Der Titel "Barbara - Becoming Shirin David" gaukelt eine Origin-Story vor. Doch statt ihrer Rap-Star-Werdung zeigt Netflix ... ja, was eigentlich?
Berlin (dani) - Lange hat es gedauert. Viel länger, als geplant: Es verzögert sich halt manches, wenn man zwischendurch das komplette Team feuert. Seit vergangener Woche ist sie nun aber streambar, die gefühlt schon ewig versprochene Netflix-Dokumentation über Shirin David, angelaufen mit erstaunlich wenig Wirbel und Promo-Fanfaren-Gedöns, nahezu unter dem Radar. Es gab noch nicht einmal einen richtigen Trailer.
Kennt man so gar nicht, von der professionellen Selbstoptimierungs- und -vermarktungs-Maschine. Tatsächlich hat mich diese ungewöhnliche Klammheimlichkeit am meisten interessiert. Was ist da los?
Eineinhalb Stunden später hat sich die Frage in eine andere verwandelt, über meinem Kopf blinkt nun in Neonfarben ein riesiges ... HÄ?
Um die 91 Minuten meiner Lebenszeit, die ich für "Barbara - Becoming Shirin David" aufgewendet habe, nicht vollkommen umsonst den Kamin hochgeblasen zu haben, versuche ich jetzt, euch zu erklären, was zum Teufel ich da gerade gesehen habe. Ich fand es nämlich durchaus bemerkenswert: Ein bizarreres Gefühl von vollkommener Leere habe ich noch nie verspürt. Willkommen in einem kosmischen Void.
Nicht, dass ich besonders viel Tiefgang erwartet hätte, wenn jemand wie Shirin David die eigene Geschichte erzählt. Sie inszeniert sich seit ihren Anfangstagen als YouTuberin vor allem als Selfmade-Powerfrau, als Unternehmerin mit einem inzwischen in viele Geschäftsfelder verzweigten Imperium. Der Eindruck, den zu pflegen sie sich offensichtlich größte Mühe gibt: Shirin David ist professionell. Perfektionistischer Kontrollfreak, der sie bekanntermaßen ist, wird sie kaum in Abgründe blicken lassen, die ihre auf Hochglanz polierte Fassade irgendwie beschädigen könnten. Von Suff- oder Drogen-Exzessen, dramatischen Abstürzen, wie sie andere mehr oder weniger öffentlich vollzogen, ist in ihrem Fall ohnehin nichts bekannt. Mit dramatischen Überraschungen war also nicht zu rechnen, eher schon mit einer ins Sagenhafte verklärten Aufstiegs-Geschichte, einem neokapitalistischen From-rags-to-riches-Märchen, getreu dem Mythos: Wenn du nur hart genug schuftest, kannst du alles erreichen.
Bist du irgendwo da drin, Babsi?
In die Irre geführt vom Titel habe ich zudem eine gefühlig inszenierte Origin-Story erwartet, eine in (wahrscheinlich ordentlich geschönten) Rückblenden erzählte, mit reichlich Nostalgie aus dem Familienfotoalbum illustrierten Rekapitulation ihrer Star-Werdung. Die Geschichte eben, wie aus Barbara wirklich Shirin David wurde. Ich hätte einiges gewettet, dass sie die Gelegenheit nutzt, um (selbstverständlich auch wieder zu einhundert Prozent kalkuliert und zu ihren Bedingungen) zu zeigen, dass hinter der durchoptimierten Kunstfigur Shirin David ein echter Mensch steckt, eine Barbara aus Fleisch und Blut, Babsi. Kurz: Ich habe ein immer aus dem vorteilhaftesten Blickwinkel gefilmtes, professionell ausgeleuchtetes "Seht her, ich bin auch ein Mensch mit Gefühlen!" erwartet.
"Barbara - Becoming Shirin David" ist nichts davon. Dieser Film ist nichts. Er zeigt nichts. Er offenbart nichts. Er löst nichts aus. Nichts, außer dem vagen Verdacht, dass diese totale, umfassende Nichtsigkeit das Phänomen Shirin David vielleicht ganz gut beschreibt. Mein Kopf sagt mir, ich sollte Mitleid haben, mit diesem Menschen Barbara Davidavicius, der ja irgendwann einmal existiert haben muss und irgendwo tief drin in dieser Entertainment-Kapitalismus-Höllenmaschine wahrscheinlich verzweifelt ums Überleben kämpft. Doch dieser Film weckt kein bisschen Empathie. Ich fühle genau nichts.
Keine Freude, keine Freunde, kein Genuss, keine Gnade
Ich sehe eine Frau, die sich (wie sie mehrfach erwähnt) alle ihre Träume erfüllt hat, nun quasi auf dem Zenit des Erreichten steht und feststellt, dass sie einsam, ausgebrannt und schweineunglücklich ist. Shirin David zu sein, ist ein Vollzeitjob, der Barbara Davidavicius ganz offensichtlich keinen Hauch Freude bereitet. Statt zu genießen, was sie sich erschuftet hat, ist sie chronisch unzufrieden, mäkelt an allem und jedem herum, am ausgiebigsten an sich selbst und der eigenen Leistung.
Noch trauriger: Shirin David hat (was sie ebenfalls mehrfach erwähnt) kein Privatleben, keinen Freundeskreis. Diese Frau hat nur Personal, berufliche Kontakte, sie ist umgeben von Angestellten. Unentwegt zuppeln drei bis fünf Leute an ihr herum, richten ihr die Haare, die Nägel, die Klamotten, schießen Fotos, loben beflissen ihr Äußeres, dabei kommen Wortwechsel dieses Kalibers zustande: "Are you ozempicing?" "No, I just don't eat." Na, herzliches Beileid.
Essen sieht man Shirin David in diesem ganzen Film tatsächlich satte zweimal: jeweils irgendwelchen freudlosen Fraß aus Pappschachteln. Genuss ist ihr offensichtlich genau so fremd wie Lebensfreude: Gelacht hat sie in den eineinhalb Stunden Laufzeit gefühlt auch ungefähr zweimal, einmal davon als hysterische Übersprung-Reaktion auf die Versuche ihres Managers, ihr klarzumachen, dass niemand außer ihr selbst die kleinen Fehlerchen in der Choreografie überhaupt bemerken würde, derentwegen sich Shirin backstage nach der Probe (!) für einen Auftritt schier zerfleischt.
Mama sieht alles
Okay, ihre Mutter bemerkt es. Die, offenbar als strengste Kritikerin von allen überall dabei, scheint alles zu bemerken, stößt ihre Tochter nach besagter Probe mit der Nase auf die Stelle, an der sie einen Schritt zu viel oder einen nicht perfekt auf den Takt gesetzt hat. Man kann sich gut vorstellen, wie diese Frau ihre beiden Kinder unbarmherzig durch Ballettstunden, Musikunterricht, ins Museum gescheucht hat, in der besten Absicht, ihnen trotz beschränkter finanzieller Mittel alle kulturellen Möglichkeiten zu bieten.
Aus Shirins Kindheit bekommt man entsprechend auch nicht viel mehr gezeigt als ein paar grisselige Aufnahmen von ihr und ihrer Schwester, die meisten aus der Ballettschule. Es macht sich allerdings das ungute Gefühl breit: Viel mehr als Drill war da wahrscheinlich wirklich gar nicht. Was eigentlich auch wieder elend traurig ist, aber ebenfalls merkwürdig berührungslos an mir vorbeizieht. Am verwunderlichsten kommt mir allerdings vor, dass Shirins Mutter bei all dem echt sympathisch rüberkommt, wie ein richtiger Mensch eben, der versucht hat, nach Kräften das Richtige zu tun.
Mit Ausnahme ihrer Mutter und ihrer Schwester scheint es original niemanden zu geben, der die echte Barbara überhaupt kennt. Entsprechend kommt abgesehen von Shirins Manager auch niemand sonst zu Wort. Alle drei wirken neben der Protagonistin sehr echt, erzählen aber auch nichts von Belang. Durften sie nicht? Wer weiß. Vielleicht gibt es über Shirin David aber einfach nichts zu erzählen. Sie arbeitet Tag und Nacht, sehnt sich angeblich nach einer Auszeit, nimmt sie sich aber nicht. Obwohl sie könnte. Wie soll man da Mitgefühl entwickeln?
Ein tapferer Profiteur
Einen Hauch Mitleid bekomme ich, wenn überhaupt, allenfalls für Shirins Manager zusammengekratzt. Der tapfere Taban Jafari bekommt die Launen seiner Chefin unentwegt ungefiltert ab. Offenbar muss er sogar seine Freizeit mit ihr zubringen, sie nach Litauen begleiten, in das Haus, in dem Shirin mit Mutter und Schwester früher die Sommerferien verbracht hat. In diesem etwas schäbigen Ambiente, das für ihn ja keinerlei nostalgischen Mehrwert hat, sitzt er dann herum wie bestellt und nicht abgeholt, und man fragt sich schon, wie er diesen Trip wohl in Rechnung stellen wird. Immerhin ist der Mann zu ausreichend Selbstreflektion fähig, um sich selbst als Teil des Problems zu erkennen: Er verdiene ja schließlich daran, dass die Maschinerie Shirin David laufe. Weswegen er Shirin immer wieder antreibt, sie aber auch aufzubauen und zusammenzuhalten versucht.
Shirin David bräuchte allerdings mehr als laienhafte Motivationsfloskeln. Es liegt auf der Hand und sie spricht das ja auch selbst aus: Eigentlich bräuchte sie therapeutische Hilfe. Auch hier bleibt es beim Darüber-Reden. Sie vertraue potenziellen Therapeut*innen einfach nicht, sie würde sich dort nicht öffnen, also geht sie gar nicht erst hin. Tja. Statt der Ursache für ihre offensichtlichen Trust-Issues auf den Grund zu gehen und sich professionell helfen zu lassen, flieht sie vor sich selbst in ihr riesiges, selbst erschaffenes Hamsterrad.
Früher Luxus, heute Job
Ihr Traum sei ein Bambi gewesen, erzählt sie irgendwo. Dann hatte sie einen, in der Kategorie "Shooting Star", weil sie es von der Beauty-Influencerin zur Rapperin geschafft hatte. Ihr Traum sei aber ein Musik-Bambi gewesen. Dann bekam sie den auch, die Proben für und den Auftritt bei der Bambi-Verleihung inszeniert sie in ihrer Doku aber als einzige Qual, genau wie die Vorbereitung auf ihre überdimensionierte Arena-Tour. Nichts, aber auch gar nichts daran sieht nach Spaß aus, oder auch nur nach der Befriedigung, gemeinsam eine gute Show auf die Beine zu stellen.
Shirin David wirkt da im Kreise der Horden allesamt bezahlter Tänzerinnen, bezahlter Choreografinnen, bezahlter Fotografinnen, bezahlter Visagistinnen, bezahlter Licht-, Ton-, Studiotechniker wie das, was sie wahrscheinlich einfach ist: wie jemand, der seine Arbeit macht. Harte Arbeit, wohlgemerkt. Nicht etwa Kunst. Bezeichnender Satz: "Früher war für mich Luxus, ins Nagelstudio zu gehen. Heute ist es mein Job." Wie traurig ist das, und wie völlig egal ist es mir wieder.
Keine Rede von Musik
Sie liebe Rap, behauptet sie an einer Stelle, beschwert sich an einer anderen, die Berichterstattung über sie drehe sich immer nur um Äußerlichkeiten, niemals um die Musik. Jetzt rege ich mich doch beinahe auf: Ja, Himmelherrgott! Wenn jemand alle Fäden in der Hand hat, seine eigene Doku dreht und alles entscheidet und kontrolliert, wären doch alle Möglichkeiten gegeben gewesen, um von der Musik zu sprechen. Man hätte vielleicht sogar Laas zwei, drei Sätze sagen lassen können, von dem ja jede*r weiß, dass er Shirin die Texte schreibt, allein deshalb wäre er wenigstens eine Erwähnung wert gewesen.
Aber: nö. Kein Wort über Laas. Überhaupt kein Wort über die Kunst: Nicht ein einziger Song wird thematisiert. Musik spielt überhaupt keine Rolle. Dafür spricht Shirin David von ihren Beauty-OPs, die sie als lohnende Investments beschreibt, und die Kamera hält drauf, auf Bauch, Beine, Po. Niemand spricht über Shirin David als Musikerin, das stimmt. Warum auch? Sie selbst tut es ja auch nicht.
Alles erreicht. Alles nichts wert.
Die Dokumentation begleitet Shirin David hauptsächlich bei der Vorbereitung zu ihrer Stadion-Tournee. Statt sich darauf zu freuen, hängen die bevorstehenden Auftritte wie eine drohende schwarze Wolke über allem. Alles muss funktionieren. Shirin David muss funktionieren. Niemand scheint irgendeinen Funken Freude zu empfinden, nur Stress, Druck, Gereiztheit, Selbstzerfleischung. Nach den ersten Auftritten ist die Stimmung komplett am Boden. Das Publikum jubelt zwar, aber scheiß doch auf das Publikum. Wenn zu viel Schatten auf dem Gesicht lag oder irgendwo eine Drehung nicht synchron ablief, war alles nichts wert.
Irgendjemand hat bei Shirin wohl doch genug Gehör gefunden, um mit der Anmerkung durchzudringen, dass das vermutlich eine ganz schön deprimierende Note wäre, um darauf zu enden. Anders kann ich mir nicht erklären, dass in den allerletzten Minuten urplötzlich die Rede davon ist, wie großartig die Auftritte, die ganze Tour dann doch noch gewesen seien sollen. Man sieht, hört, merkt nichts davon, ergo klingt es wie ein schnödes Lippenbekenntnis. Shirin David hat offenbar alles erreicht, das sie sich erträumt hat. Es fühlt sich an wie dieser ganze Film: wie nichts.

1 Kommentar
ich denke das ist genau richtige film zu richtige zeit für capslokk