laut.de-Kritik
UK-Indie frisch vom Berliner Späti.
Review von Marie PütterOlafur Mowa macht lieber sein eigenes Ding. Auf seinem Solodebüt stolpert der Berliner durch Indie-Gitarren, elektronische Beats und allerlei klangliche Vielfalt. Das klingt manchmal nach einem Unfall, meistens aber nach einem ziemlich guten Zufall.
Es gibt Stimmen, die muss man mögen. Olafur Mowas gehört definitiv dazu. Sie quietscht, kratzt und klingt, als würde ihr Besitzer gerade mit sich selbst um die richtige Tonlage ringen. Dazu dieser britische Akzent, der einen eher an die Londoner Straßen als an Berliner Spätis denken lässt. Wer sich darauf einlässt, wird schnell belohnt. Denn auf "Post Internet Era" ist Mowas Stimme kein gewöhnungsbedürftiges Beiwerk, sondern das Herzstück eines Sounds, der ohne sie vermutlich nur halb so interessant wäre.
Sechs Jahre lang stand der 26-Jährige mit der Indie-Band GiGiBlow auf der Bühne, nun legt er sein erstes Soloalbum vor. Gemeinsam mit seinem Freund Donkey Kid, der auch an der Produktion beteiligt war, bastelt er an 13 Songs, die sich zwischen Indie-Rock, Electropop, Hip-Hop und hyperaktivem Hyper-Pop bewegen.
Schrammelnde Gitarren treiben "Roadtrip" voran, während Hall und Synthesizer immer wieder dazwischenfunken. Das klingt stellenweise nach einer Band, die sich im Proberaum gerade in etwas hineinsteigert, das niemand mehr so richtig kontrollieren kann.
Mit "Talk Shit Get High" nimmt das Album dann richtig Fahrt auf. Der Song ist einer meiner Favoriten: Schräge Geräusche, treibende Synthesizer und Drums schieben sich gegenseitig an, während Mowa zwischen rapartigen Passagen und seinem gequälten Gesang wechselt. Donkey Kid fügt sich als Feature-Gast so selbstverständlich ein, dass man die beiden am liebsten gleich noch ein paar Runden gemeinsam drehen lassen würde.
Textlich steckt hinter dem vermeintlichen Größenwahn eine ordentliche Portion Ernüchterung. "I bought depression with a view" klingt wie die zynische Bilanz eines Lebens, das nach außen eigentlich ziemlich gut aussehen müsste. Zusammen mit der Zeile "When I fuck around I don’t find out" entsteht das Bild eines Menschen, der sich zwischen Selbstüberschätzung und Selbstsabotage bewegt. Man nimmt sich selbst nicht allzu ernst, bekommt seine Probleme dadurch aber auch nicht unbedingt in den Griff.
Genau diese Widersprüche ziehen sich durch "Post Internet Era". Der Albumtitel bezeichnet schließlich keine Zukunft ohne Internet, sondern eine Gegenwart, in der digitale Selbstdarstellung längst zum Alltag gehört. Mowas Figuren machen Selfies, teilen ihre Träume und scheinen trotzdem nicht so recht zu wissen, wohin mit sich. Die eigene Identität als Baustelle zwischen Größenfantasien, Angst und der nächsten Ablenkung. Das wirkt weniger wie ein ausgearbeitetes Manifest als wie ein Gedankenschwall, der direkt aus dem Kopf auf die Festplatte gefallen ist.
"Tomorrow Isn't Guaranteed" setzt auf tiefe, dröhnende Basslines, die dem zunächst zurückhaltenden Einstieg ordentlich Gewicht verleihen. Wenn der Beat einsetzt und die Bassline plötzlich wegbricht, sitzt der Schnitt genau richtig. "Give Me Back My Years" nimmt dagegen etwas Tempo aus dem Geschehen. Die schlichteren Synthesizer und die knackigen Drums lassen dem Song mehr Luft, ohne dass er im Albumkontext aus dem Rahmen fällt.
An anderer Stelle darf es wieder deutlich verschrobener werden. "Selfie At The Beach" verzichtet auf eine klassische Pop-Dramaturgie und lässt verzerrte Gitarren, Melancholie und Mowas eigenwilligen Gesang einfach ineinanderlaufen. Dass dem Song ein Interlude mit einer wunderbar altmodisch klingenden Klavierfassung vorausgeht, macht den Kontrast umso schöner.
Mit "Hide My Face" zeigt Mowa schließlich, dass er durchaus weiß, wie ein zugänglicherer Popsong funktioniert. Die eingängige Melodie, die markanten Gitarren und die starke Bridge geben dem Stück eine klarere Struktur, ohne die Ecken abzuschleifen. "Mazzy Star" und "Head Affair" drehen den elektronischen Anteil noch weiter auf, wobei vor allem die hochgepitchten Vocals und die wuchtigen Bässe für ordentlich Bewegung sorgen. Mir ist das stellenweise etwas zu viel des Guten.
Am Ende wartet mit "Heaven Is A Hotel Room With You" mein persönlicher Höhepunkt. Die Gitarren spielen eine vergleichsweise simple Akkordfolge, aber eben eine, die fantastisch funktioniert und voran treibt. Das ist gleichzeitig ziemlich kitschig und angenehm unprätentiös. Vor allem aber ist es ein verdammt guter Indie-Song.
Der frühe King Krule kommt einem bei Mowa immer wieder in den Sinn, Jamie T oder auch Bakar. Entscheidend ist jedoch, dass "Post Internet Era" nicht bloß nach dem nächsten Indie-Geheimtipp klingt. Die Mischung aus schiefen Gitarren, clubtauglichen Beats, Hip-Hop-Skizzen und einer Stimme, die sich konsequent jeder Glätte verweigert, hat ihren eigenen Reiz.


1 Kommentar
"selfie at the beach" gefällt. vibiges indiefutter für die playlist