laut.de-Kritik
New Wave aus der Vergangenheit für die Zukunft.
Review von Kerstin KratochwillErnsthaft, dieses Album ist zugleich 44 Jahre alt und brandneu. Es klingt zudem neu wie NNDW und retro wie NDW. Die Rede ist von Ernst, die im Jahr 1982 ihr ihm Selbstvertrieb gleichnamiges Debütalbum veröffentlicht haben, das im damaligen Umfeld ein sonderbarer Sonderling war. Kein Spaßprojekt, keine Punk-Kinder, kein Kommerzprojekt und doch der Neue Deutsche Welle-Szene zuzuordnen, hatte diese Tübinger Band ihren Erweckungsmoment, als sie erstmals im Fernsehen einen Auftritt der Talking Heads sah.
So sollte New Wave aus Deutschland klingen, und auf "Ernst" finden wir gleich zwei deutschsprachige Cover-Versionen der Art-Pop-Legende mit "Städte" ("Cities") und "Psychokiller" ("Psycho Killer"), die sogar ein Radio-Airplay bekamen. In ihrer sharpen und schillernder "Psychokiller"-Version hören wir einen Kinderchor und Bassistin Dorle Bausinger singt mit schnippischer NDW-Stimme in freier Übersetzung und Interpretation: "Wir sind leer und wir sind blind. Ich hasse Leute, die nicht höflich sind".
Ein wenig klingt das, als hätten sich Bärchen Und Die Milchbubis zusammen mit Nina Hagen dieses Hits angenommen. Mit dem treibenden "Mongoloid" haben sie noch ein weiteres – heute sprachlich problematisches und vielleicht kontroverses – Cover von Devo auf dem Album.
Aber es finden sich auch viele eigene Songs, die man heute als Indie-Pop meets Post-Punk bezeichnen würde. "C2H5OH (Alkohol)", "Autonome Einheit" oder der Track mit dem wunderbar Vintage-Titel "Telespiel Nr. 23a – Phönix", ihre experimentelle pluckernde Hommage an den Arcade-Shooter und das Computergame Phönix, sind wahrlich coole Wiederentdeckung in der Schnittstelle von New Wave, NDW und Pop.
Dieser minimale Avant-Pop im Stil von Palais Schaumburg, kantiger und kühler NDW à la Ideal (sogar erwähnt im eisigen elegischen "Tanzlied") sowie punkiger Pop wie von Fehlfarben ist unverdient in der Versenkung gelandet, wobei er bereits von Anfang an nicht auf der Erfolgswelle schwamm. Die Plattenindustrie wusste mit Ernst nicht so recht etwas anzufangen, der Eigenvertrieb geriet sympathisch unprofessionell. So vergaß die Band beispielsweise, eine Kontaktanschrift auf der Platte anzugeben. Dennoch ist diese restlos vergriffen und erhält nun erstmals eine neu gemasterte Neuauflage auf farbigem Vinyl und erstmals auf CD.
Ernst geisterten lange als Geheimtipp durch die deutsche Musiklandschaft, meist tauchten nur die Coverversionen in gut kuratierten Playlisten auf, doch nun kann man dieses erstaunliche Erstlingswerk endlich komplett hören. Eine wunderbare Wiederentdeckung: New Wave aus der Vergangenheit für die Zukunft.


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