laut.de-Kritik

Schmerzhafter Neubeginn mit Versprechen für die Zukunft.

Review von

Fibromyalgie, so lautet die Zungenbrecher-Diagnose der Schmerzerkrankung von Punch Arogunz 2016. Was folgt sind eineinhalb Jahre Untertauchen, den Kopf in den Niederlanden frei bekommen und ein Umzug nach Berlin. Im Frühjahr die Trennung von Saads Halunkenbande und der Entschluss, gemeinsam mit Twizzy das Label Attitude Movement zu gründen. Ende des Jahres folgt die Veröffentlichung von 100 Bars/Wake-Up-Call. Ein erstes raptechnisches Lebenszeichen, das vor allem in Richtung des ehemaligen Mentoren Baba Saad schießt.

Klar ist, dem Battlerap hat er nicht vollends entsagt. Dass "Schmerzlos" jedoch eine Neuausrichtung in seinem bisherigen Schaffen darstellt, steht genauso außer Frage. Krankheit, Medikamentensucht und der Kampf um ein Leben danach sind die zentralen Themen des Longplayers. Denn es hätte auch anders laufen können, wie der "Was wäre wenn ..."-Track "Eine Geht Noch" deutlich vor Augen führt: "Erzähl mir nichts von einem harten Leben / ich bin nicht schwach, nein, sondern nur lange genug stark gewesen."

Zwischen blinder Wut, Zuversicht und Hoffnungslosigkeit schlägt das Pendel mal ins eine, mal ins andere Extrem aus. "Mehr Tilidin" reflektiert die eigene Abhängigkeit von Tilidin, ein der Gruppe der Opiate zugehöriges, sehr starkes Schmerzmittel. Aus der Innenschau des Patienten Punch Arogunz übertragen sich Unbehagen und ein Gefühl von Ohnmacht auf den Hörer: "Doch es gibt sicher noch eine Tablette für mein Leid, das mich quält. Und plötzlich woll'n sie mich operier'n und es muss gleich passier'n. Keine klare Diagnose, nur 'Ich könnte mein Bein verlier'n'. Rein in den Traum, sie schneiden mich auf. Komplikationen bleiben nicht aus. Während der Operation wach ich auf."

"Auf Der Jagd" begleitet eine neben sich stehende Gitarrenspur, während Punch sich auf die Pirsch begibt. Rückt der Doc nichts raus von der "Lieblingssorte", schaut sich Deutschraps Wolverine eben anderweitig um: "Es geht gar nicht mal mehr darum high zu werden, sondern vielmehr ein Unglück abzuwenden. Vielleicht mach' ich einfach den kalten Entzug. Wird zwar nicht einfach, doch dann ist es gut, dann ist es gut. Aber lieber hätt' ich eine ganze Schachtel im Blut."

Nicht nur die eigene Befriedigung der Sucht, sondern auch die Produktion der Songs bleibt des Öfteren auf der Strecke. Das Intro etwa begleiten Tempelritter-Chants, wie sie schon dutzendfach bei Aggro und Konsorten Verwendung fanden und neben unmotiviert eingesetzten Adlibs lediglich dazu taugen, der Gangster-Attitude Ausdruck zu verleihen. "Mehr Tilidin" klingt wie ein Ausflug in die Strobo-Disko, "Ekliger Feind" wie einer in die 2000er. Keiner der Beats will so richtig hängenbleiben, nichts drängt sich auf, allein wegen der Struktur ein zweites Mal gehört zu werden.

So ist es vor allem die Story, die Punch Arogunz' drittes Album zu einem hörenswerten macht und es aus dem bisherigen Schaffen des Künstlers hervortreten lässt. Das unliebsame Etikett VBT/Youtube-Rapper ist er damit los. Viel wichtiger scheint jedoch, dass er all die negativen Erfahrungen der jüngeren Vergangenheit kanalisieren konnte. Heraus gekommen ist ein Album, das sich wie ein Debüt anfühlt und Lust auf mehr macht.

Trackliste

  1. 1. Wake-Up-Call
  2. 2. Mehr Tilidin
  3. 3. Vakuum
  4. 4. Kopfkrieg
  5. 5. Attitude
  6. 6. Auf Der Jagd
  7. 7. Ekliger Feind
  8. 8. Knock Ihn Aus
  9. 9. Wir Sind Krank
  10. 10. Started From Hell
  11. 11. Dröhnung Extrem
  12. 12. Was Weißt Du Davon
  13. 13. So Wollen Wir Leben
  14. 14. Harley Quinn
  15. 15. Eine Geht Noch

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LAUT.DE-PORTRÄT Punch Arogunz

Wer als Interessen "Geld. Frauen. Fame" angibt, dem ist vermutlich früh klar: Video-Battlerap-Turniere sind vor allem der Einstieg in die hiesige Szene.

6 Kommentare mit 9 Antworten

  • Vor 7 Jahren

    Kann zum Album nicht wirklich was sagen, den Typen an sich fand ich immer ungebbar.
    Aber zu euren Reviews: Mir ist schon öfter aufgefallen, dass da grammatikalisch öfter mal was im Argen ist. "Dass" und "das" unterscheiden können sollte Standard und absolut erwartbar von professionellem Journalismus sein.

  • Vor 7 Jahren

    Kurz und schmerzlos ungehört 0/5. Weder beim VBT noch auf sonstigen Bühnen ein spannender Act. Wirkt eher wie ein unterernährter Lurch mit faden Beatgeschmack, sowohl als Battlerapkarikatur als auch in der Rolle des Seelenstrippers

    • Vor 4 Jahren

      Das spricht jetzt aber nicht unbedingt für dein Musikverständnis, wenn für dich im Rap Aussehen und Figur eine relevante Rolle spielen. (Warum unterernährt, erklärt er auf dem Album, eben wegen seiner schweren Nervenerkrankung. Deshalb Leute zu mobben, is schon extrem assi, Mann.)

  • Vor 7 Jahren

    boah unhörbar. nach einer minute ausgemacht. überhaupt kein sinn für asthetik, oder flow. kein charisma. ekelhafte majoe-musik.

    • Vor 4 Jahren

      Ich werte das mal einfach als Sarkasmus. Das is einer der besten Flower im Land, Top 3 locker. Und so wird er auch gesehn. Häufige Flowswitches, kreative Flows, technisch sehr anspruchsvolle/schwierige Flowpassagen, gleichzeitig einer der allerschnellsten Rapper im Lande etc

  • Vor 7 Jahren

    Dieser Kommentar wurde vor 7 Jahren durch den Autor entfernt.

  • Vor 7 Jahren

    Ihr habt ja richtig Ahnung vom Rap anscheinend hier. Eins der besten Alben des Jahres und einer der besten deutschen MC`s.
    Aber gebt euch ruhig weiter Baba Saad Songs.

  • Vor 4 Jahren

    Eines meiner Top 5 Deutschrap-Lieblingsalben aller Zeiten. Ein paar wenige Nummern gefallen mir nicht ganz so gut wie der Rest, aber als Gesamtprodukt is es der absolute Hammer. Super abwechslunsgreich, technische Höchstleistung (meiner persönlichen Meinung nach der flowtechnisch wohl talentierteste Rapper im Lande) und von den technisch Herausragenden leider so ziemlich der einzige, der auch Inhalt in den Texten hat. Abgesehn davon kein Statussymbol-/Designermarken-Flex-Rapper im Gegensatz zum Gros der heutigen Szene (was ich sehr schade finde). Es sollte viel, viel mehr Rapper wie ihn geben.