laut.de-Kritik
Don't dream it. Be it.
Review von Dani Fromm"Give yourself over to absolute pleasure", kommandierte Tim Curry in seiner Paraderolle des Frank N. Furter einst in der "Rocky Horror (Picture) Show". Wer könnte einem (in der Tat very!) "Sweet Transvestite" widersprechen? Wer wollte das? Warum auch? Stürzen wir uns also getrost hinein, in den erst Musical, dann Film, dann Kult gewordenen Fiebertraum, der manche verstört, viele empört, andere dafür aber mit offenen Armen empfangen hat.
Welche Kreise das Stück ziehen sollte, als wie langlebig und unkaputtbar es sich erweisen sollte, hätte sich sein Urheber Richard O'Brien wahrscheinlich nicht zu erträumen gewagt, als er Anfang der 1970er zwischen zwei Schauspiel-Engagements seiner Passion für Sci-Fi- und Horror-B-Movies freien Lauf ließ. Als Hommage an das schrottige, stets ein bisschen belächelte Genre ersann er Personal und Story der "Rocky Horror Show", und obendrein die Musik dazu, um all das für die Musicalbühne flott zu machen.
Das Stück feierte 1973 Premiere, erntete zwar einige euphorische Kritiken und fand ein paar Fans, entpuppte sich für die prüde Masse aber wohl doch zu offenherzig, um so richtig einzuschlagen. Den australischen Regisseur Jim Sharman schreckten die Verklemmtheiten seiner Zeitgenoss*innen nicht: Er krallte sich den Stoff und einen Teil der Theater-Besetzung, darunter natürlich Dreh- und Angelpunkt Tim Curry, und machte die Kino-Version namens "The Rocky Horror Picture Show" daraus. Autor O'Brien packte Sharman gleich mit ein, er ist in der Nebenrolle des Igor-esken Butlers Riff Raff zu sehen.
Der Plot in Kürze: Das biedere Pärchen Brad und Janet, frisch verlobt, aber, wie anständige junge Leute seinerzeit eben waren, beide noch unberührt, haben eine Autopanne. Natürlich ist es Nacht, natürlich bricht über der Szenerie ein Unwetter hernieder, natürlich scheint das einzige Licht, das weit und breit zu sehen ist, "over at the Frankenstein place". In der Hoffnung, von ebendort Hilfe herbeitelefonieren zu können, machen sich beide auf zum gruseligen Schloss, wo neben zwielichtigen Dienstboten, darunter der erwähnte Riff Raff und seine Schwester, das Hausmädchen Magenta, der Hausherr wartet.
Wobei ... Herr? Wer wird denn so binär denken wollen! Dr. Frank N. Furter ist nicht nur, gruselfilm-typisch, der Prototyp des verrückten Wissenschaftlers, sondern darüber hinaus ein pansexueller Crossdresser, der (Spoiler: erfolgreich) alles daransetzt, Brad und Janet ihrer Jungfräulichkeit zu berauben und sie in die wunderbare Welt der fleischlichen Freuden einzuführen. Durch die Handlung geistern zudem ein infolge skurriler Experimente hirnloser, erst untoter, dann ziemlich toter Biker namens Eddie, furios verkörpert von Meat Loaf, und die Frucht besagter Experimente: Rocky, ein naiver, jedoch nicht lange unbeleckter muskelbepackter He-Man-Verschnitt.
Am Ende haben es gefühlt alle mit allen getrieben, es stellt sich raus, dass Frank N. Furter und Konsorten Außerirdische auf einer Mission sind, die, nachdem alles gründlich aus dem Ruder gelaufen ist, ihre Zelte auf der Erde wieder abbrechen und gen Heimat, nach Transsexual Transsylvania zurückkehren. Uff.
Als ich diesen Film im Schlepp meiner mehrere Jahre älteren Schwester das erste Mal gesehen habe, war ich ungefähr acht Jahre alt. Selbsternannte Sittenwächter*innen mögen Amok laufen und vom "woken Genderterror" schnappatmen, der "unsere Kinder verdirbt". Mir hat das trotzdem, bilde ich mir zumindest ein, nicht besonders geschadet. Ich hatte zwar keine Ahnung, was ich da gerade gesehen habe, fand aber vieles lustig und diesen Mann mit den in High-Heels und Netzstrümpfen wahrhaftig endlos scheinenden Beinen, wenngleich durchaus ein bisschen verdächtig, einfach zum Sterben schön.
In "Fame", einem anderen Musikfilm, den ich, ebenfalls dank meiner Schwester, in relativ zartem Alter gesehen habe, begegnete ich der "Rocky Horror Picture Show" dann schon wieder: Einige der Hauptdarsteller besuchten da eine mitternächtliche Vorstellung in einem Programmkino, in dem sich eine eingeschworene Fangemeinde versammelt hatte und den absoluten Exzess vom Zaun brach. Huch?! Eine wahre Geschichte, wie ich später lernte: Der anfangs gar nicht so wahnsinnig erfolgreiche Streifen entwickelte sich zum Kultfilm, als ihn das Waverly Theatre in New York ins Programm nahm und über viele Jahre hinweg jede Freitag- und Samstagnacht um Mitternacht zeigte. Die Fans, aufgebrezelt wie die Charaktere auf der Leinwand, und mit allerlei Ausrüstung bewaffnet, strömten in Scharen herbei. Manche kamen jede Woche, spielten Szenen parallel zur Handlung nach, sprachen bestimmte Zeilen mit, verwandelten jede Vorstellung in ein Happening und den Kinosaal in einen safe space für queere oder sonstwie anders gepolte Menschen. Wundervoll.
Die Story und das Charisma der Darsteller*innen trugen zu dieser Entwicklung sicher einen riesigen Teil bei. Ohne die passende Musik hätte das aber wohl kaum derart gut und bestimmt nicht so lang anhaltend funktioniert. Zumal wir es hier mit einem der ganz seltenen Fälle zu tun haben, in denen ein Soundtrack auch ohne die zugehörigen bewegten Bilder Sinn ergibt. Die komplette vogelwilde Story steckt ja in den Songs. Angefangen beim cineastischen Opener, der einem gleich zu beginn erklärt, womit wir es eigentlich zu tun haben: mit einem "Science Fiction/Double Feature". Vorhang auf!
"Dammit Janet", knallt Brad Majors, grandios dargestellt von Barry Bostwick, seiner Verlobten Janet Weiss eine Liebeserklärung vor den Latz: "Dammit, Janet, I love you" entwickelte sich daraufhin zu einer viel zitierten Phrase, heute würde man wahrscheinlich von einem Meme sprechen. Für einen nicht hauptberuflich singenden Schauspieler erwies sich Bostwick als ausgesprochen gut bei Stimme. Seine Filmpartnerin, eine noch sehr junge Susan Sarandon, klang da deutlich eigenwilliger, was zu ihrer Rolle aber auch prächtig passte. Ihr hysterisches Flehen "Touch-a, touch-a, touch-a, touch me, I wanna feel diiiiirty", gehässig und noch überspannter vom Personal des Hauses Furter nachgeäfft, schraubt sich jedenfalls, einmal gehört, für sehr lange Zeit in den Gehörgang.
Die Songs verquicken Camp, Rock'n'Roll, Balladenmaterial und Glam Rock zu einer der Handlung angemessen abstrusen Melange. Meat Loaf alias Eddie lässt mit "Hot Patootie - Bless My Soul" einen Tanzbodenfeger allererster Güte vom Stapel. Der eine Weile lang omnipräsente "Time Warp" lotst ebenfalls direkt auf den Dancefloor, zumal er die Schrittfolge per Tanz-Tutorial gleich mitliefert. Reihenweise platzierten die Menschen daraufhin weisungsgemäß die Hände auf den Hüften und knickten ein, bis die Knie einander berührten, nachdem ein Schritt mach links und einer nach rechts absolviert waren: Zeitsprung in die TikTok-Ära, nur eben lange vor TikTok.
Richard 'Riff Raff' O'Brien gibt im Eröffnungs-Song wie der am Ende wiederkehrenden Reprise den würdevollen Crooner, der zusammen mit Sarandon und Bostwick auch im schwelgerischen "Over At The Frankenstein Place" noch einmal zum Zug kommt. Doch natürlich lässt sich Tim Curry von niemandem die Butter vom Brot nehmen. Die Figur Frank N. Furter scheint aber auch einzig und allein dafür geschaffen worden zu sein, damit er seine höchste Trumpfkarte ausspielen kann: sein Talent zur hemmungslosen Übertreibung.
Seine absoluten Peak-Momente hat dieses Album, wenn Frank N. Furter Curry sich über alle Konventionen hinwegsetzt. Bis zur Comichaftigkeit überzeichnet, outet er sich als "Sweet Transvestite": unwiderstehlich. Noch unwiderstehlicher, wenn er verheißt: "I Can Make You A Man" - was eigentlich nur die Antwort "Ja, bitte!" zulässt. Den Erfolg der "Rocky Horror Picture Show" hatte Curry vorausgesehen: Nachdem ihm Regisseur Sherman das Script zugesteckt hatte, kommentierte er gegenüber Autor O'Brien, den er zufällig getroffen hatte: "Junge, wenn das funktioniert, wird das aber sowas von einschlagen" ... and it did.
Frank N. Furter wird jedoch niemanden mehr zum Mann machen, Tim Curry hat dieser Tage seine andere Prophezeiung erfüllt: "I'm Going Home". Bereits 2012 hatte der britische Schauspieler, Sänger, Songwriter und Synchronsprecher einen Schlaganfall erlitten, der ihn später an den Rollstuhl fesselte. Nun ist er im Alter von 80 Jahren in Los Angeles gestorben. Man könnte seiner wahrhaftig schlechter gedenken, als aus diesem traurigen Anlass "The Rocky Horror Picture Show" wieder herauszukramen. Die Moral der ganzen Geschichte bleibt ohnehin ein zeitlos guter Rat: "Don't dream it. Be it."
In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.


2 Kommentare mit 2 Antworten
A Toast: To absent friends...
RIP Tim Curry
A Toast: To absent friends...
RIP Tim Curry
Upps, ein Doubl Feature Post. Und Dani, vielleicht interpretiere ich das falsch, aber Frank macht nicht aus jemandem einen Mann, sondern er erschafft(Frankenstein-Gottgleich) einen. Eventuell auch für dich
danke, sehr fürsorglich. ich bin dahingehend aber bereits mit dem besten versorgt.
ja, klar, so kann man das auch interpretieren. allerdings macht er schon auch baby brad zum mann. oder etwa nicht?