Legendenalarm kurz vor der Geisterstunde: The Cure begeistern zum fünften Mal das größte Schweizer Festival, auch Bassist Gallup ist wieder fit.
Nyon (mis) - Nach ihren drei Berlin-Konzerten in der Wuhlheide spielten The Cure gestern beim Paléo Festival Nyon, dem mit jeweils rund 40.000 Besucher*innen über die sechs Festivaltage größten Open Air der Schweiz. Obendrein feiert es dieses Jahr seinen 50. Geburtstag. The Cure selbst sind zum fünften Mal eingeladen, erstmals schauten sie im Jahr 1985 vorbei.
Erstaunlicherweise erhielt die für ihre XXL-Setlists bekannte Band dennoch lediglich einen 120 Minuten-Slot, so dass Robert Smith das reguläre Set um einige Songs kürzte. Fans durften sich damit trösten, dass ein ähnlich stimmungsvoller Support wie The Last Dinner Party, die direkt vor The Cure auf der Hauptbühne spielen, andernorts wohl nicht verfügbar ist. Dass die Londoner Art-Rock-Band seit ihrem 2024er Debütalbum "Prelude To Ecstasy" praktisch nonstop auf Tour ist, merkt man dem Set an: Jeder Ton sitzt, die auslandenden Arrangements der Studioversionen werden von jamartigen Einlagen noch getoppt und Sängerin Abigail Morris wickelt die Menge gekonnt um den Finger. Die Kostümierung und einstudierte Choreografien runden das Bild ab. Beim Paléo steigt das Gelände von der Grande Scène-Bühne aus gesehen leicht an, so dass gut zu beobachten ist, wie die Begeisterung während ihres 70-minütigen Auftritts spätestens bei "This Is The Killer Speaking" auch die letzten Grashügel erreicht.
Um 23.25 Uhr betreten The Cure dann die Bühne, so spät wie sonst nie auf der Tour. Der 67-jährige Smith hat die Regenerationszeit zweier Off-Days genutzt, womöglich braucht er sie auch gar nicht. Ergriffen wie immer stolziert er während des sich langsam aufbauenden Akkordreigens von "Alone" die erste Reihe ab und saugt den gewohnten Jubel in sich auf. Schon als Subkultur-Ikone in den 80er Jahren sang er von der Sterblichkeit und der nahenden Auflösung ("Disintegration"). Wenn er jetzt im gesetzten Alter zu voluminösen Keyboard-Sounds die Zeile "This is the end of every song that we sing" anstimmt, berührt einen das auf besondere Weise. Es ist gut, dass diese Band noch unter uns weilt, und es ist faszinierend, wie gut sie ist.
Der in Berlin wegen Krankheit abwesende Langzeit-Bassist Simon Gallup ist zurück im Line Up und dreht wieder wie gewohnt in Iron Maiden-Shirt und Lederjacke seinen Runden. Sein Sohn Eden, der ihn in dieser Zeit am Bass vertrat, kümmert sich wieder um Gitarren und Keyboards. Smith freut sich sichtlich, dass sein alter Freund zurück ist, bei einigen Instrumentalpassagen stehen er und Gallup Rücken an Rücken aneinander vor Jason Coopers Drumkit ("A Forest").
Mit "In Between Days", "A Night Like This", "Push" und "Close To Me" sind gleich vier Songs ihres '85er Hitalbums "The Head On The Door" in der Setlist, die wohl damals schon in Nyon erklangen. Smith weiß um die Kraft seiner alten Heldentaten und mixt diese mit vergleichsweise neueren Songs: Dem akustischen "The Last Day Of Summer" von "Bloodflowers" (2000) oder "alt.end" vom gerne übersehenen Album "The Cure" (2004). Besonders eindrücklich schweben die eisigen Akkordläufe von "Endsong" vom aktuellen Album "Songs Of A Lost World" über das Gelände, ein letzter Blick in den Abgrund, bevor der Zugabeblock alle wieder zusammentrommelt und zum Tanzen bringt.
Dieser letzte Achterblock ist ein einziger Triumphzug, vom allseits geliebten "Lullaby" über den Mainstream-Hit "Friday I'm In Love" bis hin zu "Boys Don't Cry": Generationen von Fans liegen sich in den Armen. Hier wirkt das Bandgefüge zeitweise sogar überproportioniert: Besonders Gitarrist Reeves Gabrels schlendert während "The Lovecats" oder dem Synthie-Pop-Hit "The Walk" ohne klaren Arbeitsauftrag über die Bühne, so dass sein Sologegniedel hier noch weniger angebracht ist als in Songs wie "From The Edge Of The Deep Green Sea" oder "Fascination Street". Er nimmt es gelassen hin und dreht sich auffallend oft zu Drummer Cooper, der im Zugabenblock mit angestrengtem Gesichtsausdruck sein hochgetuntes Percussion-Kit bearbeitet. "We have one more song for you" kündigt Smith "Boys Don't Cry" an, als gäbe es anschließend noch etwas hinzuzufügen. Einer ihrer ältesten Songs ist der Schlusspunkt eines wiedermal nahezu perfekten Konzertabends.
Tracklist:
- Alone
- Pictures Of You
- High
- Lovesong
- Burn
- Fascination Street
- alt.end
- Push
- In Between Days
- Just Like Heaven
- The Last Day Of Summer
- A Night Like This
- Play For Today
- A Forest
- From The Edge Of The Deep Green Sea
- Endsong
Zugaben:
- Lullaby
- Hot Hot Hot!!!
- The Walk
- The Lovecats
- Friday I'm in Love
- Close To Me
- Why Can't I Be You?
- Boys Don't Cry






























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