Ein Set ohne Brüche, gigantische Moshpits, Schuhe fliegen durch die Luft. Fotos und Review
Berlin (ebi) - Die Max-Schmeling-Halle wirkt an diesem kalten Berliner Februarabend wie ein Refugium, das darauf wartet, richtig aufgeheizt zu werden. Die Deftones haben sich über die Jahre in immer größere Venues gespielt – heute geben sie ihr bislang größtes Hauptstadtkonzert. Ausverkauft, versteht sich.
Berlin schreit zurück
Als das Licht ausgeht und die schwebenden Akkorde von "Be Quiet And Drive (Far Away)" in den Raum gleiten, wird direkt klar, dass die Amerikaner nicht gekommen sind, um eine sanfte Brise wehen zu lassen. Sänger Chino Moreno steht nicht im Mittelpunkt, er ist Teil der Bewegung, die die Halle flutet. Er verschwindet im Nebel, taucht wieder auf, die Stimme gleichermaßen verletzlich und schneidend.
Mit unermüdlicher Energie nutzt Moreno die komplette Länge der Bühne aus, springt in hohem Bogen und krümmt sich immer wieder, als könnte er den Schmerz, der seiner Musik innewohnt, selbst nicht aushalten. Und Berlin hört zu, aber hält es auch nicht lange aus, still zu sein: Das überraschend junge Publikum schreit zurück, während es sich wellenartig vor und zurück bewegt.
Alte Hits, neue Banger
Neue Songs wie "Locked Club" und "Ecdysis" fügen sich nahtlos in das knapp 90-minütige Set ein, als wären sie schon immer da gewesen. Es gibt keine Brüche und erst recht keine Ansagen des Frontmanns, auf Letztere wartet das Publikum bis zur Zugabe. "Diamond Eyes" und "Rocket Skates" treiben den Puls hoch, das Publikum reagiert reflexhaft, geradeso als wären die Songs im Muskelgedächtnis gespeichert. Und Chino singt, als würde er sich an der eigenen Stimme festhalten, während sie ihm gleichzeitig entgleitet.
Der Mittelteil des Sets gerät dunkel und erdig. "Lhabia" schiebt sich roh und kantig durch die Halle, "Rosemary" zieht lange Bögen, die fast meditativ wirken, bevor "Cut Hands" und "Infinite Source" wieder Druck aufbauen. Hier zeigt sich, wie sehr die Deftones ihre Dynamik kontrollieren: Lautstärke ist nie Selbstzweck, sie ist immer emotional codiert. "Sextape" öffnet erneut den Raum, bevor "Hole In The Earth" und "Change (In The House Of Flies)" wie kollektive Erinnerungen funktionieren. Immerhin war die erste Generation Deftones-Fans beim Überhit "Change" ungefähr in dem Alter der Gen-Z-Fans des heutigen Abends.
Gigantische Moshpits und Ekstase
"Genesis" markiert einen weiteren Wendepunkt: Die Band wirkt fokussiert, wach und präsent. "Milk Of The Madonna" entfaltet sich düster und schwer, das "Souvenir"-Outro legt sich wie ein Echo darüber. Es ist einer dieser Momente, in denen deutlich wird, wie sehr die US-Band mit Atmosphäre arbeitet – ohne sie je zu verkitschen.
Nach einer kurzen Pause, inklusive Outfitwechsel bei Moreno, kehren sie zurück: "Cherry Waves" verwandelt die Halle erneut in einen Hexenkessel. Es ist vor allem dieser Song oder auch "My Own Summer (Shove It)", die zeigen, wie sehr Melancholie nicht als Schwäche, sondern als Kraft verstanden werden kann: Gigantische Moshpits setzen ein. Crowdsurfer gehen unter, steigen wieder empor und bahnen sich ihren Weg über die Köpfe der ekstatischen Menge. Einzelne Schuhe werden in die Luft gehalten, die im Durcheinander verloren gegangen sind.
Das Ende? Offen
Zum Schluss kommt "7 Words" einfach nur roh, laut und kathartisch daher: kein versöhnlicher Abschluss, sondern ein offenes Ende. Als das Licht wieder angeht, fühlt sich folglich nichts final an. Muss es auch nicht, denn bereits am 18. August gibt es ein Wiedersehen in Berlin beim Open Air-Konzert in der Wuhlheide. Dort werden dann 17.000 Zuschauer:innen erwartet, wenn Turnstile den Support geben.
Text und Fotos: Désirée Pezzetta.


















7 Kommentare mit 7 Antworten
Hach freu ich mich auf Stuttgart heute Abend. Deftones einfach eine unfassbar gute Liveband!
Bin ebenfalls in Stuggi heute Abend. War tatsächlich schon sehr lange nicht auf deftones-Solotouren anwesend, gerade die letzten 10 Jahre sollen sie ja konstanter gut sein live als zu Zeiten der ersten 4 Alben, wo es in Europa eine 50:50-Chance gab, dass es entweder richtig abgeht oder mindestens zwei Bandmitglieder zu rotzevoll bzw. sonst irgendwie zu druff waren um noch ordentlich zu performen (und, oh Wunder, der Sound auf letzteren Shows oft auch noch so unterirdisch war, dass teilweise selbst Die Hard-Fans nach mehr als einer Minute im Song noch nicht sagen konnten, welches Stück da jetzt eigentlich gerade gespielt wird).
Na ja, da der extraordinär fingerfaule Ozempic Carpenter heute Abend ja wohl nicht am Start sein wird, kann es an der Gitarrenfront zumindest nur noch agiler werden als früher. Ich betrachte es in Zusammenhang mit den für einen mittleren bis hohen zweistelligen Millionenbetrag kürzlich an Warner verkauften Rechten an ihrem Backkatalog sowie dem mit Abstand kommerziell größten und teuersten Rahmen, in dem ich die Band seit 1997 je live erlebt haben werde nach heute Abend, so ein bisschen als Abschied von zukünftigen Live-Erfahrungen mit den deftones.
War ein toller Abend, aber leider war der Sound, wie so oft in der Max-Schmelig-Halle nicht gut. Der Gesang ging doch an vielen Stellen unter. Man geht doch zu den Deftones um Chino auch zu hören. Die Setliste war jedenfalls ein Treffer.
Ich stimme Roggä zu. Der Sound war wirklich miserabel. Ich stand zentral in der vorderen Hälfte der Halle und es klan als hätte Chino Moreno versucht, sich über ein Jogurtbechertelefon mit mir zu unterhalten. Dafür war die Lichtshow sehr stimmig.
Mir war auch die Setlist etwas "hitlastig". Ich weiß nach 30 Jahre erfolgreicher Karriere kommt man da wohl nicht drum rum, aber Deftones Alben leben für mich auch von der Athmosphäre, die sich über die Songs hinweg entfaltet. Das ging bei dem Set ein Stück weit flöten.
Change war aber riesengroß!
Also ich Frage mich von welchem Konzert sie da schreiben, die Masse hat bei den bangern mitgesungen aber so krass abgegangen war da niemand. Großteils waren da mehr Kinder als Erwachsene gefühlt, die ständig nur am quatschen waren. Der Sound war grottig, Chino zu leise und blechernt ,Instrumente zu laut.
"die ständig nur am quatschen waren"
Ich bin der Ansicht, Menschen die auf Konzerten labern, sollten legal abgeknallt werden dürfen.
Wahrscheinlich haben die mutmaßlich auch nur quatsch gelabert.
Dieser Kommentar wurde vor einer Stunde durch den Autor entfernt.
Obige Aussage bezieht sich ebenso auf wieseligen Befall in Kommentarspalten. Ebenso Menschen die im ÖV Deo benutzen und ihre Scheißmusik über Handy abspielen. Blutbad, sach ich da nur...
Ohje, ich hoffe inständig, dass wir nicht unwissentlich dieselben Waggons benutzen ab und zu. Ich befürchte es aber...
Ich frage mich eh immer, woher die Verfasser dieser Artikel wissen wollen, wie gut oder schlecht der Sound war. Hängen die nicht ausschließlich im Graben herum und machen Bilder?