Die britischen Prog-Veteranen um Steve Hogarth bespielen ihr Publikum, bis ein Waldbrand-Alarm der Show ein unerwartetes Ende setzt.

Nürnberg (phk) - Am Rücken des Nürnberger Max-Morlock-Stadions, im Volksmund das Frankenstadion, sind Marillion die einzige Rockband. Eine Überschneidung ihres Publikums mit dem von Wincent Weiss, Montez oder den Broilers in den Tagen zuvor im Rahmen des Stadionpark Open Air Sommer ist nicht anzunehmen, und im Unterschied zu Tream verkaufen Marillion das Gelände auch nicht aus.

Das Konzertareal liegt komplett im Schatten, angenehm in diesen Tagen. Die Pole-Position rechts neben der Bühne hat ein Burger-Brater, während die links hinten positionierten Pizza- und Asia-Angebote das Nachsehen haben. Allzu viel wird sowieso nicht verzehrt – es ist schwül, drückend, das Publikum kommt entsprechend luftig gekleidet.

Ein zusätzlicher Trommler

Im Publikum dominieren Herren im Alter der Musiker. Merch wird relativ wenig getragen, von ein paar verstreuten und oft schon verblassten, einst schwarzen Marillion-Shirts abgesehen. Fünf Senioren sieht man auf dem Tourplakat, drei davon Gründungsmitglieder, sechs stehen dann auf der Bühne. Der Grund: Hinter Frontmann 'H' thront ein kaum sichtbarer, von einem riesigen E-Drumset verborgener zweiter Trommler, der Auftragsmusiker Andy Gangadeen.

Sein Kerngeschäft war über die Jahrzehnte immer wieder Drum'n'Bass und Artverwandtes mit Dance-Bezug, bei Lisa Stansfield und M People ging es einst für ihn los. Die Spice Girls warben ihn bei Massive Attack ab. Die letzten Jahre sah man ihn mit Chase & Status und Rudimental touren.

Gangadeen arbeitet mit Roland-Samplepads und fügt sich gut in den Marillion-Sound ein, der dadurch irgendwie noch dreidimensionaler klingt. Unter Percussion verstehen die Progger also keine Congas, und die Electro-Trommeln treffen auf die Kaskaden von Ian Mosleys konventionellem Schlag-Aufgebot.

Nurnburg oder Nurnbörg?

Mit großen Ansagen braucht man bei den Briten nicht zu rechnen. Ob man "Nurnburg" oder "Nurnbörg" sage, flappst Steve Hogarth. "I don't know what to say", bekennt er. Um 19:53 Uhr geht es zeitig los, und alle scheinen an diesem Freitagabend auch Zeit und Stimmung mitgebracht zu haben, um ein paar Anekdoten mitzunehmen. Aber Hogarth belässt es bei diskograpfischen Angaben, wann welcher Track auf welchem Album erschienen ist. Was der Mann dennoch gut kann, ist, technische Herausforderungen mit Witzchen zu überbrücken.

Eines der neuesten Stücke, "The Crow And The Nightingale", sorgt relativ zu Beginn für ein erstes Highlight. Hogarth lässt sich eine enge schwarze Kutte anlegen und schleicht gebückt über die Bühne, mimt die Krähe in dem Lied. Seine Körpersprache macht besonders im ersten Drittel der Show einiges her, danach ermattet er diesbezüglich aber deutlich.

Der Marillion-Fronter fuchtelt, durchschneidet die Luft, malt tänzelnd Bögen rund um sein Haupt, weist gen Himmel, zeigt sich flehend, langt sich an die Stirn, balanciert eine imaginäre Rassel in der Hand, wedelt, schlenkert über die Bretter, lässt sich ungelenk auf den Po plumpsen, springt fast ohne sich abzustützen aus dem Stand auf. In Frankfurt war er ein paar Tage zuvor noch von der Bühne gestürzt, als er beim früh im Set platzierten "Easter" (von "Seasons End", 1989) dem Publikum das Mikro entgegenstreckte – geblendet vom Scheinwerferlicht hatte er die Orientierung verloren.

In hautengen Hosen durch die Sportanlage

Ohne Blessuren hüpft er nun zum Glück wieder in seiner hautengen Hose durch die Nürnberger Sportanlage, trällert aus voller Kehle. Hogarth ist super bei Stimme. Von 1989 hört man "Seasons End", gleichzeitig Beginn der inzwischen fünfmal längeren Ära Hogarths bei Marillion gegenüber Fish. "Drei Tage würde es dauern, alle unsere Alben aufzuführen", habe er überschlagen. Es klingt wie eine Entschuldigung für eine ein bisschen beliebig wirkende Songauswahl, die eine Spur balladenlastig daherkommt und so arg ruhig, bisweilen elegisch wirkt.

Immerhin behält man sich im Rahmen der Tour ein paar Albumcuts als Joker vor und variiert von Tag zu Tag, dieses Mal fällt die Wahl zum Beispiel auf "The Only Unforgivable Thing" vom Album "Marbles" (2004). Eine der Konstanten ist die Suite "Care", die 'H' bei spezifisch den Pflegekräften während der Corona-Pandemie widmet.

Die Träume sind ausgeträumt

Zu den interessantesten Konzertmomenten gehört die Ankündigung eines neuen Songs: Hogarth hadert mit dem Alter. Er sehe schöne Mädchen, sei aber beschämt das zuzugeben. Eine Schere im Kopf signalisiere ihm, dass er seine Träume bereits ausgeträumt habe, nicht mehr flirten dürfe. Den Track kündigt er für Frühjahr 2027 an, dann soll ein neuer Longplayer erscheinen, man sei aber noch weit entfernt von vollständigen Aufnahmen, Mixings und Masterings. Eine gute Nachricht ist das trotzdem, die intensive gefühlvolle Nummer weckt Lust auf das Gesamtwerk.

Das rhythmisch reizvolle "Man Of A Thousand Faces", in dem ein bisschen Rumba und Ska zu stecken scheinen, entstammt der 1997er-CD "This Strange Engine" und bestreitet glanzvolle sieben Minuten. Der Sonnenuntergang kommt gerade passend, als "Afraid Of Sunlight" einsetzt, mancherorts eine Zugabe, in Nürnberg der letzte Song der regulären Setlist.

Unerwartetes Ende

Es folgen etliche Zugaben, und man weiß nach der vierten nicht, wie viele noch gekommen wären, als Feuerwehr-Sirenen mit Mark Kellys begnadeten Sphären-Keyboards konkurrieren und der Veranstaltung ein unerwartetes Ende setzen: Am Stadtrand der Frankenmetropole, nahe dem Messegelände, hat sich ein Waldbrand entfacht, mit dessen Löschung die Rettungsleitstelle samt THW bis in die frühen Morgenstunden beschäftigt bleiben. Was gewiss nicht mehr gekommen wäre: Knaller wie "Cover My Eyes", "Chelsea Monday", "Incommunicado" oder gar "Kayleigh" - denen verweigern sich die Engländer generell.

Text: Philipp Kause.

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