laut.de-Kritik

In die große Leere hineinsingen.

Review von

"It is 2014 and I have no idea what is going on in my life!", vermeldet eine Stimme wie durch ein Megafon in die Stille, und lärmendes, aber harmonisches Chaos folgt. So klang auch Will Toledos Verfassung zur Zeit von "How To Leave Town". Toledo war dabei, sein Studium in Virginia abzuschließen und plante, daraufhin nach Seattle zu ziehen, weil die Musikszene dort vielversprechender schien. Aber wie geht man den Schritt ins nächste Kapitel seines Lebens? Und was wartet dort auf einen? Erfolg? Lärm? Ein Ende der Einsamkeit?

Sein damals noch allein geführtes Projekt Car Seat Headrest hatte nach vier Jahren mit zehn Bandcamp-Alben, die er in seinem Wohnheimzimmer oder teils auch Autos (daher der Bandname) aufgenommen hatte, zumindest in Online-Musikforen einige Fans gesammelt. Aber tatsächlich schon im Jahr 2015 einen Deal mit einem Label, dazu dem beliebten Matador Records, zu bekommen, darauf konnte Will Toledo damals lediglich hoffen. Dass kurz darauf "Teens Of Denial" den Durchbruch bringen und von einigen zum besten Indie-Rock-Album des Jahres 2016 gekürt werden würde, davon konnte er nur träumen.

Diese Zeit beschrieb Toledo in einem Interview mit Entertainment Weekly später so: "Es war eine Übergangsphase – mein letztes Jahr am College. Ich wusste nicht so recht, was ich danach machen sollte. Ich wusste zwar, dass ich Musik machen wollte, aber nicht, wie ich das verwirklichen und davon leben könnte. Das beunruhigte mich, ebenso wie die Vorstellung einer Musikkarriere an sich. Ich befand mich an einem Punkt, an dem meine Musik zwar etwas Aufmerksamkeit erregte, aber nicht genug, um etwas Dauerhaftes daraus zu machen – zudem war vieles davon negativ."

Man kommt also wieder zur titelgebenden Frage zurück: Wie leavet man besagte Town? Diese Town kann man für Verschiedenes lesen: den tatsächlichen Ortswechsel in eine neue Stadt; den versuchten Sprung in eine Musikkarriere; das Loseisen aus Depressionen in Hoffnung auf ein normales Leben wie alle anderen; das Zurücklassen einer gescheiterten Beziehung, um endlich richtig zu verstehen, was Liebe ist. Kurz gesagt, das Erwachsenwerden, ein Thema, zu dem Will Toledo in seiner Diskographie immer wieder zurückkehrt und für das er ein Auge besitzt, dem nur wenige Konkurrenz machen. Auf "How To Leave Town" begegnet er diesem Thema noch vor allem mit Ungewissheit und Angst.

Sogar die Platte selbst entstand ohne klaren Plan. Eigentlich arbeitete Toledo an Material für das als nächste geplante "Teens Of Denial" und sortierte immer mehr Songs aus, die dafür nicht passend schienen. "How To Leave Town" sollte eine EP aus manchen dieser Überbleibsel werden, doch das Endergebnis sprengte diese Prämisse. Sowohl in Länge: Es sind satte 62 Minuten, die trotzdem immer noch als EP kategorisiert sind – diesen Ragebait hatte Toledo sich von Sufjan Stevens' "All Delighted People"-EP abgeschaut. Als auch in Qualität: Das hier sind keine ganz netten B-Seiten, die für Fans vielleicht cool zum Auschecken sind; stattdessen ist "How To Leave Town" ein textlich und musikalisch kohärentes Werk, das zu Car Seat Headrests größten Errungenschaften gehört.

Das finale Werk seiner ungesignten Bandcamp-Ära läutet Toledo mit einem unfassbaren Song ein, der im Kern so eine DIY-Schlafzimmer-Produktion ist, wie es nur geht, aber diesen Stil zur Perfektion nutzt: Das 14-minütige "The Ending Of Dramamine" eröffnet mit einer billigen Drum-Machine. Darüber legen sich immer mehr Synthesizer, die nicht gerade Aphex Twin oder Jean-Michel Jarre sind, sondern eher GarageBand-Plugin-Bibliothek. Eine starke Atmosphäre baut sich dennoch auf, wegen der Geduld, mit der hier langsam Loop über Loop gepackt wird, bis es einen geradezu erschlägt.

Nach fünf Minuten stetigem instrumentalem Buildup fällt das alles aber wieder weg, und die Bühne für Will Toledo ist eröffnet. Über eine einsame Orgel versetzt er uns kleinlaut in eine Szenerie, in der ein betrunkener Fahrer seinen besten Freund überfährt. Das lässt den Fahrer aber unberührt, da er nur an sich selbst denkt. Ein morbides Bild für die Schuld, die Toledo sich selbst für seine Depression gibt, da sie ihn ja nur um sich selbst sorgen lasse, während er scheinbar die Leute um ihn herum gefährde. Zwischen fehlendem Selbstwert und Egozentrik versucht er, uns seinen Gefühlszustand zu erklären. Doch er versteht nicht mal, warum er eigentlich unglücklich ist: "I was young, I was thin, I had money and I loved you / But then came the shabba de bop bop be shibby day, oh yeah" – Scatten wirkt in so einem Depri-Indietronica-Song erstmal unerwartet, fasst das Unbeschreibliche, Irrationale an Depressionen aber großartig zusammen.

"Hate yourself, do you hate yourself? / I don't hate myself, I tolerate myself / I wish I was someone else / But it seems too stupid to mention / I know I'll be ripped in heaven", die zitierwürdigen Zeilen kommen in diesen 14 Minuten wie am Fließband. Die bedrückte Atmosphäre treibt sich immer weiter und endet schließlich in Loops aus Gitarren-Feedback – eine Hommage an den im Titel erwähnten Modest-Mouse-Song "Dramamine". Dessen Ende habe nämlich Toledos Mitbewohner Degnan erschrocken, erzählt er hier beiläufig.

"Beast Monster Thing (Love Isn't Love Enough)" und "Kimochi Warui (When? When? When? When? When? When? When?)" gehen textlich ähnlich identitätskrisenhaft weiter. In ersterem Song wünscht Toledo sich, eine bessere Version seiner Selbst zu sein, und erschafft so eine geteilte Persönlichkeit mit einem Tier oder eben "Beast Monster Thing". Fans witzeln zwar seit Jahren darüber, Car Seat Headrest sei Musik für depressive Furries (Toledo selbst hat sich mittlerweile öffentlich als Furry bekannt), aber hier beschreibt Toledo die Identifizierung als tierisches Alter-Ego wirklich gekonnt. So hilft es ihm etwa beim kreativen Prozess, da Toledo selbst seine Gefühle durch jahrelange Depression nicht mehr in Worte fassen kann: "I co-write my songs with myself / He feels the feelings, I write the words".

Klasse, klingt ja schon mal alles recht hoffnungslos und existenzangsterfüllt! Musikalisch geht dennoch manchmal die Sonne auf: Synthesizer und frittiert-verzerrte Gitarren werfen überraschend positive Akkordwechsel ein, die Refrains stapeln schlampige Gesangsspuren geradezu hymnisch übereinander. Diese Euphorie inmitten Verzweiflung beherrschen Car Seat Headrest meisterhaft.

Mit geradezu kindlicher Freude berichtet Will in "You're In Love With Me" vom Gefühl, endlich von jemandem geliebt zu werden. Darauf ist er so stolz, dass er träumt, Barack Obama tauche bei seiner Geburtstagsparty auf und stelle ein Banner von Wills Gesicht auf. Unsicherheit tritt trotzdem zutage, da sie für das Banner ausgerechnet das schlecht aussehende Bild von seinem Führerschein gewählt haben.

Auch "America (Never Been)" hat ein Gefühl von Glückseligkeit. Die Slide-Gitarre schwelgt im Patriotismus des amerikanischen Country und Southern Rock, und im nächsten Moment wird der Song ein von 808-Drumcomputern getriebener Elektro-Track. Bei einem Roadtrip durch die USA starrt Will in die Ferne und träumt vom großen Erfolg als Musiker. Die gesamte EP ist durchzogen von textlichen Referenzen auf andere Künstler:innen wie die Beatles oder Beach Boys, selbst auf Franz Kafka oder den Anime "The End Of Evangelion". So testete Will Toledo, ob er selbst in diese Welt gehörte, ob er aus dem Holz eines Künstlers geschnitzt war. In "America (Never Been)" wird dieser American Dream aber bald zur Erkenntnis eines Systems voller Ausbeutung und verkaufter Vorstellungen von Glück: "All my fantasies are fake orgasms". Statt "I've never been (America)" singt er schließlich "I've never really (been in love)".

Was ist Liebe überhaupt? Und liebe ich richtig und genug? Eine grundlegende Frage, die Will Toledo sich immer wieder auf "How To Leave Town" stellt. Das Mantra "Love isn't love enough" könnte man verschieden lesen. Entweder mit Komma und Fragezeichen: Liebe, ist Liebe nicht genug, um uns glücklich zu machen? Oder als Feststellung: Unsere angebliche Liebe reicht nicht aus, um wirklich Liebe zu sein oder uns durchs Leben zu tragen. Beide Seiten der Medaille herrschen im aufwühlenden Beziehungsdrama von "I Want You To Know That I'm Awake/I Hope That You're Asleep" vor. Unverständnis über die eigenen Gefühle, Schuld über diese Unfähigkeit, Kommunikationsprobleme, Konfliktscheue und doch verzweifeltes Aneinanderklammern spielen alle zusammen. Will zählt berühmte getrennte Pärchen auf, aber versichert jedes Mal: "But we're not like them, no, we're nothing like them".

Wie Will Toledo in seinen Songs die eigenen schusseligen, kleinen Gedanken wiedergibt, könnte wahllos sein. Aber es fängt seine Überforderung so authentisch ein, dass man sich selbst beim Zuhören oft kalt erwischt fühlt. Und dafür muss man nicht gerade das Studium beenden oder versuchen, erwachsen zu werden. In jeder Lebensphase wird man eine der Fragen im Hinterkopf vergraben haben, die Toledo auf "How To Leave Town" aufgreift – selbst wenn man denkt, man sei schon längst über so eine jugendliche Orientierungslosigkeit hinweg. Wie alle guten Coming-of-age-Geschichten haben Car Seat Headrests Songs bei all dem dennoch oft ein Element von Hoffnung.

So wird Will trotz all der bisherigen Zweifel zum Schluss darauf vorbereitet, in die nächste Lebensphase zu starten. "Hey, Space Cadet (Beast Monster Thing In Space)" schickt ihn feierlich und erlösend ins All, auf die Reise ins Unbekannte. Dieses Weltraum-Motiv führt alles zusammen. "How To Leave Town" klingt mit seinen sterilen, kostenlosen Software-Instrumenten und ausgedehnt langen Kompositionen oft wie eine große, leere Fläche, in die Will Toledo hineinsingt. Der verzerrte Effekt auf seiner Stimme lässt Toledo wie einen Astronauten klingen, der durch sein Mikro versucht, mit der Erde zu kommunizieren. Aber kommt eine Antwort? Die Angst, in der großen Leere für immer alleine gefangen zu bleiben, spiegelt sich auch im Cover: ein Hund mit Astronautenhelm, der vor einem Sternenhimmel sitzt.

Die Antwort kam schneller als gedacht. Nach "How To Leave Town" würde Car Seat Headrest endlich bei Matador landen und eine vierköpfige Band werden. Die Wände der College-Schlafzimmer, in denen "How To Leave Town" entstand, würde er bald als Poster schmücken. Davor lag die Angst vorm Unbekannten.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. The Ending Of Dramamine
  2. 2. Beast Monster Thing (Love Isn't Love Enough)
  3. 3. Kimochi Warui (When? When? When? When? When? When? When?)
  4. 4. I-94 W (832 Mi)
  5. 5. You're In Love With Me
  6. 6. America (Never Been)
  7. 7. I Want You To Know That I'm Awake/I Hope That You're Asleep
  8. 8. Is This Dust Really From The Titanic?
  9. 9. Hey, Space Cadet (Beast Monster Thing In Space)

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