laut.de-Kritik

45 Stunden Musik aus dem Kaufhaus von Babel.

Review von

In Susanna Clarkes Roman "Piranesi" lebt ein Protagonist alleine in einer Welt, die nur aus einem endlosen Haus besteht. Das Haus ist unterteilt in Hallen, die sich in alle Himmelsrichtungen ausdehnen. Die Hallen sind mit Marmorfiguren alter griechischer Sagen vollgestellt. Außer Piranesi kann niemand sie sehen oder bewundern. Sie sind wert- und sinnlos. In manchen Hallen des Hauses ist das Dach eingestürzt, so dass Vögel in den Statuen nisten. Manchmal durchfluten Gezeiten die unteren Hallen. Piranesi verbringt sein ganzes Leben damit, das einsame Labyrinth abzuschreiten, die Statuen zu betrachten und sich die Geschichten zu erdenken, die sie repräsentieren könnten.

In Jorge Luis Borges' Kurzgeschichte "Die Bibliothek von Babel" ist die ganze Welt eine gigantische Bibliothek. Sie besteht aus hexagonalen Räumen, in jedem lebt ein Archivar. Würde man lange genug zwischen den Räumen hin und her gehen, würde man schließlich Bücher finden, in denen jede Idee, jeder Gedanke, jede mögliche Zusammensetzung von Zeichen abgedruckt stünde. Doch je weiter man sich durch das Labyrinth bewegen würde, desto mehr leere Räume würde man finden, da Schwindsucht oder Ennui die Archivare dahingerafft hätte. Die Bibliothek wäre Heimat für Texte, die jedes Problem, jede Sinnlosigkeit lösen könnten. Doch da ist niemand, um all die Bücher zu lesen.

Zwischen den Jahren 2015 und 2022 hat der Musiker Luke Laurila, der auch unter den Namen T e l e p a t h oder Starlight Temple Slushwave-Musik veröffentlicht, sein Lebenswerk vollendet. "Virtual Dream Plaza" umfasst 83 Tracks, die alle etwa 30 Minuten dauern. Die Gesamtlänge des Albums umfasst etwa 45 Stunden.

"Virtual Dream Plaza" ist das musikalische Äquivalent der Welten von "Piranesi" und "Die Bibliothek Von Babel". Es ist ein labyrinthisches Archiv an modulierten, collagierten Samples, die alle gemein haben, den genauen Halbschatten zwischen nostalgischer Erinnerung und entfremdetem Traum zu finden. Es ist ein Album, das linear nicht zu greifen ist, das sich einem Gesamteindruck aktiv entzieht. Es ist eins der faszinierendsten, hypnotischsten Rabbtiholes der Musikgeschichte.

Die musikalische Technik beziehungsweise das Genre, das Laurila benutzt, heißt Slushwave. Dieser Unterbegriff bezieht sich auf das in den Zehnerjahren entstandene Vaporwave. Für alle, die nicht die meisten Nächte ihres Studiums bekifft im Deep End des Internets verbracht haben: Vaporwave ist ein bizarres Genre, das entstanden ist, nachdem westliche Musiknerds eine Faszination für das japanische 70er-Genre des City Pops entwickelt haben. Die gängige Frage, wenn unsereins mit Musik wie Mariya Takeuchis "Plastic Love" oder Taeko Ohnukis "Sunshower" konfrontiert war: Warum empfinde ich Nostalgie für diese Zeit und diesen Ort, den ich nie erlebt haben konnte?

Natürlich spielt es eine Rolle, dass es Japan war. Das kann man beschissen finden oder nicht, aber für die hiesige Nerdschaft spielt Japan seit nun mehr zwanzig Jahre die Rolle der ultimativen Projektionsfläche. Wenn man Japan nicht als reales Land mit realen Leuten und einer realen Kultur versteht (was man, versteht mich nicht falsch, natürlich tun sollte), bleibt ein maximal von uns entfernter Ort, der gleichzeitig das völlig Andere - und doch uns ähnlich ist. Es ist die absolute Otherness, obwohl es objektiv nicht weit weg von dem Funk, Soft Rock und Schlager unserer Kindheiten ist. Aber das Wiederentdecken von City Pop war ebendas: Der Affekt der Möglichkeit einer anderen Nostalgie, einer anderen Kindheit, eines anderen Lebens, der unserem genug ähnelt, um sich zu reimen. Diese Fast-Nostalgie ist eine ehrlich intensive und schwer sortierbare Emotion.

Vaporwave war lange Jahre der metaironische Versuch, sich dieser Emotion anzunähern. Fast jeder Nerd kennt die zu Tode parodierte Ästhetik von Macintosh Plus' "Florral Shoppe". Das Album mit den megaviralen Tracks besteht bisweilen aus nichts Anderem als verlangsamten und mit Echo belegten City Pop-Tracks. Und während Vaporwave für manche ein exotisierender Witz war, gab es doch eine Bewegung an Artists, die den emotionalen Kern darin ernst nehmen wollten. Laurila war von Anfang an an deren Speerspitze. Er hat das entwickelt, was wir heute Slushwave nennen.

Unter dem Namen T e l e p a t h veröffentlichte er 2014 das Projekt "Beyond Reality". Es war Vaporwave, aber die Technik war anspruchsvoller. Die Modulation war komplexer, die Kollagen intelligenter. Laurila bearbeitete das musikalische Material so sehr uns so unnachgiebig, dass es graduell weiter seine musikalischen Texturen verlor und fast zu Ambient verschmolz. Das ist die Formel, die er schließlich auf "Virtual Dream Plaza" zur Perfektion gebracht hat.

"Virtual Dream Plaza" spricht nicht von einzelnen Tracks, sondern von Traumsequenzen. Und das tut es mit recht. Die Sequenzen bewegen sich alle im fast gleichen Muster: Es beginnt mit einem langen Fade-In, so indirekt in seinem Einsetzen, dass man nach einer Minute kurz prüfen will, ob man überhaupt Musik angemacht hat. Bis die Musik in voller Lautstärke anwesend ist, musste die Aufmerksamkeit also fast schon wieder ein wenig vom eigentlichen Hören abweichen. Das hat System: "Virtual Dream Plaza" will wie aller Ambient vor allem ein Tint sein, eine Folie, die sich über die erlebte Welt des Hörers legt. Es hat einen Grund, warum viele Fans beschreiben, dass dieses Archiv an Musik sie durch zahllose einsame Nächte, durchs abendliche Lernen oder zum Lesen begleitet hat.

Entsprechend gibt es eine recht einheitliche Erfahrung der Tracks: Sie bewegen sich uniform, sie versuchen, ähnliche Dinge zu tun und sind so strukturiert, dass es keine allzu großen sonischen Überraschungen gibt. Die Monotonie und das Parallele ist einer der Gründe, warum das Album dieses hypnotische, labyrinthische Gefühl entfaltet, je tiefer man sich darin verliert. Das heißt aber trotzdem nicht, dass es keine klaren Standouts gibt.

Sequenz 33 ("Yi jian zhong qing") genießt lange Zeit schon Status als Fanfavorit. Die geisterhaft manipulierten Vocal-Chops fließen flüssig und ungreifbar an einem zentralen Synthesizer-Motiv vorbei, das klingt, als würde man ein Zelda-Wassertempel-Level auf einer lang verblassten Cartridge spielen.

Sequenz 4 ("Underwater Dream") nimmt sich ein Stück extrem kommerzieller Lounge-Musik vor. Das Editing hier gehört zu den simpelsten, zur klassischsten Vaporwave-Technik. Und trotzdem ist da etwas Perfides darin, wie die Verlangsamung und der Hall dem Sonnenklar TV-24 Stunden Channel-Core einen neuen emotionalen Kern entlockt. Im einen Moment spürt man in der dekonstruierten Konsumgut-Form etwas Diabolisches, dann wieder etwas Warmes und Tröstliches.

Sequenz 36 ("Wuxian Kewang") ist nicht weniger als ein perfektes, kleines Ambient-Album, das sich inmitten des Labyrinths verbirgt. Über ein Bett an aquatischen Field Recording-Sounds fläzen sich diese Klavier-Kaskaden, die so sehr verlangsamt wurden, dass sie texturell nicht weit von Brian Enos "Music For Airports" weg sind. Währenddessen baut sich über dreißig Minuten ein Synthesizer-Crescendo auf, das das ganze musikalische Motiv gegen Ende in ein einziges Drone versinken lässt.

Sollte man es tatsächlich schaffen, sich bis zum Ende von "Virtual Dream Plaza" durchzuhangeln (oder man skippt einfach in der Playlist zum Ende, ich kann euch nicht vorschreiben, wie ihr eure Leben zu leben habt), wird man mit Sequenz 83 ("Beyond The Dream") belohnt, vielleicht der schönsten und erhabensten Sequenz des ganzen Labyrinths. Das langsame Gitarren-Motiv hinter digitalen Ornamenten könnte locker auch von einer Post Rock-Band stammen, bevor wieder ein klassisches Slushwave-Sample einsetzt und in der selben Crescendo-Bewegung wie Sequenz 36 schlussendlich in einem einzigen Drone versinkt.

Die Kassetten zerzurren, die CDs zerkratzen, die Digitalfotos verblassen. "Virtual Dream Plaza" zerschmilzt in seinen finalen Momenten zu einem psychedelischen See an Daten, zu einem einsamen, ungehörten Lagerhaus voller Oldie-Platten eines anderen Planeten.

"Virtual Dream Plaza" ist die akustische Wirklichkeit, dass wir jeden Moment Millionen Terrabyte an Kultur verlieren. Es ist ein Monument für all die Musik, die wir niemals gehört haben werden, für all die Kindheiten, die wir nie durchleben werden, für all die Kunst, die in dieser großen, weiten Welt ungehört archivieren und niemals hören werden.

Dan Olson sagte einmal, die Zukunft sei eine tote Mall. Wenn man die Hörerfahrung von "Virtual Dream Plaza" zu einem Ort wie in "Piranesi" oder "Die Bibliothek von Babel" übersetzen wollen, dann wäre sie genau das: Ein endloses Geflecht an Malls. Ein Kaufhaus, in dem Rolltreppen und Aufzüge in jede Richtung, nach unten, nach oben, nach links und rechts, endlos weiterführen. Und egal, wohin wir uns bewegen, finden wir nichts als Läden, manche lange verrammelt, in manchen noch mit einem alten, hängengebliebenen Krämer sitzend, aus allen Kulturen, Orten, Zeiten.

Es wäre das Kaufhaus von Babel, über dem es nur ein Dach und keinen Himmel gäbe. Wir könnten die City Pop-CDs unserer Träume neben alten Pokemon-Spielen erstehen, wir könnten Lager in verwahrlosten Food-Courts aufschlagen, zum Surren der Deckenlampen einschlafen und neben unseren gesammelten Schätzen aufwachen. Jeder Tag wäre derselbe. All die Werbebanner, all die Image-Fotografien würden irgendwann verblassend aufhören, auf irgendetwas zu referieren. Wir wären verloren in einer gigantischen Halde abgestreifter Bedeutung - und vielleicht würden wir feststellen, dass dieser endlose Kapitalismus als Ruine etwas Befreiendes, Erhabenes, Kathedralisches entfalten würde.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Waiting For You
  2. 2. Here She Comes
  3. 3. The First Farewell
  4. 4. Underwater Dream
  5. 5. Walking The Coast Together
  6. 6. In Your Eyes
  7. 7. As One
  8. 8. Unknown Pleasures
  9. 9. Together Forever
  10. 10. I Want To Be Together Forever
  11. 11. Night Lovers
  12. 12. Inclination Of Love
  13. 13. Sensuality
  14. 14. In Love Forever
  15. 15. Desire
  16. 16. You And I Forever
  17. 17. Dream Girl
  18. 18. I Need You
  19. 19. You Are The Light In My Darkness
  20. 20. Desire To Arcadia
  21. 21. Telepathy Lovers
  22. 22. Floating Darkness
  23. 23. Two Weeks Without You
  24. 24. Virtual Dream Plaza
  25. 25. To Meet Again
  26. 26. Rift
  27. 27. Infinite Dream
  28. 28. Your Shimmer
  29. 29. Love's Sacrifice
  30. 30. Spirit Guide
  31. 31. Cognitive Reconstruction
  32. 32. Ai De Xishou
  33. 33. Yi Jian Zhong Qing
  34. 34. 失去恋人
  35. 35. 看着你走
  36. 36. 画像
  37. 37. Dream Love
  38. 38. 時代を超越した恋人
  39. 39. 団結
  40. 40. 天来恋人
  41. 41. Wuxian Kewang
  42. 42. 顔のない恋人
  43. 43. 憧れ
  44. 44. あなたの愛を待っています
  45. 45. 厳粛な愛
  46. 46. 愛の傾き
  47. 47. 私はあなたがとても大好きです
  48. 48. 暗闇からの脱出
  49. 49. 浄化の光
  50. 50. Eternal Lover
  51. 51. Eternal Connection
  52. 52. Eternal Smile
  53. 53. Eternal Gaze
  54. 54. あなたの凝視の精力
  55. 55. 愛の精力
  56. 56. 私たちの精力一緒
  57. 57. 闇光
  58. 58. Anata No Me No Hikari
  59. 59. Watashi No Ai Wa Anata
  60. 60. Watashi Wa Itsumo Anata No
  61. 61. Ai No Omoide
  62. 62. Eien No Ai No Gyoushi
  63. 63. Umibe No Ai
  64. 64. Koukotsu Ai
  65. 65. Ai No Tankyuu
  66. 66. Watashitachi No Ai Wo Kyouyouu Shimasu
  67. 67. 仮想夢女の子
  68. 68. 夢の海
  69. 69. 愛の光の夢
  70. 70. 逆説的な愛の夢
  71. 71. Balance
  72. 72. Yume Shi
  73. 73. 囲む
  74. 74. 一夜をともにする
  75. 75. Guardian
  76. 76. 共生
  77. 77. 帰る
  78. 78. Clarity
  79. 79. Kaihokan
  80. 80. Chenyulouyan Bi Yue Xiu Hua
  81. 81. Beyond The Dream
  82. 82. 虛擬夢想廣場 : 沉​魚​落​雁​閉​月​羞​花
  83. 83. 仮想夢プラザ : 夢を越えて

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