laut.de-Kritik

Die dunkle Schwester von "Weather Alive".

Review von

Die uns bekannte Beth Orton verschwindet. Nach und nach. Das ist das erste, was einem an "The Ground Above" auffällt. Klang die Stimme der 55-jährigen vor gerade einmal vier Jahren auf "Weather Alive" noch warm, sicher und strauchelte nur in wenigen Momenten, liegt sie nun in Trümmern. Es krächzt, es knarzt, jeder in die Welt gedrückte Ton wackelt. Schwer vorstellbar, wie bei dieser schnellen Entwicklung noch viele Alben von ihr klingen werden. Richtig eingesetzt kann daraus jedoch auch eine neue Reife und Präsenz entstehen.

Diesbezüglich befindet sich "The Ground Above" auf einem guten Weg. Die elektronischen Signaturen früherer Jahre verschwinden nahezu, die Songs öffnen sich mehr und mehr. Im Mittelpunkt stehen Klavier, eine behutsam mit ihrem Songwriting atmende Rhythmusgruppe, punktuell eingesetzte Synthesizer und Trompete. Der Folk bleibt im Mittelpunkt, Alternative und Soul kommen hinzu, doch der Jazz findet immer mehr Raum.

Mit ihrem neunten, von ihr selbst produzierten Album liefert Beth Orton nun eine etwas dunklere Schwester von "Weather Alive", mit dem sie 2022 nach einer sechsjährigen Pause zurückgekehrt war. In dieser Zeit ploppten eine (mittlerweile gut eingestellte) Temporallappenepilepsie, die daraus resultierenden Anfälle und Gedächtnisprobleme sowie eine Morbus-Crohn-Erkrankung in ihr Leben. "The Ground Above" führt ihr ruhigeres Spätwerk konsequent fort und setzt eher auf Feinjustierung, als neue Wege einzuschlagen.

Anstelle von Hooks und klassischen Bauplänen steht zunehmend die Atmosphäre eines Lieds im Mittelpunkt. Klänge greifen ineinander, erwarten Geduld und belohnen diese letztendlich. Die Texte handeln von Verlust, Abschieden, Erinnerungen und Zusammenbrüchen, gepaart mit dem deutlichen Wunsch, diese mit einem Aufbruch hinter sich zu lassen.

Das über acht Minuten dauernde Titelstück steht exemplarisch für Ortons Entwicklung. Zuerst steht ihre brüchige Stimme fast alleine und nackt vor einem. Versteckt wird hier nichts. "I'm invincible as grief / Violent as a blade of spring released / Ecstatic as a mother's love / Tearing through the ground to the sky above." Jede kleine Unebenheit, jedes Wegbrechen eines Tons erzählt dabei mehr, als jede mit Perfektion eingesetzte Gesangslinie. Vieles spricht sie mehr, als dass sie es singt. Einzelne Klaviertöne hängen in der Luft, langsam greift das Schlagzeug ein, eine entrückte Trompete füllt zaghaft die Lücken.

Dem entgegen steht "Cigarette Curls", auf dem sich Orton mit einem Wurlitzer begleitet und einen schleppenden Groove einfließen lässt. Ein Song über eine verblassende Freundschaft, dessen zu Beginn zaghaftes Arrangement sich mehr und mehr mit Bläsern und Chören füllt und auf das von Adrian Utleys ebenso schönes wie wunderliches Gitarrensolo zubewegt.

Das federnde "Waiting" schmiegt sich in Soul und verbindet diesen mit der Klangsprache des restlichen Albums. Eine sanft fließende Melodie, von Flöten und Trompete begleitet, die jedoch auch zeigt, dass Ortons sich überschlagende Stimme in solchen Songs nicht mehr funktioniert. Sie braucht mittlerweile zunehmend das Verletztliche, die Langsamkeit, die Dunkelheit.

Dahin zurück führen "Celestial Light" und "I'll Miss You". Im Ersteren schwebt sie kaum greifbar durch einen Klangnebel aus Schlagzeug, Klavier, Synthesizer und Marimba, die nur als Hauch präsent bleiben und ihrer Stimme den Raum überlassen. In Zweiterem finden Melodie und Verwundbarkeit zueinander. Ein zartes Klanggebilde, eine feinfühlige Melodie bilden ein intimes Abschiedslied, das den Verlust weder dramatisiert noch die Liebe vergisst, die ihm vorausgeht und nachhallt. "The moon a crumpled paper bag / The sun a rusted can", singt Orton, lässt später "If time was somehow mine to waste / I'd spend it all on you" folgen. Schnüff. Mit dem hymnischen, fast überlandenen "Otherside" wartet mit "All The Young Dudes"-Schlagseite (Mott The Hoople / David Bowie) dann Hoffnung: "Tell me you made it through the night / Tell me you made it out alive."

"The Ground Above" führt Beth Ortons Entwicklung konsequent weiter. Ihre Vergangenheit bleibt allgegenwärtig, doch ihr Blick richtet sich nach vorn. Es geht nicht darum, die Verletzungen der Vergangenheit zu verdrängen, sondern zu lernen, mit ihnen zu leben. Manche Songs straucheln an ihrer brüchigen Stimme, andere gewinnen gerade durch sie eine besondere Tiefe. Wenn Musik und Gesang jedoch vollkommen zueinanderfinden, entsteht etwas Eigenes. Das Porträt einer bei sich angekommenen Künstlerin, die keine Lust mehr hat, gegen die unaufhaltsam fortschreitende Zeit anzukämpfen, sondern ihr freudig die Hand reicht, um den restlichen Weg mit ihr zu gehen.

Trackliste

  1. 1. The Ground Above
  2. 2. Before I Knew
  3. 3. Cigarette Curls
  4. 4. Waiting
  5. 5. Celestial Light
  6. 6. I'll Miss You
  7. 7. Love You Right
  8. 8. Otherside

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