20. Oktober 2026
"Pop fühlt sich heute zukunftsweisend an"
Interview geführt von Ben Schiwek"Zirp!", das fünfte Album von DIIV, beinhaltet einen Sound, den die US-Band selbst als "The New Alternative" bezeichnet. Was das sein soll? Fragen wir doch mal bei Zachary Cole Smith nach.
Nicht nur QOTSA veröffentlichen am 30. Oktober mit "Perfecth" einen seltsam auszusprechenden Albumtitel. DIIV legen ebenfalls vor: "Zirp!" klingt lustig, das Wort steht aber für Nullzinspolitik und ist der Schlüssel zur Kapitalismuskritik der Platte. Ähnlich erfrischend aufgepeppt wie dieser Titel klingen DIIV auf Album Nummer Fünf. Die Songs glitchen so großhirnkitzelnd und digital, weil ihre Produktion von niemand Geringerem als A. G. Cook stammt. Den kennt man als PC-Music-Chef, Hyperpop-Visionär und Producer für etwa Charli xcx. Erfahrung mit "Rock Music" hat dieser definitiv, aber eine Band wie DIIV ist schon eine unerwartete Kombination – passt aber erstaunlich gut!
So ein Soundclash kommt bei Künstler:innen ja oft mit einem von ihnen selbst erfundenen neuen Genrenamen, und oft ist das mehr prätentiös als wirklich neuartig. DIIV-Frontmann Zachary Cole Smith hat da ebenfalls eine Bezeichnung im Gepäck, die er uns vorstellt: "The New Alternative". Das klingt schon so übertrieben, dass es hoffentlich geradezu augenzwinkernd ist; der Begriff hat dazu aber auch noch eine politische Ebene, die mit dem Albumkonzept zusammenhängt. Es wird also Zeit für ein großes Nerd-Gespräch über Genres, Pop als Propaganda und den vermaledeiten Begriff Shoegaze.
Hi, Cole! Ich bin sehr gespannt darauf, über euer neues Album zu sprechen. Mir hat die klangliche Veränderung gut gefallen.
Danke.
Die Pressemitteilung beschreibt das Album als "The New Alternative". Was steckt hinter diesem Begriff?
Da stecken letztlich eine ganze Menge Ideen dahinter. Ich glaube, es kann genau das sein, was man daraus machen will. Genres werden ja meistens eher von Journalist:innen definiert als von den Musiker:innen selbst. Wir wollten einen Ausgangspunkt bieten, damit die Leute selbst definieren können, was für sie "The New Alternative" ist.
Für mich spielen da ein paar Gedanken eine Rolle: Einerseits der Blick auf die Musiklandschaft. Wenn man sich die Top-100-Alternative-Charts ansieht, wirkt das oft sehr durchkommerzialisiert, glattgebügelt und irgendwie abgestanden. Es hat zwar eine gewisse Ästhetik, zum Beispiel angelehnt an Punk-Visuals, aber die wurde von der großen kapitalistischen Maschinerie vereinnahmt und dann wieder ausgespuckt.
Wir wollten also mit der Idee einer "Alternative zur Alternative" spielen. Das sollte verkörpern, was Alternative ursprünglich mal war: ein Gegenentwurf zum Pop, der damals für das Kommerzielle stand. Es gab diese Alternative-Szene, die außerhalb dieser kommerziellen Sphäre existierte. Heute fühlt es sich jedoch so an, als ob gerade im Pop experimentelle und zukunftsweisende Musik stattfindet; die Dynamik hat sich also umgekehrt. In diese New Alternative können Pop-Künstler:innen reinpassen, Rock-Künstler:innen auch – es kann eigentlich alles sein.
Ein weiteres Element ist eine gewisse Haltung gegen das Establishment, ein Spiel mit dem Begriff "Alternative" und dem Margaret-Thatcher-Zitat: "Es gibt keine Alternative zum Kapitalismus." Das Wort "Alternative" ist so aufgeladen und spiegelt eigentlich eine antikapitalistische Haltung wider, wurde aber völlig vereinnahmt und umgedeutet. Wir wollten es also wieder umkehren.
Ich verstehe absolut, was du meinst. Generell habe ich das Gefühl, dass Genrebezeichnungen manchmal ihre Bedeutung verlieren – zum Beispiel beim Progressive Rock: Früher war die Musik tatsächlich progressiv, aber manche Bands spielen heute genau das, was Progressive-Rock-Bands in den 70ern gespielt haben. Da frage ich mich, ob das wirklich noch progressiv ist oder ob es nicht eher regressiv wirkt.
Genau, das trifft es auf den Punkt. Begriffe wie "Progressive" und "Alternative" sind schon kurios. Sie sind ja auch politisch aufgeladen, man denke nur an "progressive Politik". All diese Wörter haben an Bedeutung verloren. Deshalb wollten wir sie einfach mal hinterfragen, denn wir wurden so sehr in Genre-Schubladen gesteckt, dass wir Lust hatten, ein wenig damit zu spielen.
Eines der spannendsten Dinge am Album ist, dass ihr euch entschieden habt, mit A. G. Cook zusammenzuarbeiten. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?
Wir waren alle schon lange Fans von A. G. Cook und PC Music. Er ist ja sowohl als Künstler als auch als Produzent tätig. Aber erst als sein Album "Britpop" erschien, besonders die zweite Disc davon, oder auch durch sein Projekt Thy Slaughter wurde uns klar: Das ist eine wirklich spannende Interpretation von Rockmusik. In dieser Hinsicht wirkte er auf uns wie ein Gleichgesinnter. Wir traten also mit der Idee an ihn heran, etwas im Stil von "Screamadelica" (von Primal Scream, Anm. d. Red.) zu machen. Er meinte dann: "Ich würde sehr gerne mit euch arbeiten, aber lassen wir das mit "Screamadelica" lieber sein. Lasst uns stattdessen von Grund auf etwas Gemeinsames entwickeln." Wir haben ihm also von Anfang an Demos vorgespielt, an denen wir gerade arbeiteten, und sind von dort aus gestartet. Später besuchte er eines unserer Konzerte und schlug vor, den Sound der Band einzufangen, was ich für einen klugen Schachzug von ihm hielt.
"Das ist die Propaganda des Kapitalismus"
Siehst du Shoegaze noch als passende Beschreibung für eure Musik?
Ich denke nicht. Wenn wir uns moderne Shoegaze-Bands anhören, denke ich, dass sich das Genre gerade an einem wirklich interessanten Punkt befindet. Aber für mich liegen die spannendsten Aspekte dieser neuen Shoegaze-Platten in den Momenten, in denen die Bands mit den Genre-Konventionen brechen und mal aus dem Rahmen fallen. Shoegaze ist ein schwieriges Genre, um damit zu experimentieren, weil es quasi schon 1991 mit der Veröffentlichung von "Loveless" [von My Bloody Valentine] perfektioniert wurde. Und da stellt sich die Frage: Wie geht man von da aus weiter? Das ist so, als würde man versuchen, nach Alben wie "The Downward Spiral" Industrial-Musik zu machen: Nun ja, es ist einfach perfekt, was soll man da noch machen?
Ich glaube, die Leute steckten in einem Kreislauf fest, in dem sie versuchten, das Ganze zu wiederholen oder Shoegaze quasi als die kanonische Form dieses Genres zu verehren. Erst in den letzten fünf bis zehn Jahren, als Künstler:innen begonnen haben, mit Konventionen zu brechen, entstand die beste Shoegaze-Musik. Wir haben festgestellt: Je mehr wir uns von Shoegaze als Genre lösen, desto interessanter wird es für uns. Ich glaube nicht, dass wir uns wirklich als Shoegaze-Band definieren, auch wenn es definitiv musikalische Elemente gibt, die für unseren Sound essenziell sind. Aber wir achten sehr genau darauf, wie und wann wir sie einsetzen.
Du hast am Anfang auch den thematischen und politischen Teil des Albums erwähnt. Hattest du das Gefühl, dass du dieses Mal ein noch ausgeprägter politisches Album machen wolltest?
Ja, das letzte Album "Frog In Boiling Water" war schon sehr politisch, aber auf eine erdrückende Art. Da wollten wir der Welt gewissermaßen einen Spiegel vorhalten. Diesmal wollten wir hingegen eher Pop-Elemente nutzen, Pop im weitesten Sinne, um ähnliche Ideen auf eine zugänglichere Weise zu vermitteln. Fast so, als würden wir unsere eigene Art von Propaganda machen.
Auf dem letzten Album habt ihr euch ja unter anderem dieses fiktiven Self-Care-Unternehmen ausgedacht. Gibt es wieder solche Charaktere? "Trillions" zum Beispiel wirkte auf mich wie ein Charakterporträt, aber ich war mir nicht sicher, ob damit eine reale Person gemeint ist.
Das ist eher eine Art Archetyp. Es hatte beim letzten Album viel Spaß gemacht, diesen fiktiven Konzernen oder Archetypen Namen zu geben. Aber jetzt hat es sich spaßiger angefühlt, weniger von diesem sehr detaillierten World-Building zu betreiben. Das hatte ja eine Art der Beteiligung erfordert, die für die Leute wahrscheinlich ziemlich viel verlangte. Manche Leute dachten, wir würden mit diesem "Frog"-Zeug ein ARG erschaffen, also ein Alternate Reality Game, weil man so viel Hintergrundwissen brauchte: Wer sind diese Charaktere? Was ist das für eine Welt? Was hat es mit diesen Websites auf sich und wie navigiert man durch sie? Als wir also den Konzertfilm "Boiled Alive" machten, versuchten wir, das Ganze ein wenig zusammenzufassen und diese Geschichte zu einem Abschluss zu bringen. "Zirp!" soll universeller oder zugänglicher sein.
Es ist weniger spezifisch, ich würde aber trotzdem sagen, dass einem beim Text von "Trillions" bestimmte Leute in den Sinn kommen. Ich musste da etwa an Elon Musk denken.
Es war witzig, dass er tatsächlich eine Billion ("Trillion" im Englischen, Anm. d. Red.) Dollar erreicht hat, kurz nachdem wir diesen Song aufgenommen hatten. Gleichzeitig steckt darin aber auch eine gewisse Ernsthaftigkeit oder vielmehr ein amüsanter Kontrast: Es ist ein Popsong, in dem wir ganz klar sagen, dass wir von unserer Arbeit leben wollen. Das ist quasi die Propaganda des Kapitalismus: "Du kannst Elon Musk werden, wenn du nur hart genug arbeitest!" Das ist natürlich völlig falsch, aber diese Vorstellung ist so tief verwurzelt, besonders im amerikanischen Bewusstsein. Uns wurde schon in unserer Kindheit eingetrichtert, dass wir selbst an der Macht sein und diejenigen sein könnten, die den ganzen Reichtum anhäufen. Damit spielt der Song. Wir wollen zwar keine Milliarden, aber wir wollen eben doch unsere Miete bezahlen können.
Wenn wir mal etwas aus diesem neuen Album herauszoomen: Vor zwei Jahren sagte euer Bassist Colin hier im Interview: "Dieses Hin und Her zwischen Licht und Dunkel, Glück und Trauer, diese Ambivalenz ist es, was den Sound von DIIV ausmacht." Trifft das immer noch zu?
Ja, meine Lieblingssongs lassen sich eigentlich immer als "fröhlich-traurig" zusammenfassen. Gerade in solchen Kontrasten oder in dieser Komplexität liegt für mich das musikalisch Interessanteste. Bei "Trillions" gibt es zum Beispiel starke Kontraste. Wir spielen generell sehr gerne mit dieser Dualität.
Gerade, wenn man sich mit Themen befasst, die so schicksalshaft und düster sind, wäre es ziemlich langweilig, einfach nur zu singen: "Das ist traurig."
Sehe ich genauso! Und so sind die Leute ja nicht. Niemand ist ständig nur das Eine. Das in der Musik widerzuspiegeln, finde ich daher für uns spannender.
Gibt es einen Song auf dem neuen Album, der die Identität von DIIV definiert?
Das ist eine interessante Frage. Eigentlich hoffe ich das nicht. Ich glaube nicht, dass sich irgendeine der Bands, die ich liebe, über einen einzigen Song definieren ließe. Aber ich glaube, wir versuchen bei jeder Platte, einen Song einzubauen, der vielleicht Elemente aller anderen Stücke in sich vereint. Bei "Deceiver" war das zum Beispiel "Horsehead". Da dachten wir uns: "Der Song deckt dynamisch das gesamte Spektrum des Albums ab." Also setzten wir ihn an den Anfang, um eine Ahnung davon zu vermitteln, wohin die Reise mit dem Album geht. Ich denke, sogar bei den letzten drei Alben haben wir meistens versucht, einen ersten Song zu wählen, der einem ein Gefühl dafür gibt, in welche Richtung sich das Album entwickelt. "The Fountain" ist vielleicht so ein Song, der Elemente aus all den anderen Stücken enthält – vielleicht, ich weiß es nicht genau.


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