laut.de-Kritik
Tanz mit den Geistern der Vergangenheit.
Review von Yan Temminghoff"The Overview" ist Prog in Vollendung. So sieht das Genre noch in 100 Jahren aus, gewissermaßen in die Vitrine gestellt im Museum für Hochkultur, das "Stranger Things" des Prog. Bei diesem Vorgänger von "Requiem For A Village" arbeitete Wilson formelhaft und vom Ende her gedacht mit zwei Longtracks und entsprechend wissenschaftlichem Ansatz. Die Perspektive war der erhaben-überwältigende Blick from space auf die blaue Murmel. Nun sucht Steven Wilson sein Heil in der Flucht und begibt sich in ein fiktives englisches Dorf.
Eigens dafür launcht der Tausendsassa eine Old-School-Homepage, die das Treiben im beschaulichen Örtchen zeigt. "I was born in 67, the year of Sgt. Pepper and Are You Experienced", singt der Träger des schwarzen Prog-Gürtels über sein Geburtsjahr im Track "Time Flies" von Porcupine Trees "The Incident". Gewissermaßen markiert dieses Jahr den Ausgangspunkt für Wilsons Exkursionen, die er mit kindlicher Neugier und getreu der Maxime 'Der Weg ist das Ziel' beschreitet.
Analoge Instrumente (Das M und M des Prog: Moog und Melotron), ein naturalistisches Sound-Design, keine Soundkorrekturen über Autotune, dynamische Tiefen und Höhen ohne krasse Kompressoren; Die Soundästhetik fußt auf einem bewusst gewählten unperfekten Ansatz. Die Stimmung der Instrumente weicht vom wohltemperierten Gleichklang ab. Alles atmet die Aufbruchstimmung und den Entdeckergeist, die der Musik dieser Zeit den Zauber verleiht.
Wer hört beim Blick auf das Cover von "Requiem For A Village" nicht die Glocken von Black Sabbath-Debüt läuten? Angesiedelt ist die Szenerie in einer Landschaft, die an den Film "The Wicker Man" von 1973 erinnert. Durch das Klacken der Klavierpedale oder das Rauschen der Verstärker wähnt man sich im selben Raum und fühlt sich fast wie ein Teil des Entstehungsprozesses. Gut, dass der Lenker von Porcupine Tree wieder mit Michael Akerfeld von Opeth kollaboriert, mit dem er bereits ein begeisterndes sinistres Werk geschaffen hat ("Storm Corrosion").
Wilson arbeitet zudem mit Leitmotiven und webt die roten Fäden zu zahlreichen akustischen Ankern. Dabei steigt er niemals in den selben Fluss, sondern variert die Parts munter durch Änderungen der Rhythmik, Harmonie, Melodie oder Klang-Ästhetik. Kein Stein bleibt auf dem anderen, auch wenn die einem Chor der griechischen Tragödie gleich vorgetragenen Zeilen "You'll stay with us as stones anymore" einen textlichen Kristallisationspunkt bilden.
Dass der Wizard of Prog nicht nur mit der Wünschelrute durch den Wald stolpert, sondern ein Meisterwerk erschafft, liegt, und dafür braucht es keine teure Beraterfirma, um das herauszufinden, am Songwriting. Dies verfängt und verzückt ähnlich der Großtaten, die Wilson zwischen 2011 und 2015 erdacht hat. Man nehme das radikal ausufernde von "Grace For Drowning", die Verschrobenheit vom "Raven" und die songwriterische Strenge von "Hand. Cannot. Erase."
Mal knattert er harsch und kompromisslos wie King Crimson, mal verträumt-folkig wie Jethro Tull, mal markiert er den Revoluzzer wie einst Peter Hammil, der wahre van der Graaf. Dass Wilson ein Verfechter der Achtziger-Avantgarde um Talk Talk und Kate Bush ist, spielt auf dem neuen Album allenfalls in der Melodieführung eine Rolle. Die Partnerschaft mit XTC-Member Andy Partridge dagegen, der seinem Kollegen textlich bei "The Overview" ausgeholfen hat, führt der 58-Jährige auf "Requiem For A Village" weiter.
Partridges Beobachtungsgabe führt zu den interessant geschriebenen Rezitationen in Versform, eindringlich eingesprochen im besten british english von David Tennant, ein ehemaliger "Doctor Who"-Darsteller. Die Erzählerebene hievt die neunte Soloplatte fast in den Rang eines Hörspiels.
Unterstützung holt sich Wilson wie bereits auf "The Overview" von der jüngeren Generation ins Haus. Gitarrist Randy McStine, Tourmitglied bei Porcupine Tree, und Drummer Russel Holzmann, der Sohn des langjährigen Piano-Partners Adam Holzmann, überzeugen mit Finesse und der nötigen Unbekümmertheit diesmal auf Albumlänge.
Nach der Klangcollage "Swirl In A Lark's Eye" aus Kinderchor, Glockenläuten, Radiorauschen und Rezitation startet der Titelsong mit einer A-Capella Passage in phrygisch-dominanter Tonfolge, mystisch und verhuscht. Der Track explodiert mit einem hartmetallischen Riff, das in das verträumte Ambiente hereinbricht. Das Wechselspiel aus Gesangspassagen und Instrumental-Abfahrten gipfelt in der Hook, die Wilson mal eben über das halsbrecherische Riff skandiert.
"Now Departing" ist die kongeniale Zwillingsnummer zum Titelsong, nimmt die Strophen-Melodie als Ausgangspunkt und führt diese in jazz-rockiger Krachmanier weiter. In "Hiraeth" erklingen himmlische Harmonien, die eine Gilmour-like Lead-Gitarre sanft tupft. "On Chapel Slope" schreitet einer Pavane gleich gemächlich zum Altar, begleitet von bluesigen Akkorden und untermalt von geisterhaften Streichern und einer einsamen Oboe.
"Murmuration" macht seinem Namen alle Ehre und beginnt mit düster-dräuenden Drones, die lichtdurchwirkten Synths weichen, bevor eine klassische Wilson-Wohlfühlnummer im Stile von "Piano Lessions" oder "Deform To Form A Star" folgt, die am Ende mit schaurig-schönen Female Vocals ausklingt. So lohnend es scheint die einzelnen Songs zu beleuchten, es ist zwingend notwendig, die Platte als Ganzes zu hören. Die Übergänge zwischen den Stücken gelingen fließend.
"Cursus Fingerprint" läutet mit noisigen Cluster-Akkorden und Sprachfetzen, die bereits den Titelsong geziert haben, das letzte Drittel ein. "A Basket Of Bees" stolpert zunächst folkig-vertrackt und dann mit abgedrehter Rhythmik und Harmonik aus den Boxen. In "Great Green Map" drückt zunächst Tennants brilliante Rezitation den Hörer in den Sessel, bevor dies die bereits in "The Same River Twice" und "Hiraeth" in instrumentaler Form etablierten Passagen nun gespickt mit Lyrics übernehmen.
Mit "Wheel" rollt Wilson rock'n'rollig und fast schon punkig ins Ziel, bevor in "The Old God Has Buried" der Meißel an die Götzen gelegt wird.
"Requiem For A Village" klingt anders und doch vertraut. Auch wenn der Referenzrahmen mit den Werken zwischen 2011 und 2015 eng gesteckt ist, wäre Wilson 2026 ohne den Elektro-Pop auf "The Future Bites" und den ekletischen Pomp auf "The Harmony Codex" nicht möglich. Es menschelt beim Wunderwuzi des Prog, und dies tut dem Tanz mit den Geistern der Vergangenheit verdammt gut. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber meine Triggerpunkte hat er erwischt.


2 Kommentare mit 2 Antworten
Da wollte ich gerade den Rezensenten loben, da wird im vorletzten Satz leider doch noch der "Wunderwuzzi des Prog" eingestreut. Können wir das nicht langsam mal hinter uns lassen?
Du bist ja nur neidisch, weil dich niemand den Alchemie Archie der Kommentarspalte nennt!
Da ich als Leser auch Jahrzehnte später immer noch nicht genau weiß, was das sein soll, rings mir schon wieder fast Respekt ab, da so eisern dran festzuhalten.
Ich kann mit Steven Wilson schon länger nichts mehr anfangen. Das hier hat mich aber zur Abwechslung mal wieder erwischt. Vielleicht ist es die Kombination aus dem starken Vibe von Dylan Thomas' "Under Milk Wood" und Wilsons weniger verkrampftem, direkterem Ansatz. Hier will er ausnahmsweise mal wieder eine Geschichte erzählen, die ihn selbst berührt.