laut.de-Kritik
Gutes Halberzähltes aus Schottland.
Review von Franz MauererChaotisch waren Arab Strap schon immer irgendwie, auf "Half-Told Tales" machen sie daraus ein Konzept. Das Album mäandert, biegt falsch ab, verheddert sich in Gedanken und findet manchmal erst spät heraus, worauf es eigentlich hinauswill. Das passt zu Aidan Moffat, zu seinem knochentrockenen Stirlingshire-Humor und zu einer Band, die nach drei Jahrzehnten wenig Interesse daran zeigt, ihre Altersweisheit sauber zu portionieren. Gerade diese Unordnung gehört zu den großen Stärken der Platte.
Denn ausgerechnet dort, wo "Half-Told Tales" besonders zeitgenössisch sein möchte, wirkt es bisweilen erstaunlich altbacken. Internetmüll, Manosphere, körperlicher Verfall: Moffat hat seine Stichworte beisammen, aber nicht jede Gegenwartsdiagnose wird dadurch interessant. "You You You" beschäftigt sich ausgiebig mit seinem Altern – nur ist Moffats Altern an sich eben noch kein wahnsinnig aufregendes Thema. Viel stärker wird das Album, sobald Biografie und Außenwelt ineinandergreifen. Insbesondere die Vaterrolle eröffnet Perspektiven, die man so bei Arab Strap kaum kannte. Plötzlich geht es nicht bloß ums Älterwerden, sondern darum, was Altern bedeutet, wenn einem jüngere Menschen beim Altern zusehen.
Musikalisch bekommt diese Bewegung erfreulich viel Platz. "I Get Noise" knallt hart und sperrig herein und schafft damit genau jene Kontrastfläche, auf der Moffats Vortrag gewinnt. "Glamour Magick" denkt größer: Postgaze trifft fast schon Stadionrock, die Fallhöhe wächst, und mit ihr der Raum für diese Stimme. "Gape" funktioniert aus dem entgegengesetzten Grund. Der Song weiß, dass Spannung nicht das selbe ist wie Härte, und lässt sich Zeit. Selbst "Under Offer" nimmt mit seinen sägenden Geigen irgendwann Druck heraus, wird weicher, lockerer – und gerade deshalb besser. "Basic Physics" ist schon das nächste Beispiel dafür, wie gut Arab Strap 2026 sind, wenn sie sich selbst ein bisschen unbequem werden. Der Track hinterlässt Spuren.
Nicht jeder Ausflug rechtfertigt allerdings die Reise. "Be A Man" ist musikalisch ungefähr so aufregend wie ein Manosphere-Livestream. Diese unbewegt dahinfließende LoFi-Indie-Tiefgründigkeit will bei Arab Strap inzwischen ein wenig zu offensichtlich bedeutungsschwer sein. Und das Wichser-Saxophon am Ende wäre als ironischer Bruch vielleicht noch zu verteidigen; ernst gemeint ist es natürlich inakzeptabel. "Fighting For You" wiederum kann sich zu lange nicht entscheiden, ob es sich weiter in sich selbst hineindrehen möchte, und landet schließlich irgendwo zwischen Fisch und Fleisch. "Sunsong" lässt erneut Räume offen, die Middleton offenbar allein deshalb mit seiner Gitarre füllen muss, weil sie nun einmal da sind. "Dollar Park" ist okay, aber auch deutlich länger als seine Idee. "Mr. Splitfoot" macht es besser, findet aber ebenfalls keinen wirklichen Haken.
Umso stärker geraten die Momente, in denen Form und Inhalt plötzlich exakt zusammenpassen. "Ampersand" ist allein wegen seiner Hasserfülltheit exzellent. Moffat schleppt sich durch den Song wie ein sterbendes Tier, während die fließende Musik nicht zur schläfrigen Begleitung, sondern zum Kontrapunkt wird. Vor allem das Schlagzeug hält die Spannung hoch. "Fragments" fängt sich mit einem Leberhaken von Bass, bevor "Beats Per Minute" zum Finale ansetzt. Ein guter Closer, der allerdings sehr genau weiß, dass er ein Closer ist, und sich deshalb fünf Minuten lang weigert, endlich die Tür hinter sich zuzumachen.
Zunächst wirken solche faden Strecken wie ein ziemlich überzeugendes Argument gegen die Scheibe. Andererseits besitzt "Half-Told Tales" genug starke Phasen, seltsame Entscheidungen und echte Entwicklung, um sich gerade durch seine Unebenheiten festzusetzen. Entscheidender noch: Arab Strap beschreiben diesmal weniger einen schottischen Zustand als einen persönlichen. Moffats Blick richtet sich nicht nur hinaus auf die Welt, sondern zurück auf sich selbst, seine Familie und die Frage, was von all dem irgendwann übrigbleibt. Das macht "Half-Told Tales" nicht makellos. Aber ziemlich einzigartig. Sogar innerhalb der ohnehin ziemlich einzigartigen Diskografie dieser Schotten.


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