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laut.de-Biographie

Bärchen Und Die Milchbubis

Bärchen Und Die Milchbubis – mit diesem Namen empfiehlt man sich weder für feinsinnig arrangierten Säusel-Pop, noch für pathostriefendes Politrock-Gejammer. Wir befinden uns im Jahr 1981, als das Bärchen-Debütalbum "Dann macht es Bumm" erscheint, und noch niemand ahnt, dass anschließend (lange) kein Nachfolger mehr erscheinen würde. Dieser mitreißende Pop-Punk hätte weitaus mehr Aufmerksamkeit verdient. Der Karriereweg der Milchbubis sollte jedoch nicht ideal verlaufen.

Hannover, zwischen der Gründung der Scorpions und dem Raketenstart von Lena popmusikalisches Brachland, gebiert 1980 dieses Power-Quartett. Im Frühjahr finden Gitarrist Rudolf Grimm, Schlagzeuger Andreas Kühne, Bassist Martin Fuchs und Sängerin Annette Grotkasten zusammen und schon kurz darauf kristallisiert sich aus den launigen Proberaum-Sessions Material heraus, an dem das linksalternative Label No Fun Records Interesse zeigt.

Ein Glücksgriff: Schon die erste EP "Jung kaputt spart Altersheime" ist heute ein Klassiker, der damals 2000 Exemplare absetzt. Der Titelsong avanciert im Veröffentlichungsjahr immerhin zum Szene-Hit. Mit ihrem schroffen DIY-Punk treffen Bärchen Und Die Milchbubis den No-Future-Nerv der Jugend, angetrieben von einer Perspektivlosigkeit und einer tiefen Abneigung auf das Establishment.

Älter als 30 werden? Es muss doch auch anders gehen. Die Milchbubis bringen dieses Gefühl schnörkellos zu Papier: "Ich will nicht älter werden" heißt ein weiterer Kultsong ihres Repertoires, analog zur Ramones-Ode "I Don't Wanna Grow Up". Grotkastens Texte drehen sich um die Abkehr von der Gesellschaft mittels Humor, Alkohol und Selbstzerstörung.

Sam Vance-Law covert das Stück 2021 auf einer "NDW"-EP gemeinsam mit Drangsal und ist begeistert: "Ist es nicht großartig? Es ist wahnsinnig catchy und hat diesen naiven Optimismus, den man 1981 nicht oft fand. Und wie die Gitarrenmelodie und der Bass ineinandergreifen – das ist simple as fuck but perfect." Das gilt auch für weniger bekannte Songs wie "Tiefseefisch", die den Postpunk-Vibe von Fehlfarben und den frühen The Cure versprühen.

Das 1981er Debütalbum entsteht mit Bassist Kai Nungesser, da es Fuchs zum Studium in die Ferne zieht. Eine Entscheidung, die zunächst nicht goutiert wird: "Als ich Annette erzählte, dass ich aus der Band aussteige, kassierte ich eine Ohrfeige. Trotzdem bereue ich meine Entscheidung nicht, denn danach wurde die Band viel besser", erzählt Fuchs später.

Die Kritiken sind ausnahmslos positiv. "Gute unpeinliche Popbands sind rar bei uns. Bärchen und die Milchbubies gehören zu den wenigen", befindet der Musikexpress. Die kritische Bravo macht es kurz: "Superstark". Auch Die Zeit, die ZDF-Sendung "Aspekte" und die ARD-Jugendsendung Bananas nimmt die Band ins Programm.

Auftritte im Vorprogramm von Hans-A-Plast vergrößern ihren Bekanntheitsgrad, 1981 sind Bärchen und die Milchbubis Teil der "Jubel '81"-Label-Tournee und erspielen sich so in Großstädten wie München, Frankfurt, Stuttgart und Berlin ein Publikum. Hier hörten auch Die Ärzte genau hin, wie Bela B. freimütig zugibt. In der DDR stößt ihr rebellischer Spaß-Punk über illegale Kassettenaufnahmen ebenfalls auf offene Ohren.

1982 versucht man sich an einem Album-Nachfolger, die anhaltende finanzielle Unsicherheit nagt jedoch an den Nerven aller Beteiligten. Im Folgejahr gibt die Gruppe auf. Ähnlich wie in ihren Songs redet Grotkasten nicht lange um den heißen Brei: "Nach harten bandinternen Kämpfen haben wir's dann sein lassen. Da wir der Vorpubertät entwachsen sind, der Milchbubi-Charme verflogen ist und aus mir eine Frau wird, ist's mit B.U.M. einfach vorbei."

40 Jahre nach dem Debüt feiert Tapete Records die frühen Triumphe der Band mit der Werkschau "Endlich komplett betrunken". Darin enthalten sind alle Songs der 1980er EP und dem Debütalbum, neu gemastert von den Originalbändern, ergänzt um herrlich kaputte Live-Aufnahmen und Bonustracks wie ein Mix aus dem Song "Tagebuch" mit dem Punk-Klassiker "Samen im Darm".

2024 die Überraschung: "Die Rückkehr des Bumm!" ist die offizielle Album-Rückkehr von Bärchen Und Die Milchbubis. Denn Anlass zum Wütend-Sein und zum Feiern gibt es noch immer. Die Sixtysomethings reflektieren aber auch das unvermeidliche Dahinsiechen des Körpers (Stichwort "Ich will nicht älter werden"), um dieses harte Thema dann wieder mit Humor und Liebe aufzufangen.

Es ist eine Rückkehr in Trio-Besetzung: Auch Bassist Nungesser ist noch dabei, hinter der Schießbude sitzt der frühere Rotzkotz-Schlagzeuger Markus Joseph. Als prominente Gäste empfängt Grotkasten, die mittlerweile Simons heißt, Hans-A-Plast-Sängerin Annette Benjamin und Doktor Renz von Fettes Brot. Spätgeborene und alte Fans erfreuen sich überdies an Live-Aktivitäten der wiedervereinigten Gruppe. 2026 geht der Spaß sogar in eine dritte Runde: "Lach Doch Mal" fordern die Hannoveraner, um den Sound kümmert sich Tocotronic- und Rocko Schamoni-Intimus Tobias Levin.

Dass die Reunion die Milchbubis wieder ins Rampenlicht bringt, erfreut auch viele Musikerkollegen, die in den 80ern auf die Band aufmerksam wurden. "Bärchen und die Milchbubis, sollte schon allein aufgrund ihres Bandnamens jede mögliche Ehre erwiesen werden. Ihr Werk erinnert daran, dass Punk seinerzeit viel mehr war als harte Musik, Parolen, Bier und Killernieten", lobt Jan Müller von Tocotronic. Oder wie es DJ Koze prägnant zusammenfasst: "Diese Songs sind fresh wie Waldmeister."

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