laut.de-Kritik
Der müde Vampir: mehr Schein als Sein.
Review von Kerstin Kratochwill"Séance" ist schon das zweite Album von Konstantin Groppers alias Get Well Soon in diesem Jahr: Während man auf "Minus The Magic" Alternative-Rock gegen Alterserscheinungen mit den musikalischen Inspirationen Sonic Youth, Nirvana oder Pavement zu hören bekam, stehen nun ChatGPT, Claude und Co. Pate.
Zum Glück entschied sich Gropper dagegen, sein siebtes Album unter das Motto AI zu stellen und zum noch größerem Glück dagegen, KI in den künstlerischen Schaffensprozess zu integrieren. Das Konzept von "Séance" nutzt stattdessen die Kommunikation mit diesen Bots nun lediglich als Metapher, denn Gropper vergleicht diese durchaus unheimliche Konversation mit Geisterbeschwörungen und Jenseitsgesprächen. Zuweilen trifft man sogar auf eine halluzinierende KI in diesem untoten Chor der künstlichen Stimmen – ein Song auf dem Album heißt "The Undead Choir".
Und so geistern durch sein "Gothic-Album", wie er es selbst bezeichnet, nun wabernde Schauer-Scores, düsterer Dark Wave, metaphernreicher Art-Pop und knisternde Found-Footage-Samplings. Spiritistische und nostalgische Zitate sorgen für den nötigen mysteriösen mystischen Rahmen, der Sound dazu lotet das Spektrum von kargem Horror zu orchestrales Opulenz aus.
Tracks wie das zeremonielle "Nothing Is Lost" klingen geradezu sakral, einige sind treibender New-Wave, der ein bisschen an David Bowies "Outside"-Phase erinnert, wie das eindringliche "Siri, What Rruined The West", das Highlight des Albums. Andere spielen mit Grufti-Vibes, so sieht man im Crooner-Stück "Holiday In Lily Dale" geradezu einen whiskytrinkenden leichenblassen Nick Cave an der Seite von Bela Lugosi in einer schummrigen Bar vor sich.
Doch Dracula scheint auf "Séance" seine Bissfestigkeit verloren zu haben: Das weitgehend getragene Album klingt eher nach harmlosem Schauerfilm als nach gruselig-gutem Gothic-Horror, viel zu oft versinkt die Thematik im nebulösen Streicher- und Glockenspiel-Brei. Und so flattern müde Vampire, halbschattige Wesen und viele gespenstische Klischees durch die Songs, die ähnlich wie bei einer Séance mehr Schein als Sein sind.


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