laut.de-Kritik
Existenzieller Schleudergang.
Review von Yannik GölzAls Parannoul 2021 sein Debütalbum "To See The Next Part Of The Dream" veröffentlicht hat, dachte ich noch, dass das ganz cool sei, aber jetzt auch nichts, das man unbedingt besprechen müsse. Und schon wieder eine dumme Entscheidung gefällt! Das Album des Koreaners mit dem unverwechselbaren blauen Artwork gilt inzwischen als so etwas wie das definitive Shoegaze-Album dieser Dekade. Ja, es ist vor allem Hype auf Plattformen wie Rateyourmusic oder Albumoftheyear, aber in Zeiten eines weiterhin großen Shoegaze-Revivals hat das Album definitiv auch Stellenwert jenseits der sehr online Musik-Nerd-Bubble gefunden.
Dann gucken wir mal, dass uns der selbe Fauxpas nicht zweimal passiert! Unter dem neuen Namen Huremic setzt Parannoul nun nämlich zu einem neuen Projekt und zu einem neuen Genre an - und auch dieses Album wird auf den Review-Aggregats-Seiten direkt als Heilsbringer mit Handkuss gefeiert. "Seeking Darkness" schlägt ein, als hätten noch einmal Black Country, New Road gedroppt.
Ich erzähle euch das nicht nur für die Trivia, sondern weil ich Huremic als Künstler damit ein bisschen einzugrenzen glaube. Dieser Nährboden der sehr spezifischen Musiknerd-Communities ist für das Projekt wahrscheinlich wichtigerer Kontext, als es jede Art von koreanischer Indie-Szene sein könnte. In den vergangenen Jahren veröffentlichte Parannoul auch die Alben "Downfall Of The Neon Youth" mit Asian Glow und "Scattersun" mit dem HexD-Internetrap-Kollektiv der Fax Gang. Wir sprechen hier also wirklich von Level minus drei im Rateyourmusic-Eisberg - und wir können fest davon ausgehen, dass die dort geltenden Gesetzmäßigkeiten sich auch für das neue Album "Seeking Darkness" niederschlagen. "Seeking Darkness" reflektiert nämlich wieder den Kanon seiner Bubble - und schlägt daraus unglaublich gute musikalische Ergebnisse.
"Seeking Darkness" bezieht vor allem erstmal spürbaren Swans-Einfluss. Was vielerorts unter dem Begriff "Post-Rock" läuft, hat definitiv die DNA dessen, was Michael Giras Band ihrerzeit aus dem Prog Rock in den Noise Rock mutiert haben. Will heißen: Die fünf einzelnen Tracks arbeiten sich jeweils vor allem an einem einzigen Riff ab, breiten und wälzen es in alle möglichen Aggregatszustände der Ekstase, dann gibt es noch ein bisschen cineastischen Intro und Outro für den Flavour. Field Recordings und Pink Floyd-eske Samples natürlich inklusive.
Das macht besonders dann Spaß, wenn das Album so richtig, richtig, richtig ins Brettern kommt. "Seeking Darkness, Pt. 2" zum Beispiel ist eine absolute Ausnahmeerscheinung. Sieben Minuten schraubt man eine Schicht Lärm nach der anderen über einen epochalen, sludgy Bass-Aufbau, während eine virtuose, um sich schlagende Drumline aufdreht wie ein Derwisch. Und dann entlädt sich der Song in einem tosenden, durch zehn Fuzz-Filter bis ins schmerzliche malträtiertes Gitarrensolo. Wir haben es definitiv mit Kopfschmerz-Musik zu tun, aber es ist ein Movement, zu dem man nicht still sitzen kann. Die Energie ist gottlos und setzt sich auch spürbar von den Vorbildern ab. Bis auf spezifische Teile von "The Glowing Man" gibt es wohl kaum Swans-Tracks, zu denen man im gleichen Ausmaß headbangen würde.
Aber gerade im Kontext mit dem traditionell koreanischen Gugak-Outro, begleitet vom zwiesprachigen Gesang, evoziert dieser Track doch die insane Ritual-Szene aus dem Kult-Horrorfilm The Wailing.
Andere Passagen entwickeln weniger Tektonik, aber immerhin verdammt starke Atmosphären. Der Opener "Seeking Darkness, Pt. 1" spielt einen seltsam vokalisierten Chant aus, der ohne Scheiß fast von Yung Lean hätte stammen können, während noisy Percussion an der bluesy Bassline vorbeizieht wie die Stadt am Zugfenster. Eine Melancholie, die ein bisschen festergezurrt auch auf dem Outro "Seeking Darkness, Pt. 5" auftaucht.
"Seeking Darkness" ist keine Frage ein absolutes Fest für alle die, die mit langsam entwickelnden Bewegungen gut klarkommen. Das sind ja nicht nur Swans am Referenzhorizont, sondern definitiv auch Tapes wie "Flood" von Boris oder Isis / Neurosis. Sollte man aber keine Angst davor haben, dass die selbe Rhythmus-Sektion sich zehn Minuten durch einen chaotischen Song wälzen, dürfte man sehr viel Freude daran haben, zuzusehen, wie viele vielseitige und spannend arrangierte musikalische Ideen im Laufe dieser Stunde Spielzeit durch diesen existenziellen Schleudergang gefegt werden. Ich bin mir relativ sicher, dass Huremic nicht im selben Ausmaß wie "To See The Next Part Of The Dream" Genre-Maßstäbe setzen wird. Aber verdammt, das muss es auch nicht, wenn ein so virtuoser Musiker sich an so spannende musikalische Referenzpunkte setzt.
Noch keine Kommentare