laut.de-Kritik
Pilates auf dem Voodoo-Dancefloor.
Review von Philipp KauseDawn Richard startete solo bereits 2005. Anschließend machte sie unter Regie von Sean Combs bei der im TV geborenen Casting-Gruppe Danity Kane mit, die in Deutschland die Top 50 streifte. Diese auf die Charts ausgerichtete Girls-Crew brachte es auf drei Alben. R'n'B mit typischen Y2K-Vibes war angesagt.
IN "L V R ft. Tarriona 'Tank' Ball" auf "Creole Culture" verweist Dawn in ihrem Liedtext außerdem auf einen anderen wichtigen Stil aus jener Ära, den Neo-Soul des 2025 verstorbenen D'Angelo. Er stellt einen ihrer prominenten Einflüsse dar. Es gibt aber auch regionale, die sich bei "Creole Culture" heraushören lassen.
Ihren persönlichen R'n'B gestalte sie auf ihrer Solo-LP nun zunehmend alternativ, schreibt die 43-Jährige selbst. Heute gehört sie zu den belastenden Zeuginnen gegen den inzwischen verurteilten Rapper Diddy, mit dem sie sich auf einer CD des Trios Diddy-Dirty Money sogar das Mikrofon geteilt hatte. Sie beschuldigt ihn der sexuellen Übergriffigkeit.
Jetzt steht sie nicht nur an einem Punkt, an dem sie diese Vergangenheit einholt. Parallel befasst sie sich mit der Vergangenheit ihrer Familie. Dawn Richard rundet eine Trilogie ab, die sie ihren Eltern, sich selber und ihrer Heimat widmet. Für "Creole Culture" spielt es eine enorme Rolle, dass sich die kollektive Geschichte von New Orleans aus Migration und Verschmelzung speist, die bis zur Sklavenverschleppung früherer Jahrhunderte zurückreicht, und daraus auch eine besondere lokale Musikkultur erwachsen ist. An ihren Großeltern mütterlicherseits lässt sich das gut festmachen. Diese sind afroamerikanischen und haitianischen Ursprungs.
Dabei fließen in New Orleans ungewöhnlich viele Kulturen zusammen, die schwer voneinander zu trennen sind: Chitimacha-Natives, die englischen, spanischen und französischen Kolonialmächte, die senegambische Griot-Kultur und Voodoo-Naturreligionen aus Benin und Nigeria.
Diese Melting Pot-Identity ist das grundlegende Thema und Lebensgefühl von Dawns Platten seit "New Breed" (2019) und "Second Line" (2021). Hört man genau hin, spielen ein paar exotische Momente zum Beispiel in "Chuuuuurch ft. Ajelieka Jelly Joseph" auf diese Herkunft und dortige Feierkultur und tranceartige Rhythmik an. Der quirlige Track fällt auf.
Trotzdem würde vieles auf "Creole Culture" auch ohne diesen Überbau stattfinden. Queer-Aktivist Big Freedia schaltet sich ins Intro ein, "A Creole Culture ft. Big Freedia" klingt schräg. Das Geschüttelte und Zerhackstückte im Flow der Beats kennt man längst von FKA Twigs, ohne dass wir es Kreol-Kultur nennen würden. "Creole Culture" ist ein Stück Global Pop-Elektronik.
Der eigentliche Clou liegt eher darin, wie sehr Richards Stimme und die Vocals ihrer Gäste in verschiedenen Ausdruckstechniken einschließlich Sprechgesang und MC'ing dauerpräsent sind, und man doch einen Großteil der Lyrics nicht klar versteht. Denn was genau gesungen wird, taucht in den Beats unter, es verschwimmt. Diese Produktionstechnik wirkt interessant. Verantwortlich zeichnet hier ausgerechnet eine Jazz-Combo, das kalifornische Katalyst Collective.
Auf das Septett wurde u.a. Adrian Younge für seine Serie "Jazz Is Dead" aufmerksam. Die Gruppe fusioniert schicken alternativen R'n'B mit unkonventionellem Electro. House-gesättigte Bässe in sattem, quadrophon wirkendem Sound treffen auf trappig scheppernde Bestandteile, die überhaupt nicht von einer Band zu stammen scheinen. Die verschobenen Beats und das Klangdesign von "Pilates" klingen ungewöhnlich.
Ob man aber so weit wie die Plattenfirma gehen muss, die Dawn Richard "afrokaribischen Futurismus" attestiert? Sicher, was man hier hört, nannte vor gut zehn Jahren 'Future'-Soul, als der ebenfalls halb-haitianische Kaytranada, Steve Lacy, The Internet und Blood Orange auf der musikalischen Landkarte ein neues Revier markierten. Aber das liegt nun wirklich lange zurück.
Hinzu kommt, wie mit Samples umgegangen wird: Leider hat das Naheliegendste vor jeglichem Futurismus. Geradezu billig und ausgelutscht wirkt die Auswahl: Der Dancehall-Knaller "Bam Bam" hält etwa als tragende Grundlage für "Enough" her, und das berühmte "Day Dreaming" Aretha Franklins und Donny Hathaways als Erdung von "Baby, Can We? ft. Durand Bernarr". In "Fiesta" lehnt sich die Hook ein wenig an Lionel Richies "All Night Long" an. Zugegeben, alles sehr pfiffig integriert. Aber: Innovation und Originalität sind definitiv nicht die Pluspunkte dieser Platte. Schon eher ist es das wie: Die quirlige Bounce- und Advanced-Dance-Attitüde mit teils arhythmischem Stop and Go, das Feeling, die Zeit vergessen zu lassen, macht "Creole Culture" hörenswert.
Der Anspruch der LP war unterm Strich riesengroß, und sie wird dem nicht gerecht, nämlich dass "Richard (...) ihre Heimatstadt New Orleans nach ihrem eigenen Bild neu erschafft (...). 'Creole Culture' ist triumphierend und tragisch, sexy und melancholisch, prahlerisch und nachdenklich", wie es im Produkttext in den Online-Shops heißt. Eine "utopische Klanglandschaft - eine berauschende Mischung aus R&B, Soul, Hip-Hop, Pop und Jazz". Nun wahrlich nicht!
Mit Hip Hop hat die Scheibe so gut wie nichts am Hut, mit Jazz mehr der background der Band als das Resultat. Für den Pop fehlen die Mitsing-Elemente. Und für die Nachdenklichkeit besitzt die Scheibe zu viel innere Unruhe. Für den Rausch holpert es zu sehr zwischen den Stücken. Von Triumph spürt man nichts. Melancholie klingt anders. Und nicht jede Craziness im Sounddesign ist eine gesellschaftliche Utopie.
Allerdings braucht es diese auch gar nicht. Merge Records, die Firma von Superchunk, steht glücklicherweise wie ein Fels in der Brandung für gute Musik. Außergewöhnlich und visionär genug ist schon, wie sich das Alternative Rock-Label mit diesem Fusions-Werk identifiziert, das eigentlich schwer einzuordnen ist. Gerade der sperrige Zugang mit Rupturen innerhalb der Tracks macht den Reiz der Platte aus.


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