laut.de-Kritik

Zeitweise bleibt nur ein Flüstern übrig.

Review von

Es gibt diesen Fixpunkt der Zeit, an dem Autotune in die Popmusik eintrat und Cher inbrünstig fragte, ob wir an ein Leben nach der Liebe glauben. Wann genau der Vocoder zum Instrument wurde, ist nicht so leicht zu sagen. Von Bell-Labs-Ingenieur Homer Dudley ursprünglich zur Sprachkompression entwickelt und im Zweiten Weltkrieg zur Verschlüsselung abhörsicherer Gespräche eingesetzt, tauchte er 1968 in "The Electronic Record For Children" von Bruce Haack auf. Aber wer kennt das? Wendy Carlos nutzte ihn 1972 für den "A Clockwork Orange"-Soundtrack, kurze Zeit später landete er in den Händen von Kraftwerk ("Ananas Symphonie", "Autobahn", "Die Roboter") und fand sich dann unter anderem in The Alan Parsons Projects "The Raven" und ELOs "Mr. Blue Sky" wieder.

Was man dagegen ziemlich genau sagen kann: Neben Phoebe Bridgers' Stimme gehört ihm die zweite Hauptrolle auf "Lost Weekend". So exzessiv wie hier wurde er schon lange nicht mehr eingesetzt. Er bestimmt das Klangbild, die Atmosphäre, schleicht sich immer wieder in die Lieder.

Seit ihrem außergewöhnlichen "Punisher" hatte Phoebe eine EP und mehrere einzelne Songs veröffentlicht, arbeitete mit Boygenius ("The Record", "The Rest"), kollaborierte mit gefühlt allen Musiker:innen dieser Welt. Doch ihr nächstes Solo-Werk ließ sechs Jahre auf sich warten. Sechs Jahre, in denen sie durch die drei dreckigen Ts des Lebens ging: Der Tod ihres Vater, die Trennung von Paul Mescal und die Trauer über all dies.

Nicht verwunderlich, dass all dies auf "Lost Weekend" einen Weg in ein Songwriting findet, das von Wehmut und Erinnerungen, aber auch Weiterleben und neuer Liebe getragen wird. Dabei versucht Bridgers gar nicht erst, ihre widersprüchlichen Gefühle zu versöhnen. Zuneigung, Wut, Nähe und häusliche Gewalt stehen nebeneinander. Einen besonderen Schwerpunkt bekommt dabei das Verhältnis zu ihrem Vater, der bereits auf "Punisher" in "Kyoto" im Mittelpunkt stand. Nun betrachten gleich mehrere Songs diese Beziehung noch einmal im Rückblick.

Ein Übersong wie "I Know The End" fehlt ihrem erst drittem Solo-Longplayer zwar, dafür lebt "Lost Weekend" noch viel mehr von der allgemeinen, in sich geschlossenen Stimmung als der Vorgänger. Zeitweise bleibt nur ein Flüstern von Bridgers übrig, aus dem sie sich erst langsam erhebt.

Der Opener stellt sich so leise dar, er findet fast nicht statt. Ein Stück über ihre Dissoziation, die sie durch ihr Leben begleitet und durch die Beerdigung ihres Vaters trägt. Während sie sich in den Strophen fernab hinter dem Vocoder in die Ferne abkoppelt, singt sie im Refrain fast frei "I am on the outside, watching". Die Musik bleibt so entrückt und dezent, als wolle sie selbst nur noch von außen zusehen.

Mit dem in der Mitte platziertem "One, Two, Three, Four"-Anzähler zeigt das fröhlich arrangierte "Lost Boys" dem Beginn jedoch den Mittelfinger, ohne das Gesamtpaket des Longplayers aufzureißen. Ein Song über das Peter-Pan-Syndrom und rücksichtslose, emotional distanzierte Männer. All dies in einem beschwingten Song verpackt, der dem Album für vier Minuten einen kurzen Abschwenker in die Munterheit gönnt. Bevor mit Bridgers jedoch die Pferde durch gehen, fängt sie bereits der nachfolgende Song mit dem lebensfrohen Titel "Kill Me" wieder ein.

Es ist bitter, durch was für unterschiedliche Emotionen uns Familie schicken kann: "I found her bleeding over the sink / But when you said sorry, you were looking at me" erinnert sie sich in "Still Standing" an die von ihrem Vater ausgehende häusliche Gewalt, um später zu singen: "Sometimes I want you back / But not today." Sie verpackt ihre widersprüchlichen Gefühle nicht in Hass oder Verachtung, sondern in Distanz, sogar restlicher Zuneigung. Oft trauert man mehr um die Beziehung, die man mit einer Person hätte haben können, wenn einem diese nicht verwehrt geblieben wäre. Dennoch besteht diese Trauer.

Das sich zu Fingerpicking im Dreivierteltakt drehende "The Governor's Waltz" blickt dagegen auf eine Beziehung, die sich ihrem Ende nähert. Zwei Menschen, die noch an etwas festhalten, was eigentlich schon der Vergangenheit angehört. Wie das mit Beziehungen so ist, folgt die eine meistens auf die andere, und so sprudelt "Bobby" im Anschluss vor Freude nur so über. Als wolle sie Jürgen Marcus' "Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben" in die Gefühle eines Bridgers-Songs verpacken. Während dieses Lobgesangs auf ihre Beziehung zu Bo Burnham schlägt Bridgers vor Freude fast Purzelbäume.

"I Can't Wait" führt letztlich die unterschiedlichen Gefühlsebenen des Longplayers zusammen. "Hyde Jekyll Hyde / Finally together" singt sie, dabei haben ihr und eben auch unsere Leben viel mehr als nur zwei Gesichter, nur zwei Emotionen. Wir können Menschen lieben und verachten zugleich. Wir können Distanz waren und zugleich Nähe suchen. Wir können uns in Nostalgie suhlen und voller Vorfreude in die Zukunft blicken. All dies darf gleichzeitig passieren. Auf "Lost Weekend" und in unseren Leben.

Trackliste

  1. 1. The Outside
  2. 2. Lost Boys
  3. 3. Kill Me
  4. 4. The Governor's Waltz
  5. 5. Bobby
  6. 6. Lost Weekend
  7. 7. Haunted
  8. 8. Panorama
  9. 9. Still Standing
  10. 10. Liberty Tree
  11. 11. Never Going Back!
  12. 12. Other Plans
  13. 13. Lost Parade
  14. 14. I Can't Wait
  15. 15. As Above
  16. 16. Lost Weekend (reprise)

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5 Kommentare mit 7 Antworten

  • Vor 2 Tagen

    Ich kann mit Bridgers' affektiertem Mumble-Gesinge absolut nichts anfangen. Geht mir tierisch auf den Keks, diese monotone, fatalistische Mir-doch-alles-egal-Attitüde.

    So. Die Scheibe ist aber so brilliant arrangiert und geschrieben, dass mir das fast komplett egal ist. Wirklich ein Ritt. Locker 4/5 mit Sternchen.

    • Vor einem Tag

      „Punisher“ hat einen großen Teil meines Soundtracks im ersten Coronaherbst ausgemacht; von da aus rückwärts Richtung „Stranger in the Alps“ gehangelt und das ebenfalls gefeiert. Doch Du hast schon irgendwie Recht, Ragi: auf Albumlänge wirkt die Stimme/Stimmung schnell affektiert und ermüdend.
      Großer Fan, aber in kleineren Dosen.

    • Vor 22 Stunden

      Fühle ich. Ist für nen dazu passenden Song okay, aber zieht das Material schnell komplett runter. Geht mir bei Olivia Rodrigo ähnlich - im Grunde viel Potenzial, aber sie kennt nur einen einzigen Gemütszustand.

      Bin umso erstaunter, dass mir diese Scheibe hier gefällt. Produktion und Arrangement sind aufregend genug, dass ich die Vocals ganz gut ausblenden kann. Und das ist schon ein starkes Stück - Vocals sind idR. die eine Sache, die auch bei Versuchen, sie im Mix zu vergraben, die Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

  • Vor 2 Tagen

    Ich weiß nicht...ein paar Songs vom letzten Album haben mir gut gefallen, auch hier gibt es wieder Momente, aber auf Dauer ist mir der tranquilizer Gesang zu anstrengend.

  • Vor einem Tag

    Ist sicherlich nicht für jeden Etwas und ich würde auch nicht sagen, dass es ein Ausnahmewerk ist, aber aufgerundet gehen 4/5 auf jeden Fall klar.

  • Vor einem Tag

    Muss immer schmunzeln, wenn ich den Namen sehe, da ich mich als Erstes immer an den seltsam inszenierten Guitar-Smash (ala Pete Townshend) in einer ihrer Live-Performances für's US TV erinnere, samt fake Nebel und Funken.

    Werde aber wohl mal reinhören. Der US extrem hohe Metacritic-Durchschnitt aus den US ist mir bereits ins Auge gestochen, auch wenn es mehr als problematisch sein kann, Rezensionen in eine Art Score umzuwandeln.

  • Vor einem Tag

    Justin K. Broadrick von Godflesh hört man in "Bobby". Schon deswegen Sympathiepunkte. Konnte aber bisher auf Albumlänge auch nicht viel mit ihr anfangen.