laut.de-Biographie
DJ Koze
In der an Künstlernamen nicht gerade armen Musikbranche gibt es bisweilen skurrile Pseudonyme. Zu deren Trägern zählt auch Stefan Kozalla, den die meisten lediglich als DJ Koze kennen. 1973 geboren, aufgewachsen in Flensburg, im hohen Norden Deutschlands, kurz vor Dänemark, macht er dort irgendwann auf einer Party Bekanntschaft mit Cosmic DJ und dem schrecklichen Sven, beide später Kozes Kollegen bei Fischmob.
Zunächst jedoch gründen die drei die Hip Hop-Combo TBC-Attack. Mit einem alten Schulfreund zusammen agiert Koze außerdem als Daily Oppressors und unter dem Banner Space Funk. 1991 erreicht DJ Koze dank seiner Fähigkeiten an den Turntables den zweiten Rang bei den deutschen DMC DJ-Mix-Meisterschaften. Er zieht von Flensburg in den Hamburger Stadtteil St. Georg. Dort gründen Koze und Sven 1993 den Fischmob, der ungefähr fünf Jahre lang sein Unwesen treibt. Nebenher erwirbt sich Koze einen Ruf als Hütten rockender DJ.
Als Adolf Noise bringt er nicht minder überzeugende Remixe unters Volk. Dazu zählen zum Beispiel "Telefunken" (Egoexpress), Blumfelds "Tausend Tränen Tief" oder "Happy Hip Hop" von Fünf Sterne Deluxe, die neben anderen auf Kozes Mix-CD "Music Is Okay" vertreten sind. Im Kölner Studio 672 oder im Hamburger Pudel Club ist er ein gern gesehener Plattendreher. Spex-Leser*innen krönen den Flensburger fünf Mal in Folge zu ihrem Lieblings-DJ, von 1999 bis 2003.
Nach dem Fischmob-Ende startet er zusammen mit Cosmic DJ und Erobique die Band International Pony, deren Debüt "We Love Music" 2002 erscheint. Vier Jahre später folgt der zweite und letzte Longplayer "Mit Dir Sind Wir Vier". Koze selbst produziert außerdem als Monaco Schranze für Kompakt sowie für deren Speicher-Serie ("The Geklöppel Continues"). Anfang 2004 erscheint - wiederum bei Kompakt - Kozes zweite Mix-Compilation "All People Is My Friends".
Längst ist klar: Kosi Anan alias Koze ist eine talentierte Wundertüte, in der von Hip Hop über Techno, Acid, Gospel bis zu schmierigen House- und rockenden Disco-Tunes alles sein Plätzchen findet. Egal in welcher Ausprägung: Sein Sound vermittelt die wunderbare Leichtigkeit des DJ-Seins.
"Vodka Biene", "Steffex Twin": Mittlerweile freut man sich alleine schon auf die Songtitel wie auf den eigentlichen Track. Anderes Beispiel: "Wo Die Rammelwolle Fliegt", der Titel seines 2005er Adolf Noise-Albums, dem er kurz darauf sein zweites Soloalbum unter dem Namen DJ Koze folgen lässt: "Kosi Comes Around". Darauf jede Menge Fulltime-Techno und Minimal-Beats und - natürlich - geniale Titel wie "Barock am Ring".
2009 geht ein zweites Remix-Album an den Start, das Kozes Bearbeitungen aus den Jahren 2001 bis 2009 beinhaltet, "Reincarnations-The Remix Chapter 2001-2009" erscheint auf dem Label Get Physical Music. Koze ist seit diesem Jahr auch Labelbesitzer: von Pampa Records. Erst 2013 steht eine weitere Soloplatte an: "Amygdala" nennt er sie, nach jenem Teil des Gehirns, in dem die Angst sitzt. Darauf befinden sich warme, karamellige Tunes, gerne mit Songstruktur versehen.
Selbst Hildegard Knef verewigt Koze in seiner Version von "Ich Schreib' Dir Ein Buch". Natürlich passen die soft jazzigen Grooves und uhre Stimme wieder perfekt zusammen. Auch Dirk von Lowtzow of Tocotronic fame ist gerne mit von der Partie. 2012 landet sein Remix von Matthew Herberts "It's Only" als Track des Jahres in den Charts von Resident Advisor.
Es folgen: eine weitere "Reincarnations"-Remix-Scheibe, ein Album für die K7 DJ Kicks-Reihe und ein Label-Sampler für Pampa Records. Vor allem seine Interpretation des Moderat-Tracks "Bad Kingdom" verbreitet sich 2014 virusartig über die Kontinente.
2018 erscheint der reguläre "Amygdala"-Nachfolger "Knock Knock" mit Gästen wie Róisín Murphy, Bon Iver, Speech von Arrested Development, Kurt Wagner von Lambchop und José González. Mal wieder wird klar: Die aufwändige Arbeit, die allein in einem Stück wie "This Is My Rock" steckt, rechtfertigt die mitunter doch recht langen Intervalle zwischen Kozallas Alben. "Knock Knock" steigt in die deutschen Top 10 ein und festigt seinen Status als einer der wichtigsten Elektro-Produzenten des Landes.
2023 produziert er für Róisín Murphy deren Album "Hit Parade", das allerdings insgesamt sechs Jahre an Arbeit beinhaltet. Zudem entsteht das Werk in räumlicher Trennung: Die Irin schreibt und singt in London, Koze werkelt in Hamburg. Dies habe den Vorteil, dass sie einen intimeren Zugang zum Songwriting finde, so Murphy, während Koze völlige Freiheiten hat. Das Ergebnis ist inspirierende Musik, die eigentlich weit entfernt vom Mainstream existiert. Dennoch chartet "Hit Parade" mehr als zufriedenstellend, in Großbritannien wird es Murphys erfolgreichstes Soloalbum.
25 Jahre nach "Music Is Okay" behauptet Koze: "Music Can Hear Us". Als Fan ist man heilfroh, dass der nach wie vor dauerreisende DJ noch Zeit für Eigenproduktionen findet, auch wenn schon wieder acht Jahre seit "Knock Knock" vergangen sind. Wie üblich ist die Tracklist gespickt mit ruhmreichen Namen jeglicher Couleur, von Markus Acher über Arnim Teutoburg-Weiss, The Düsseldorf Düsterboys, Sophia Kennedy, Soap&Skin, Ada bis hin zu Blur-Sänger Damon Albarn.
Obwohl er schon lange im Geschäft ist, kann sich Koze über solche unerwarteten Kollabos noch kindlich freuen, wie er im Interview erzählt: "Das sind Helden aus meiner Jugend oder meiner ganzen musikalischen Sozialisierung. Wenn ich etwas mit denen zusammen machen kann, freut mich das total. Fast wie so eine Erfüllung eines Traums. Andere Gäste sind oft Freunde, wie Sophia Kennedy oder Ada. Das sind Menschen, mit denen ich mich sehr viel austausche und dann machen wir auch noch zufällig Musik."
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