laut.de-Kritik

"Nothing's gonna save us!"

Review von

Neongrün ist passé. Wer gedacht hat, Charli XCX würde nach dem riesigen BRAT-Hype einfach noch einmal den Sommer in einer anderen Farbe verkaufen, dürfte schnell merken: "Music, Fashion, Film" will genau das Gegenteil sein. Schon der Albumtitel – entnommen aus der Vorabsingle "SS26" – macht klar, dass der Optimismus der vergangenen zwei Jahre ziemlich verflogen ist. "Nothing's gonna save us, not music, fashion, or film." Ein Satz, der gleichzeitig wie ein Abschied von der Brat-Ära und eine Kampfansage an den eigenen Hype klingt.

Auch musikalisch zieht Charli die Reißleine. Statt kompromissloser Clubbeats dominieren Gitarren, Alternative Rock und Shoegaze-Anleihen. "I think the dance floor is dead / So now we're making rock music", singt sie. Der Stilwechsel fühlt sich dabei nie nach kalkulierter Imagekorrektur an, sondern nach jemandem, der sich bewusst gegen die eigenen Erwartungen stellt.

"SS26" gehört zu den Highlights. Verzerrte Gitarren treffen auf melancholische Synthies, während Charli zwischen Weltuntergangsstimmung, Popstar-Fassade und der Frage pendelt, ob Kunst überhaupt noch etwas retten kann. Auch "Persona" gelingt besser als einige andere Stücke. Hier greifen Autotune-Gesang und maximal verzerrte Instrumentals richtig ineinander, während Charli eine nachvollziehbare Geschichte über Narzissmus, Selbstinszenierung und eine toxische Freundschaft erzählt. Das wirkt wesentlich stringenter als viele ihrer anderen Texte auf "Music, Fashion, Film", die sich immer wieder und immer wieder um Image, Unsicherheit und Rollenbilder drehen, ohne dabei wirklich zu einem Punkt zu kommen.

Genau da liegt für mich allerdings das größte Problem. Charli beschäftigt sich permanent mit Persona, Authentizität und der Frage, wer sie eigentlich sein will. Das ist grundsätzlich spannend, schließlich war ja genau dieses Spiel mit Identitäten Teil ihrer Kunstfigur. Doch hier dreht sich vieles im Kreis. Songs wie "I'm Afraid" oder "Wink Wink" reißen Gedanken an, bleiben dann aber erstaunlich oberflächlich. Immer wieder geht es darum, Angst zu haben, ein "Bad Girl" zu sein oder keins mehr zu sein oder eins sein zu wollen oder eben doch nicht. Einfach für mich nicht so klar, worauf Charli eigentlich hinaus will. Vielleicht liegt genau darin die Aussage. Vielleicht gibt es sie aber auch einfach nicht.

Musikalisch geht die Rock-Ausrichtung dagegen erstaunlich gut auf. Gerade die Gitarren klingen druckvoll, ohne dass Charli ihre Pop-DNA komplett verliert. Trotzdem fehlt vielen Songs der letzte Schritt. Da sind starke Sounds, aber überraschend wenig Mut, sie wirklich eskalieren zu lassen.

Zum stärksten Moment für mich wird deshalb das Interlude mit Regiesseur und Filmproduzenten David Cronenberg. "No One Lasts Forever" hat plötzlich genau die inhaltliche Tiefe, die ich mir an vielen anderen Stellen gewünscht hätte. Es erzählt über die Vergänglichkeit von Kunst und Künstler*innen: Große Werke mögen ihre Schöpfer überdauern, doch für die Menschen dahinter bleibt am Ende nur die Erkenntnis, dass niemand für immer bleibt. "They are dead, they are gone", hallt seine Stimme fast schon morbide am Ende des letzten Tracks des Albums.

"Music, Fashion, Film" ist ein spannendes Album. Nach dem kulturellen Erdbeben von "Brat" einfach alles auf links zu drehen, eine neue Ästhetik zu entwerfen und statt Rave plötzlich Rock zu spielen, find ich stark. Nur wirkt das Ergebnis für mich noch nicht ganz zu Ende gedacht. Die Songs sind durchweg solide, der Sound macht Spaß und Charli beweist einmal mehr, wie wandelbar sie ist. Gleichzeitig hatte ich nach "Brat" das Gefühl, hier würde das nächste große Statement folgen. Stattdessen bekomme ich ein Album, das oft interessant klingt, aber am Ende selten wirklich etwas zu sagen hat.

Vielleicht ist "Music, Fashion, Film" genau so ein Album, bei dem am Ende alle behaupten werden: "Wer's checkt, checkt's." Ehrlich gesagt glaube ich aber nicht, dass das allein das Problem ist. Manche Gedanken bleiben schlicht zu vage. Und gerade weil Charli XCX in den vergangenen Jahren gezeigt hat, wie präzise sie Pop sezieren kann, fällt das hier umso mehr auf. Als Alternative-Rock-Ausflug funktioniert das Album trotzdem überraschend gut. Als Nachfolger eines der wichtigsten Pop-Alben der letzten Jahre bleibt es für mich jedoch hinter seinen eigenen Ambitionen zurück.

Trackliste

  1. 1. Rock Music
  2. 2. SS26
  3. 3. Card Declined
  4. 4. Camera
  5. 5. 2007
  6. 6. I'm Afraid
  7. 7. Yeah
  8. 8. Wink Wink
  9. 9. Persona
  10. 10. Magic Metal Montana
  11. 11. No One Lasts Forever feat. David Cronenberg

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2 Kommentare

  • Gerade eben

    Music, Fashion, Film ist kein Album, das sofort zündet. Nach dem ersten Hören wirkt vieles noch sperrig, doch mit jedem weiteren Durchgang entfalten sich neue Details und die Songs gewinnen deutlich an Tiefe. Charli XCX verzichtet bewusst auf den einfachen BRAT-Nachfolger und liefert stattdessen eine mutige, abwechslungsreiche Popplatte, die Zeit braucht. Gerade das macht ihren Reiz aus.

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