laut.de-Kritik
Zwischen Aufsteh-Playlist, Ausflug in die Natur und Film Noir-Stimmung.
Review von Philipp KauseHeather Nova ist es gar nicht aufgefallen, dass ihr Album "The Orchard" in der digitalen Variante bei The Orchard erscheint. Diese Vertriebsfirma ist eine Sony-Tochter, während ein "Orchard" eigentlich ein Garten voller Obstbäume ist und für die paradiesische Fruchtbarkeit und Vielfalt steht. Sony war schon einmal präsenter in Heathers Leben: Denn viele der Hits, mit denen sie bekannt wurde, blieben ausschließliches Eigentum des Major-Konzerns - sehr zum Verdruss der Singer/Songwriterin, die allerdings nicht müde wird, die Songs von damals auch heute in ihre Setlist zu mischen. Zuletzt erschien im März "Live In Europe" und enthält viele davon in einem Setting mit Cello und Akustikgitarre, und diese Instrumente dominieren auch etliche neue Studio-Tracks wie "New Life", "Sleep In Snow" (Cello, E-Piano), "A Little Breath" (Cello, Klavier) und "Magpie" (Streicher, gezupfte Akustikgitarre) auf dieser neuen LP "The Orchard" - Kammermusik kann man das teilweise nennen.
"Ich fand das Cello schon 1993 bei meiner ersten Band ein gutes Gegengewicht zu meiner eigenen Stimme", erinnert sich die Komponistin, als wir sie auf diese Auffälligkeit ansprechen. Anlass für den Titel "The Orchard" ist eine noch ältere Erinnerung Heathers - an ihr erstes Verliebtsein. Es war 1984, und sie tagträumte unter einem Apfelbaum. Das selbstgemalte Cover skizziert diese sommerliche Szene. Grundsätzlich möchte die Folk-Rockerin herauskitzeln, was für schöne Erlebnisse in jungen Jahren ihren Charakter formten und Vorfreude sprießen ließen. "Die Zeile 'get a vision that there's more to come / time is nothing to that sunlit heart' spielt darauf an, dass die Erinnerungen an diese Phase eigentlich alle zugänglich wären", erklärt Heather uns ihre Gedanken im Interview. "Wir brauchen nur den Weg um sie offenzulegen."
Die auf Bermuda geborene Wahl-Engländerin, die nach Hausboot und Hauptstadt mittlerweile auf dem Land lebt, hat diese LP mit 59 als Konzeptplatte über die Balance und manchmal Dysbalance aus Erwartungen und Enttäuschungen geschrieben und darüber, wie das Negative das Positive überschattet, und sich dabei entzückende Harmonien einfallen lassen. Manches davon, wie das eingängige "New Life", hätte so schon in den Neunzigern von ihr stammen können. Da bleibt sie sich bei aller Weiterentwicklung treu. Innovatives gibt es ebenfalls. Der dunkel klingende theatrale Art-Rock "This Wild World" komprimiert clever und erfrischend einige reichhaltige Zutaten in kompakten fünf Minuten: Surf-Twang, Film Noir-Stimmung, Heather in unterschiedlichen Tonhöhen, einschließlich Sopran, Cat Power-Anmut und das Lakonische von The Velvet Underground. Das rockige "In The Path Of Hurricanes" über eine "energy I can't describe" wechselt zwischen luftigeren Strophen und euphorisch-nachdrücklichem Chorus und strahlt eine ansteckende Dynamik aus. Der Tune ist einer der besten inmitten lauter guter und eignet sich für eine Aufsteh-Playlist am Morgen.
Die vielen Natur-Metaphern vom Schnee über den Hurrikan bis zur Elster sind, wie bei Nova üblich, Absicht und unausweichlich: "Wenn ich mit der Natur connected bin, dann fühle ich mich mit meinem Inneren verbunden. Und dann spüre ich meinen kreativen Drang", reflektiert die Autorin. Die einzige eher durchschnittliche Nummer, die zwar gesanglich eine herausragende Leistung ist, aber in ihrem ganzen Strickmuster wie tausend Mal gehört, ist die Single "I Wish I Had A Mirror", die dem Album keinen besonders werblichen Dienst erweist und auch ausnahmsweise textlich wenig rüber bringt. Ansonsten gestaltet sich die Platte stringenter, druckvoller und weniger schläfrig als der Vorgänger "Breath And Air". Gerade die psychologisch feinsinnige Poesie sollte man als essenziellen Bestandteil auf sich wirken lassen.
Sphärische Balladen wie "Anchored" und "The Whole Horizon" gehören wie immer zu Heathers Spektrum und lassen ihr Gelegenheit, große Bögen mit ihrer "Siren"-Stimme durchzuträllern. Neben magisch starken Stücken wie "New Life", dem Titellied "The Orchard" und "The Frequency's Higher" sticht besonders "On The Train" hervor. Dieser Song ist lyrisch wie die Vertonung einer Gemälde-Trilogie oder eines Kurzfilm-Plots und wechselt auf wirkungsvolle Weise zwischen trockenen Beschreibungen in den Strophen und einem ergreifenden Refrain über ein Wechselbad der Gefühle - mein persönlicher Folk-Hit des Jahres.


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