laut.de-Kritik

Netter Retro-Kitsch für einsame Seelen.

Review von

Zwar gehört Stephen Sanchez mit seinen 23 Jahren zur Gen Z, seine Musik hört sich aber an, als wäre sie der Soundtrack einer 50er-/60er-Jahre-Schnulze. Wie bei Filmmusik sind die Lyrics nur halb so wichtig wie die Emotionalität der Klänge. Die versprühen "Love, Love, Love". Sanchez wagt sich an hohe, hoffnungsvolle Töne über die Liebe - mal romantisch, mal familiär und mal giga-schmalzig.

Los, tanzt! Das schreit der Opener des Albums. Zum Herumschaukeln ist "It Might Be Love" echt super, dennoch auch etwas seicht, dass man sich nicht schlecht fühlen muss, wenn der Text nicht sitzt. Verträumte Klavierakkorde unterbrechen die aufgeheizte Gitarrenstimmung, nur damit diese dann wieder mit Karacho den Track zu Ende treibt. Keine Zeit für Pause, auch "Sweet Love" versprüht gute Retro-Laune. Ein Ensemble von Schlagwerken, Bass, Gitarre, Bläser mit Hintergrundunterstützung von einer Jahrmarktsorgel erzeugt echte Kirmesnostalgie. Trotz Romantisierens der Vergangenheit zieht der Sänger in "Love, Love, Love" den Schluss: "I would rather die than hate you / Let the weight of my love just break you down / To build you up with agape kind of love". Eine schöne Vorstellung, wenn das Rezept für eine bessere Welt, ein bisschen bedingungslose Liebe wäre.

In Deutschland wurde im Jahr 1967 das Schwarz-Weiß-Fernsehen vom Farbfernsehen abgelöst - in "Home To Mother" macht Sanchez eine Frau für seine nun bunte Sicht verantwortlich - Ciao grauer Einheitsbrei namens Leben. Die Musik düdelt vor sich hin, auffallend sind die zahlreichen Chor- und Backgroundgesangsmomente, gute Einladung zum Mitsingen.

Schmeiß das Geld weg, ich bin eh reich. Reich an Liebe fügt der junge Musiker hinzu. Er zeichnet das Bild einer in seinen Augen begehrenswerten Frau, und bevor der Text zu sehr nach obsoleter Objektifizierung klingt, macht er deutlich, dass sie ihn in der Hand hat - Girlboss! Musikalisch reißt mich der Track von allen elf des Albums am meisten mit, die Bläser sind ideal eingesetzt, sie posaunen so, dass man sich wie die Königin der Welt fühlen muss. Als royale Wenigkeit, ist es natürlich fast schon obligatorisch, seine Macht mit dem Besitz von einer Insel zu zementieren. Einen passenden Urlaubssound mit Reggae-Anmutung liefert "Already Got Me". Anders als bei dem von Bob Marley stark geprägten Genre sind sozialkritische Themen hier nicht im Fokus.

"Ooo Baby (I Love You)" ist ein unspektakuläres American Sweetheart im Longplayer, und ist neben "Dance Away The Music" der einzige Track, den Stephen Sanchez bisher noch nie live performt hat. Da entgeht uns nichts. Anders dazu lockt seine Stimme in "Forgetting Your Kiss" und schlängelt sich aus der Tiefe in schwindelerregende Höhen. "Ooh, love, to me, was always a paycheck / But you came to me longing to change it" singt sich der Musiker die Seele aus dem Leib, begleitet von rockigen Tunes. Gut, dass Sanchez irgendwann gecheckt hat, dass sich Liebe nicht nur nach Arbeit, sondern auch einfach schön anfühlen kann.

Selbstliebe ist ja eigentlich was Tolles (natürlich in gesunden Maßen, ich spreche hier nicht von manchen Männern, die so ihren Egozentrismus legitimieren). Stephen Sanchez schafft es aber tragischerweise, dieser Message in "You Are So Beautiful" die Kirsche der Kitschtorte aufzusetzen. Dennoch: Heutzutage ein Album über Liebe und nur Liebe zu machen, ist ein Statement, das unsere untergehende Welt durchaus braucht.

Trackliste

  1. 1. It Might Be Love
  2. 2. Sweet Love
  3. 3. Love, Love, Love
  4. 4. Home To Mother
  5. 5. Chuck The Money
  6. 6. Already Got Me
  7. 7. Ooo Baby (I Love You)
  8. 8. Dance Away The Music
  9. 9. Forgetting Your Kiss
  10. 10. Don't Let Me Go
  11. 11. You Are So Beautiful

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