laut.de-Kritik
Das Alte Testament des Industrial-Rock.
Review von Gil BielerNix mit himmlischen Fanfaren: Die jungen Götter kündigen sich den Erdenvölkern durch deutlich rohere Klänge an. Frank Bagnoud trommelt einen martialischen Marsch, zu dem Franz Treichler halbironisch singsangt und immer wieder wütend ausspuckt. Der melodiöse Rahmen, wenn man ihn so nennen will, besteht aus unheilvollem Wabern und Dröhnen, das Cesare Pizzi seinem Sampler entlockt. Ein paar Glockenschläge aus einer schwarzen Messe komplettieren die Schauerkulisse.
"Nous De La Lune" ist ein Auftakt, der die Luft mit unheilvoller Energie vollpumpt. Und die entlädt sich auf diesem Album mal unterschwellig, mal donnernd. In "Jusqu'au Bout" irrlichtern nervöse Streicherklänge durch die Luft, während die Drums wild um sich schnappen. Am Ende dieser vertonten Hetzjagd steht keine Erlösung, sondern wimmernde Erschöpfung.
Von Pop-Appeal keine Spur. Natürlich wissen The Young Gods, was sie da tun: "Es ist keine Easy-Listening-Musik, bei der du Play drückst und dich nebenher mit deinen Freunden unterhältst", erklärt Franz Treichler Anfang der Neunzigerjahre in einem Interview. "Es geht um eine Beziehung, die du zur Musik aufbaust." Dass diese Beziehung vielen zu anstrengend ist, geht für ihn wohl in Ordnung.
Die Young Gods haben im Laufe ihrer über 40-jährigen Karriere nie auf den Mainstream geschielt, für das Debütalbum "The Young Gods" von 1987 gilt dies in besonderem Maß. Was diese krude junge Band da fabriziert, ist wegweisend für die Weiterentwicklung des Industrial. Es ist das Alte Testament des Industrial-Rock, das zahlreiche andere Musikschaffende inspiriert hat: Mit Al Jourgensen (Ministry) und Trent Reznor (Nine Inch Nails) geben zwei Genre-Größen ihre Ehrbekundung bereitwillig zu Protokoll, die Liste umfasst aber auch weniger naheliegende Namen wie The Edge (U2), Mike Patton oder David Bowie. Keine schlechte Truppe, die sich da verneigt.
Die Idee, Rockmusik ohne Gitarren, dafür mit Samples und Loops zu fabrizieren, ist in den Achtzigerjahren noch unerhört. Treichler, der als Kind jahrelang klassischen Gitarrenunterricht erhalten und später in ersten Punkbands gespielt hatte, ist von diesen Computerdingern von Beginn weg begeistert: "Als ich den Sampler entdeckte, musste ich ihn körperlich spüren. Ich musste die Gitarre loswerden, die Harmonika loswerden und alles, was ich wusste", erinnert er sich in einem Interview mit dem Decibel Magazine. "Du beginnst bei null und es ist richtig, richtig anders."
Eine einprägsame Hook? Muss nicht sein. Ein Gitarrensolo schon gar nicht. Der Fokus liegt auf Atmosphäre und Klanglandschaften statt auf Konventionen. Großen Einfluss auf den Sound hat auch Produzent Roli Mosimann, der zu einem langjährigen Wegbegleiter der Band wird. Auf "Percussionne" wirft er auch ein paar Trompetenklänge ein.
"A Ciel Ouvert" verheißt nur dem Titel nach einen offenen Himmel, fordert die Hörerschaft jedoch abermals mit sperrigem, minimalistischem Arrangement heraus. Phasenweise klingt die Nummer so, als würden die Schweizer Alpen ein entstelltes Echo hin und her werfen. Erlösung bringt das treibende "Jimmy", das die erste eigentliche Hook des Albums offenbart: Das harte Gitarrenriff im Refrain nimmt quasi die "Pretty Hate Machine" vorweg. Stromlinienförmig verläuft freilich auch dieser knapp zweieinhalbminütige Wutbrocken nicht, einen Moment der Dekonstruktion gönnt sich das Trio noch so gerne.
Die britische Musikpresse checkt wieder einmal am schnellsten, was Sache ist. Womöglich hilft es, dass sich auf der Platte mit "Did You Miss Me" ein meisterlich umgewandeltes, auf Streicher-Sample und knurrende Vocals eingedampftes Gary-Glitter-Cover findet (im Original "Hello, Hello I'm Back Again"). Wenn schon covern, dann so. Das Magazin Melody Maker kürt "The Young Gods" zu seinem Album des Jahres 1987, was der jungen Band ein paar wichtige Türen in UK öffnet.
Mit "Fais La Moutte" erschaffen die Young Gods ruhige, aber zugleich unangenehme Landschaften, aus denen die titelgebenden Möwen, ein abgehacktes Gitarrenriff und intensives Todesröcheln herausstechen. Überraschend ist – wenn man neuere Alben der Band zum Vergleich nimmt – die Erinnerung daran, wie vehement sich Franz Treichler hier noch nach Kräften gegen eingängigen Gesang verwehrt. Das nicht minder experimentelle "Percussionne" verbindet dominantes Schlagzeug mit irritierenden, skizzenartigen Störgeräuschen und wird zur Belastungsprobe.
Die Young Gods wollen es genau so. Sie missionieren nicht. Treichler erklärt wiederum im Decibel Magazine: "Die Bands, die mich am längsten begleiteten, sind Bands, die ich zunächst nicht mochte. Das erste Hören war ein What the fuck is that? (...) Erst nach und entdeckte ich etwas Neues und mochte sie mehr und mehr, je mehr ich sie hörte." Mit ihrem Debütalbum verschreiben sich die Young Gods genau diesem Ansatz. Wer das Werk nur einmal durchhört, wird keine Erleuchtung finden.
"Feu" steuert die Klangreise mit griffigen Gitarrenriffs und verhältnismäßig straighter Struktur wieder in konventionellere Bahnen, ehe auch hier der verzerrte Fehlklänge überhandnehmen. Das schwankende "Did You Miss Me" kommt daher wie gelegen: Hier lassen die Götter, womöglich berauscht vom Messwein, wer weiß, für einmal die Ernsthaftigkeit ihrer Mission etwas schleifen. Ein Chanson des Wahnsinns, eine Wohltat für die Sinne.
Beim ruhigen "Si Tu Gardes" sollte man weniger von einem Song sprechen als von einer Komposition. Während zunächst nur Schlagzeug und Gesangsstimme erklingen, bäumen sich später Filmscore-artige Synthie-Brecher auf. Wunderbar. Stimmungsvoll. "The Irrtum Boys" kommt im Vergleich staubtrocken daher, geht als eher lustloser Industrial-Rock-Probelauf aber auch unter. Das aggressiv-rasante "Envoyé" drückt die Nummer danach mühelos an die Wand und hat sich zurecht zu einem der ersten Hits der Band gemausert. Der explosivste Moment der Platte. Live ist es bis heute faszinierend, dem aktuellen Drummer Bernard Trontin bei dieser Abholzübung zuzusehen. Sein Vorvorgänger Frank Bagnoud, der auf dem Album zu hören ist, blieb nur wenige Jahre an Bord.
Mit diesem Drive im Rücken, bringt "Soul Idiot" an zweitletzter Stelle die größten Stärken des Albums zusammen: das Szenische und industrielle Härte. Im Prinzip wäre das der perfekte Abschluss, doch "C.S.C.L.D.F." verwehrt sich anschließend mit willentlich schwachbrüstigem Sound und einem einlullenden Loop nochmals jeglichen Konventionen. Die ungnädigen Götter wirken bereits entrückt, als zögen sie sich in ihr Himmelsreich zurück. Sie hinterlassen verbrannte Erde, erschöpfte Kreaturen.
Andere Alben der Schweizer mögen eingängiger, kompositorisch stringenter geraten sein. Doch die rohe, archaische Kraft des Debütalbums hat ein ganzes Genre beeinflusst und findet im Gesteinsmassiv auf dem Plattencover ihre perfekte Entsprechung: Man darf sich gerne die Zähne daran ausbeißen, aber das Ding überdauert alle Zeiten.
In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.


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