt es klare Worte gegen Rassismus, Demokratiefeindlichkeit und Menschenverachtung. Grönemeyer mahnt zum Aufeinander-Aufpassen, nicht nur an diesem Abend, sondern weit darüber hinaus. Seine Botschaft bleibt unmissverständlich: kein Essentialismus, keine Idiotie. Nicht auf seinen Konzerten. Nicht in der Demokratie. Er predigt das nicht zwischen Tür und Angel, sondern mit der Ausdauer eines Langstreckenläufers und der Überzeugung eines Mannes, der weiß, dass Haltung nichts mit Lautstärke zu tun hat, sondern mit Wiederholung, Abend für Abend, Halle für Halle. Popmusik war immer dann relevant, wenn sie mehr wollte, als nur zu gefallen.

Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb diese Statements heute fast schon befremdlich wirken – in einer Konzertkultur, die zunehmend kommerzialisiert ist und darauf baut, möglichst niemanden zu verprellen. Nicht, dass hier Politik gemacht wird, irritiert. Sondern dass jemand daran erinnert, dass Demokratie und Gesellschaft kein stilles Hobby sind. Grönemeyer nuschelt vielleicht Liedtexte. Aber nicht, wofür er steht, und tut dies so beiläufig, dass man fast vergisst, wie ungewohnt derlei geworden ist.

Die Ränge leuchten

Daneben gibt es immer wieder ruhige Momente: "Glück", "Herzhaft", "Dort Und Hier". Augenblicke, in denen es in der SAP Arena so still ist, dass man einen Becher fallen hören würde. Natürlich existiert auch immer die Fraktion, die alle zwei Minuten ein kräftiges "Herbert!" in den Raum brüllen muss, gerne auch während Songs wie "Der Weg". Grönemeyer reagiert darauf nicht, auch nicht zwischen den Songs. Und so bleiben die unpassenden Störungen zum Glück überschaubar.

Publikumslieblinge wie "Flugzeuge Im Bauch", "Demo (Letzter Tag)" und "Mensch" fehlen natürlich nicht. Seinen Höhepunkt erreicht der Abend mit "Alkohol", bei dem das Saxophon erneut alles andere übertönt, sowie dem letzten regulären Track "Zeit, Dass Sich Was Dreht". Die Ränge leuchten, die Arena bekommt Wohnzimmeratmosphäre. Die Band verlässt die Bühne, und noch bevor jemand richtig nach einer Zugabe rufen kann, wird einfach weitergemacht.

Der Zugabenblock zieht sich von Viertel vor zehn bis 23 Uhr: "Was Soll Das", "Unterwegs", "Männer" mit Ukulele, "Mambo" samt Perkussionssolo, "Neuer Tag" und mehr folgen. Nach "Der Mond Ist Aufgegangen" verlassen Grönemeyer Co. schließlich endgültig die Bühne – nicht mit einem Knall. Nach drei Stunden braucht es den auch nicht mehr. Dieses Konzert war kein Spektakel. Es war ein akustisches Erlebnis mittendrin.

Text: Emil Dröll.

Fotos

Herbert Grönemeyer

Herbert Grönemeyer,  | © laut.de (Fotograf: Alex Klug) Herbert Grönemeyer,  | © laut.de (Fotograf: Alex Klug) Herbert Grönemeyer,  | © laut.de (Fotograf: Alex Klug) Herbert Grönemeyer,  | © laut.de (Fotograf: Alex Klug) Herbert Grönemeyer,  | © laut.de (Fotograf: Alex Klug) Herbert Grönemeyer,  | © laut.de (Fotograf: Alex Klug) Herbert Grönemeyer,  | © laut.de (Fotograf: Alex Klug) Herbert Grönemeyer,  | © laut.de (Fotograf: Alex Klug) Herbert Grönemeyer,  | © laut.de (Fotograf: Lisa Wassmann) Herbert Grönemeyer,  | © laut.de (Fotograf: Lisa Wassmann)

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