laut.de-Kritik
Der Jens ist weg, der Friebe bleibt.
Review von Franz MauererEine Band ist auch eine Verwaltungseinheit. Mit Proben, Mietwagen und exotisch duftenden Menschen, die alle zur selben Zeit am selben Ort sein müssen. Jens Friebe hat darauf offenbar keine Lust mehr. Vier Jahre nach seinem vermeintlichen Abschied kehrt der Berliner als Friberty zurück. Im Gepäck zwei Synthesizer, ein Drumcomputer und die Freiheit, seine Songs künftig auch ohne Begleitmannschaft aufzuführen. Dazu ein neuer Name und ausschließlich englische Texte. Ein Neuanfang halt.
Wobei: So neu ist das alles gar nicht. Friebe bewegte sich ohnehin seit Jahren immer weiter in Richtung elektronischer Musik, und dass er ein ausgezeichnetes Gespür für Melodien besitzt, dürfte inzwischen selbst seinen entschlossensten Ignoranten aufgefallen sein. Seit "Vorher Nachher Bilder" gehört er zu den eigenwilligsten und begabtesten Figuren des deutschen Indie-Pop. Jedes neue Lebenszeichen ist willkommen, jede neue Platte zunächst einmal ein Grund zur Freude. Nur fällt diese mit "Friberty I" leider kleiner aus als erhofft.
Denn was als künstlerische Selbstbeschränkung daherkommt, entwickelt ein irritierendes Eigenleben als handwerkliche Beschränkung. Friebe lässt die Band weg, reduziert die Arrangements auf wenige elektronische Zutaten und setzt seine Songs einem Minimalismus aus, der ihnen nicht immer besonders gut bekommt. Die Frage drängt sich auf, ob hier tatsächlich ein ästhetisches Konzept verfolgt wird oder schlicht die finanziellen und organisatorischen Mittel für eine richtige Band fehlen. Beides wäre legitim. Nur wird aus einer Notwendigkeit nicht automatisch eine Tugend.
Dabei mangelt es "Friberty I" keineswegs an Charme. Diese Musik hat Twang, sie hat Witz, sie hat eine sympathisch hilflose Grandezza, die man einem weniger begabten Künstler kaum durchgehen ließe. Friebe beherrscht weiterhin die Kunst, mit einer scheinbar beiläufig hingeworfenen Melodie mehr anzufangen als andere mit einem ganzen Arsenal an Songwriting-Tricks. Auch seine Vorliebe für verquere und leicht queere Popgeschichte bleibt erhalten. Wenn er in "Dragonfly" die Puhdys ins Englische überführt oder in "I Am Your Boy" AG Geige aufgreift, ist das nicht bloß ein cleveres Zitatspiel. Da meldet sich jemand zu Wort, der Popmusik als ein großes, sonderbares Kontinuum versteht, in dem alles mit allem zu tun haben darf, und der den Shit – egal welchen – drauf hat.
Nur klingt die Umsetzung erschreckend oft nach Studentenhobby. Die Rhythmusmaschinen rumpeln, die Synthesizer fiepen und die Arrangements wirken stellenweise, als habe Friebe die erste halbwegs funktionierende Idee gleich zur endgültigen Fassung erklärt. Das könnte als charmante Lo-Fi-Ästhetik durchgehen, wenn es nicht so oft die musikalische Substanz überlagern würde. Der Dilettantismus ist hier kein reizvolles Gewürz, sondern die dominante Geschmacksrichtung. Friebe scheint sich selbst mit einer Beiläufigkeit zu behandeln, die seine Kompositionen und sein Genius nicht verdient haben.
Das ist auch deshalb schade, weil man hier keinem jugendlichen Exzentriker beim ersten Ausprobieren zusieht, sondern einem gestandenen Musiker, dessen Potenzial noch immer absurd groß erscheint. Dieser alte Lawinenhund könnte längst der deutsche Bowie sein. Die Melodien, die Haltung, das Gespür für große Gesten und kleine Absurditäten: Alles wäre vorhanden. Was fehlt, ist eine Umsetzung, die diesen Möglichkeiten auch nur annähernd gerecht wird. Friebes sympathisches Understatement gerät zunehmend in Gefahr, zum Selbstzweck zu werden. Und ausgerechnet ein Album, das Freiheit verspricht, wirkt dadurch kleiner, als es sein müsste. Ich will keinen verdammten nächsten Kiev Stingl, ich will den Bowie, Jens!
Trotzdem hört man "Friberty I" gerne. Man freut sich über schräge Einfälle, über melodische Widerhaken, über den unverkennbaren Friebe'schen Gestus, der auch durch billige Synthesizer nicht kleinzukriegen ist. So leicht wird man diesen Mann nicht los, und warum sollte man das wollen? Nur müsste er irgendwann selbst wieder etwas mehr von seiner Musik verlangen. Die Zuneigung bleibt, die Hoffnung sowieso.


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