laut.de-Kritik
Rindvieh macht auch Mist.
Review von Josephine Maria Bayer"Curious Ruminant" bedeutet übersetzt "neugieriger Wiederkäuer". Das Verb "ruminate" heißt jedoch auch so viel wie "intensiv über etwas nachdenken". Der Albumtitel spielt auf das Gefühl an, das eine Kuh wohl haben muss, wenn sie den ganzen Tag wiederkäuend auf der Wiese steht. Diese Tiere hätten viel Zeit zum Grübeln, wenn sie denn dazu neigten. Die Stimmung der Platte ist dementsprechend nachdenklich. Sowohl stilistisch als auch inhaltlich unterscheidet sie sich stark vom mystischen Vorgängeralbum "RökFlöte". Jethro Tull-Frontmann und Rock-Flötist Ian Anderson wendet sich von nordischen Mären und harten Klängen ab.
Auch die Besetzung hat sich verändert: Neu dabei ist Gitarrist Jack Clark. Außerdem gibt es Besuch von einem alten Bekannten: Jethro Tull-Alumnus Andrew Giddings. Mit Hilfe von Mandoline und Akkordeon verleihen sie dem Album einen folkigen, an einigen Stellen mittelalterlichen Anstrich. Nur selten mischen sich E-Gitarren in diese behagliche Runde.
Inhaltlich begibt sich Anderson in tiefere Gewässer. Poetisch komplexe Songtexte gehören seit jeher zu seinen Stärken. Diese Fähigkeit entfaltet in den Grübeleien über Leben und Tod ihre volle Wirkung. Der Agnostiker sinniert über das Leben nach dem Tod ("Interim Sleep") und stellt mit "Puppet And The Puppet Master" die Existenz des freien Willens infrage. Der titelgebende Track fragt "Warum bin ich hier?". Als Antwort kommt die wenig aufschlussreiche Gegenfrage: "Warum bin ich überhaupt irgendwo?"
In "Dunsinane Hill" schlüpft Ian in die Rolle des blutrünstigen Macbeth. "Savannah Of Paddington Green" blickt sehnsüchtig auf eine Zeit zurück, als Grünflächen noch nicht zubetoniert wurden. In "Over Jerusalem" verarbeitet er seine Gedanken über den Nahostkonflikt: "I walk the cobbled alleys nervously. Soldier girls and soldier boys stare at me."
"Drink From The Same Well" ist ganze 17 Minuten lang. Hier wechseln sich ausgiebige Instrumental-Parts mit Andersons markantem Sprechgesang ab. Giddings und Anderson begannen die Arbeit an dem Song bereits vor zwanzig Jahren. Passend zur gemächlichen Stimmung des Albums brauchte er eine ganze Weile, um voll auszureifen.
Mit "Curious Ruminant" beweist Ian Anderson einmal mehr sein Gespür für tiefgründiges Songwriting. Die Platte lädt zum Innehalten ein, zum Wiederkäuen - im musikalischen wie im philosophischen Sinne. Wer sich darauf einlässt, wird mit einer einer wohltuenden musikalischen Auszeit aus der Hektik des Alltags belohnt.
2 Kommentare mit 5 Antworten
Sieben Zeilen zu einem monumentalen Siebzehnminüter... Ok..
Muss ja nicht bis ins Detail beschrieben werden. Finde das Fazit "Die Platte lädt zum Innehalten ein, zum Wiederkäuen - im musikalischen wie im philosophischen Sinne. Wer sich darauf einlässt, wird mit einer einer wohltuenden musikalischen Auszeit aus der Hektik des Alltags belohnt." lässt sich sehr gut auf den Song anwenden. Bin übigens begeistert von der Scheibe. Eine Wertung gebe ich nach 3x hören noch nicht ab. Aber dürfte zu 4 oder 5 Sternen tendieren.
Solides Alterswerk mit einem ungewöhnlichen und besonderen Longtrack... Was mich halt auf Dauer ein bisschen langweilt ist der Gesang. Er macht das Beste draus, aber es ist halt limitiert.
Ja, das stimmt schon. Aber ich habe mich damit abgefunden und erfreue mich daran, dass noch neue JT-Musik erscheint. Und ich bin ebenso glücklich darüber, dass ich nicht fixiert auf ein bestimmtes Bandlineup oder Phase bin. Ich kann der gesamten Diskographie etwas abgewinnen.
yep...!!
Was erwartest du eigentlich? 7 Zeilen für einen Song sind im Laut-Hinterhofsprech güldene Zeiten. Und auch sonst ausreichend genug, um einen Song im Kontext einer kompletten, daher explizit geformten Review zu würdigen und somit die ominösen 7 Zeilen aus dem sonst so engen Korsett herauszuschneiden
Wie immer unhatebar der Storchenmann.