laut.de-Kritik
Folk abseits von Trends und TikTok – unaufgeregt und uneitel.
Review von Kerstin KratochwillSchon mit dem ersten Ton öffnet sich bei dem neuen Album des Folk-Duos The Milk Carton Kids aus sunny California eine Pforte in zeitlose Gefilde oder Felder, die hier in Herbstfarben das bessere Bild abgeben: "Lost Cause Lover Fool" klingt wie aus einer Epoche, in der Oma einen selbstgebackenen Früchtekuchen auf der Veranda serviert, während Opa auf dem Schaukelstuhl mit Grashalm im Mund sanft dazu schaukelt.
Zurücklehnen und zuhören lautet also das Motto dieses mittlerweile siebten Albums der mehrfach Grammy-nominierten Musiker Kenneth Pattengale und Joey Ryan, die auch jetzt wieder auf sanften Sound in einer lärmenden Welt setzen. "The Sound Of Silence", der Über-Song im Folk-Genre, schwingt vor dem geistigen Auge als Schild umher. Simon & Garfunkel stehen selbstverständlich Pate, aber die Stimmen von Ryan & Pattengale sind noch enger miteinander verwoben, wie verzweigte und verwachsene Ängste rangeln sie sich um die zarten Songs.
Auch diese wirken auf das erste Hören wie dahin getupfte Skizzen, gitarrenspielende Leichtigkeit inklusive. Doch die minimalistischen Arrangements mit Banjo, Bluesigem und Bluegrass sind dazu gemacht, Momente zu maximieren: The Milk Carton Kids leben den naiven wie nostalgischen Ansatz, sich an das Kind in einem selbst zu erinnern.
Wenn man an den Hintergrund ihres Namens denkt, nämlich die in den USA in der Vergangenheit übliche Praxis, Fotos vermisster Kinder auf Milchverpackungen zu drucken, klingt das alles auch nicht mehr so kitschig. Vielmehr berührt die radikale Ruhe, die die beiden Singer-Songwriter ausstrahlen, die nicht nur etwas Meditatives, sondern zutiefst Tröstendes hat.
Und natürlich auch Zeitüberspannendes – bei "Lost Cause Lover Fool" denkt man an frühe Crosby, Stills And Nash, an die Eagles und die Everly Brothers, die in Sachen harmonischer zweistimmiger Gesang Vorbild von Ryan und Pattengale sein dürften. The Milk Carton Kids leben diese Traditionen mit ihrem wehmütigen weichen Neo-Indie-Folk seit 2011 abseits von Trends und TikTok – unaufgeregt und uneitel.


1 Kommentar
Ich höre ja immer mal wieder in Country Sachen rein. Nicht weil mir das Country Zeugs besonders gut gefällt, aber es gibt hier uns da einige Ausnahmen; und die suche ich. Das hier könnte so etwas sein! Wobei Wiki sagt Indie-Folk, zumindest der Videosong hat aber finde ich schon ziemliche Country Anleihen