laut.de-Kritik

Dieter-Bohlen-Cosplay perfektioniert.

Review von

"Seit acht Jahren kennt die ganze Szene meinen Namen. Seit sieben Jahren siehst du mich immer oben in den Charts, rekapituliert Finch im "Intro" seine Geschichte. Die Prognose für deren nächstes Kapitel schickt er direkt hinterher: "und das sechste Album wird die vierte Eins. Merk' dir den Tag: 26.6.2026." Nun, auf den Geschmack der Deutschen war noch immer Verlass. Aller Voraussicht nach, wird er damit also Recht behalten. Mit der nächsten Line jedenfalls ganz sicher: "'Außenseiter Spitzenreiter' in euern Arsch." Ja, danke. Da gehört es hin.

Bevor wir es an seinen Bestimmungsort schieben, werfen wir aber noch einen Blick in die tiefe Kluft zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung. Diese ganzen Typen, die sich für "rebellisch", "provokant" und "unangepasst" halten: Leiden die eigentlich unter derselben Selbstbild-Störung wie diese in jeder Hinsicht Durchschnittspersonen, die sich selbst als "ein bisschen crazy", beschreiben, als "verrücktes Huhn"? Möglich wärs. Man sollte also vielleicht Nachsicht walten lassen, wenn solche Leute mit der Logik ein paar Probleme haben. Oder mit Konsequenz.

Dass Finch ganz groß im Austeilen ist, man seine Nehmerqualitäten aber mit der Lupe suchen muss, wissen wir ja nicht erst seit der aktuellen Festival-Saison. Ich sollte mich also eigentlich nicht groß wundern, wenn, was er so von sich gibt, hinten und vorne nicht zusammenpasst. Auf der einen Seite zu behaupten, man gebe keinen Fick, und sich wie der oberste Käse von Edgelordhausen aufzuführen, den Gegenwind also quasi heraufzubeschwören, ist eine Sache. Dann herumzugreinen, sobald das laueste Lüftchen weht ... kann man machen, okay. Sieht halt einigermaßen lächerlich aus. Aber muss ja jeder selber wissen, wie er sich darstellen möchte.

Richtig bizarr wirkt aber aber dieses Sich-Einigeln in einer Opferrolle: "Ich werd' gecancelt, verflucht und beneidet", buhu! Alter, als ob! Hast du nicht just ein paar Minuten zuvor noch deine Erfolgsbilanz runtergebetet, mit Charts-Platzierungen und Nummer-eins-Alben geprahlt, und mit der Geschwindigkeit, in der du Stadien ausverkaufst? Sollen wir es dir aufmalen? Du wirst nicht gecancelt, nur weil ein paar Leute, die halbwegs klaren Verstandes sind, deine Mucke scheiße finden. Oder dich. Du bist ein arrivierter Mainstream-Act, im ursprünglichsten Wortsinn Pop. Hör' doch bitte auf, dich zum Opfer irgendwelcher Zensur und zum Widerstandskämpfer gegen irgendeinen halluzinierten Zeitgeist zu verklären.

Verklärung gehört aber ja zu Finchs liebsten Stilmitteln. Nehmen wir zum Beispiel "Tanke", laut Pressetext "eine Hommage an das Dorfleben und an die unbeschwerten Sommernächte der Jugend": "Wir hängen wieder mal die ganze Nacht rum an der Tanke, Monster Energy im Bauch, dreh' die Boxen nochmal auf", beschreibt er da ein Szenario, wie es sich im abgehängten ländlichen Raum wirklich überall finden lässt. Dorfkinder wissen Bescheid. "Nein, wir brauchen nichts anderes. Wir wollten nie in die Großstadt, nur aufgemotzte Mofas." Echt nicht? Wer soll das denn glauben.

Ich versteh' schon die Coping-Strategie dahinter: Wenn man etwas nicht hat(te), redet man sich ein, dass man es eh gar nicht wollte, dann tut es vielleicht ein bisschen weniger weh. Mit ein paar Jahren Abstand kann man das ganze Elend durch einen schicken Sepiafilter betrachten und sich und anderen einreden, wie schön das doch alles gewesen ist. Hach. "'Tanke' ist eine Hommage an das Dorfleben und an die unbeschwerten Sommernächte der Jugend", salbadert entsprechend der Pressetext dazu, "an Treffpunkte, die mehr waren als nur Orte – an denen Freundschaften entstanden, Geschichten geschrieben und Träume geboren wurden. Zwischen Neonlicht, durchgelachten Nächten und dem Gefühl, dass die Welt einem gehört, fängt Finch genau diese besondere Nostalgie ein. Mit Zeilen wie 'Monster Energy im Bauch, dreh die Boxen noch mal auf' transportiert der Song dieses unverwechselbare Lebensgefühl: laut, frei, intensiv – irgendwo zwischen Dorfstraße, Parkplatz und grenzenloser Euphorie."

Ich möchte in der Tat fast kotzen, so präsent ist mir dieses "unverwechselbare Lebensgefühl" noch. Ich kann sie nach über 35 Jahren immer noch fast körperlich spüren, diese nicht enden wollende gähnende Langeweile, die der Mangel an Optionen Tag für Tag für Tag für Tag gebar, und ich finde rein gar nichts Feienswertes daran. Sich-Abschießen war da tatsächlich einer der wenigen Wege, um sich der klaustrophobischen Hölle wenigstens phasenweise zu entziehen, und dann? Na, ins Auto und ab auf die Landstraße, "Mit Einem Auge Zu", yeah. Wie sollte man sonst vom Saufen nach Hause kommen, oder sonst irgendwo hin im Nirgendwo?

Einen Track, der das Besoffen-Fahren glorifiziert, hat die Welt ganz bestimmt noch gebraucht. Oder soll das etwa ein Liebeslied sein? Muss wohl: "Und wenn es morgen nichts mehr gäbe, an dem ich mich festhalten kann", süßholzraspelt Bausa mit kratziger Stimme, "dann würd ich deine Nummer wählen und dich nur fragen, wo und wann." So romantisch! Wer würde da nicht sofort alles stehen und liegen lassen und liebend gerne die Notlösung sein, wenn der hackeblaue Macker angerauscht kommt, weil ihm gar nichts anderes mehr einfällt. "Ich hab' das Gaspedal auf Anschlag und deinen Namen als Tattoo." Einfach unwiderstehlich.

Ekliger geht aber natürlich immer. "Prolet" macht seinem Titel da lyrisch alle Ehre. Ich erspar' uns an dieser Stelle Textauszüge, sie betteln einfach zu durchsichtig um Beachtung. Sollte Finch das alles ernst meinen, ist eh Hopfen und Malz verloren. Falls er versucht, das irgendwie als ironisch überspitze Kunst zu rechtfertigen, sollte er aber vielleicht mal eine Sekunde darüber nachdenken, wer seine Zielgruppe ist, wie das kommt und was das anrichtet, wenn eine Horde Dorfjungs, die sich zuvor an der Tanke zugelötet haben, diese sexistische Kackscheiße skandiert.

Aber da sprach wohl Finch Asozial aus Finch. Dafür, dass er, wie ich hörte, partout nicht mehr so genannt werden möchte, gibt er seinem angeblich verflossenen Alter Ego aber ganz schön viel Raum auf diesem Album. Sein früherer darf in "Finch Vs. Finch Asozial" sogar gegen seinen aktuellen Alias antreten. Keine ganz neue Idee zwar, aber, wenn man es richtig anstellt, doch immer eine ganz gute Möglichkeit, um Entwicklungen zu dokumentieren und/oder der Kritik den Wind aus den Segeln zu nehmen, indem man sie selbst formuliert. Finch Asozial wirft Finch entsprechend Sellout und Verweichlichung vor, der rechtfertigt sich damit, man er sei eben älter geworden und habe sich weiterentwickelt.

Ach, ist das so? "Egal, ob asozial oder nicht, Finch bleibt Finch." Klingt jetzt nicht nach der irren Heldenreise für mich. "Ich geb' kein'n Fick" - na, DAS haben wir gesehen, wie wenige Ficks du gibst! - "und mach' das, was ich will, und nie, was sie erwarten." Letzteres könnte locker der größte Witz auf diesem Album sein. Ich habe mal gut gelaunt herumgefragt, was Menschen so auf einem Finch-Album vermuten würden:

- großmäulige Selbstüberhöhung
- Provokation als Selbstzweck
- sobald jemand darauf anspringt und dagegenhält: wehleidiges Mimimi,
- ein gerüttelt Maß an Misogynie
- großzügig Ossifolklore
- Gewalt im Stadion romantisieren
- ein am Reißbrett konstruierter "Sommerhit"
- das Ganze auf Kirmestechnobeats für die Dorfdisko, halt wie Scooter auf Wish bestellt

Was soll ich sagen, Junge?
Herzlichen Glückwunsch. Du machst GENAU, was alle erwarten.

Die Beats: uninspirierte Bumm-Bumm-Bumm-Bumm-Billoware, funktionieren im Großraumtanztempel bei zugedröhntem Publikum mit entsprechend gedämpften Ansprüchen wahrscheinlich prächtig. Die Texte: Reden wir nicht noch länger drüber, bitte. Die Delivery: Finch kann geradeausrappen, das wars aber auch schon. Wenn er meint, er müsse singen, wie in "Finch Vs. Finch Asozial", bekommt man plötzlich das Gefühl, Sportfreund Peter Brugger jahrelang Unrecht getan zu haben, weil man ihn nicht als Vokalvirtuosen gepriesen hat. Neun Tracks (nicht, dass ich mehr gewollt hätte): gehen gerade so als Album durch. Ehrlich: DAFÜR seid ihr in ein Songwritingcamp nach Thailand geflogen?

Okay, zugegeben: Mit diesem Dieter-Bohlen-Cosplay auf dem Cover hatte ich tatsächlich nicht gerechnet. Immerhin das erscheint mir aber konsequent. Schließlich hat dieser Mann die Strategie perfektioniert, mit möglichst wenig Anstrengung immer dasselbe zu liefern, das die Leute dann wieder und wieder willenlos kaufen. "Aussenseiter Spitzenreiter" kommt mir in vieler Hinsicht wie ein Testballon vor: Wie wenig muss man investieren, für wie dumm darf man seine Zielgruppe verkaufen, ohne sie zu verlieren, wie weit kann man gehen? Offenbar ziemlich weit.

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. Tanke
  3. 3. Mehr Als Nur Ein Fan
  4. 4. Gopstar feat. Russian Village Boys
  5. 5. Finch Vs. Finch Asozial
  6. 6. Mit Einem Auge Zu feat. Bausa
  7. 7. Prolet
  8. 8. Koh Phangan feat. GReeN
  9. 9. Du Bringst Mich Um

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