laut.de-Kritik

Instagram-Poesie à la Rupi Kaur trifft auf Elektropop.

Review von

Acht Jahre nach ihrem letzten Album müssen Glasperlenspiel erst einmal ihren musikalischen Standort bestimmen. "GPS 26" soll dabei die Richtung vorgeben. Doch statt eines klaren Kurses scheint das Duo lieber möglichst viele Wege gleichzeitig einschlagen zu wollen.

Für ihr Comeback haben sich Carolin Niemczyk und Daniel Grunenberg unter anderem von der südkoreanischen K-Pop-Szene inspirieren lassen. Wer deshalb auf eine musikalische Neuerfindung hofft, dürfte allerdings enttäuscht werden. Denn von den angekündigten Einflüssen ist auf "GPS 26" insgesamt erstaunlich wenig zu hören. Am deutlichsten kommen sie bei "LaLisa" zum Vorschein. Der Song spielt bereits mit seinem Titel auf Blackpink-Mitglied Lisa und deren gleichnamigen Solohit an. Treibende Beats, verspielte Synthesizer und ein eingängiger Refrain machen den Track musikalisch zu einem der wenigen Highlights des Albums.

Auch "Liebs Bis Ichs Hass" zeigt, dass Glasperlenspiel durchaus noch ein paar interessante Ideen haben. Ein satter Bass, markante Snare-Schläge und immer stärker in den Vordergrund rückende Synthesizer machen ordentlich Druck. Gegen Ende schraubt sich der Sound noch einmal hoch, bis der Gesang schließlich wegfällt und die Instrumentalpassage geradezu zu einem Dance-Break einlädt, wie man ihn von K-Pop-Auftritten kennt.

Überhaupt sind es vor allem die elektronischen Elemente, die auf "GPS 26" positiv auffallen. Bei "Gott Sei Dank" treffen wuchtige EDM-Bässe auf einen ausgeprägten Clubsound. Daniel Grunenberg übernimmt hier den Gesang, während Carolin Niemczyk erst im Refrain dazukommt. Dort harmonieren ihre Stimme, der Bass und die Synthesizer überraschend gut miteinander.

Bei "Gold" funktioniert das Zusammenspiel aus Produktion und Gesang ebenfalls. Momos sanfte Stimme bildet einen interessanten Kontrast zu den schnellen Hi-Hats und dem treibenden Beat. Und weil auf diesem Album offenbar keine Popkultur-Referenz fehlen darf, bekommt auch Harry Styles' "Golden" noch eine Erwähnung.

Abseits davon fehlt es dem Album allerdings an Songs, die wirklich im Gedächtnis bleiben. "Self Love", "WhatsApp Chat" und "Hochhausglas" schlagen ruhigere Töne an, überzeugen musikalisch aber weniger. Zwar sorgen die glitchartigen Effekte auf Niemczyks Stimme in "WhatsApp Chat" kurzzeitig für Abwechslung, doch viel mehr passiert nicht. Hinzu kommt, dass die meisten Tracks gerade einmal zwei bis zweieinhalb Minuten dauern. Dagegen wäre grundsätzlich nichts einzuwenden, nur nutzen Glasperlenspiel diese kurze Zeit selten wirklich aus. Kaum hat ein Song angefangen, ist er auch schon wieder vorbei, ohne groß etwas zu hinterlassen.

Auch textlich hat "GPS 26" so seine Probleme. Selbstliebe, toxische Beziehungen, Liebeskummer und die moderne Datingwelt: An Themen mangelt es jedenfalls nicht. Nur kratzen Glasperlenspiel meist an der Oberfläche, statt sich wirklich mit ihnen auseinanderzusetzen. Dazu kommen jede Menge Anglizismen, Jugendsprache und Anspielungen auf die digitale Gegenwart. Als wolle das Duo unbedingt beweisen, dass es auch 2026 noch weiß, was bei einer jüngeren Zielgruppe angesagt ist.

Besonders deutlich wird das bei "Chili Cheese Pizza", "Herz Ist Second Hand" und "Kein Algo Checkt Mein Herz". Schon bei den Songtiteln fragt man sich, ob das wirklich ernst gemeint ist. Inhaltlich wird es leider nicht besser. Zwischen Anglizismen und vermeintlich tiefgründigen Lebensweisheiten erinnert das stellenweise eher an Instagram-Poesie à la Rupi Kaur. Alles soll irgendwie jugendlich, modern und gleichzeitig philosophisch klingen, wirkt am Ende aber vor allem ziemlich gewollt.

Dabei greift "Kein Algo Checkt Mein Herz" mit den Schwierigkeiten der modernen Datingwelt durchaus ein interessantes Thema auf. Dass Dating-Apps und ihre Algorithmen nicht unbedingt zum Liebesglück verhelfen, dürfte schließlich vielen bekannt vorkommen. Schade nur, dass Glasperlenspiel daraus so wenig machen. Immerhin überzeugt Niemczyks rhythmischer Flow hier.

Am Ende fehlt "GPS 26" vor allem eine klare Richtung. Glasperlenspiel probieren sich an verschiedenen Sounds und Themen, verlieren dabei aber das Wesentliche aus den Augen: Songs, die wirklich etwas zu erzählen haben und auch musikalisch im Gedächtnis bleiben. Stattdessen gibt es austauschbare Melodien, wenig überzeugende Refrains und Texte, die sich viel zu sehr darum bemühen, den Zeitgeist zu treffen.

Trackliste

  1. 1. Intro GPS 26
  2. 2. Lalisa
  3. 3. Self Love
  4. 4. Whatsapp Chat
  5. 5. Gott Sei Dank
  6. 6. Dein Hoodie
  7. 7. Hochhausglas
  8. 8. Liebs Bis Ichs Hass
  9. 9. Herz Ist Second Hand
  10. 10. Kein Algo Checkt Mein Herz
  11. 11. Chili Cheese Pizza
  12. 12. Gold feat. Momo

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