laut.de-Kritik
Für diesen Film im Kopf braucht es nicht viel Fantasie.
Review von Yannik GölzEs ist so einfach, sich in die Diskographie von Ichiko Aoba zu verlieben. Die japanische Folk-Sängerin macht seit den frühen Zehnerjahren im Zusammenarbeit mit Fishmans-Produzent ZAK zerfließende, kosmische Gitarrenmusik. Nach "Windswept Adan" folgt mit "Luminescent Creatures" ein weiteres Album, das sich wie ein Soundtrack für einen nicht-existierenden Film anfühlt. Inspiriert von Tauchgängen auf Inseln im Süden des Landes und ausstaffiert mit aquamarinen Field-Recordings entfaltet sich hier eine Sound-Kulisse, in der man sich mühelos verlieren kann.
Sie selbst erklärte die Storyline der Geschichte ihrer aktuellen beiden Alben so: Die fiktive Insel Adan wird von einer Reisenden besucht, die dort von biolumiszierenden Kreaturen aufgenommen wird, bevor sie sich selbst schließlich zu Natur auflöst. Vielleicht würde diese Handlung sich mehr erschließen, wenn man des Japanischen mächtig wäre, aber trotzdem glaube ich, dass für Alben wie Aobas Sprache und Worte nicht das zentrale Medium sind.
Natürlich gibt es ganz viel Kontext, der sich ausklambüsern ließe. Gibt man zum Beispiel die Koordinaten auf Track zwei, "24° 3'27.0" N, 123° 47' 7.5" E", auf einer Karte ein, findet sich ein ganz spezifischer Leuchtturm auf einer ganz spezifischen Insel, deren ganz spezifisches Volkslied Aoba hier auf ihre eigene Art interpretiert. Und es ist cool, das zu wissen und noch cooler, "Okinawa nature" auf Google zu suchen und sich daraufhin in erstickendem Fernweh zu suhlen. Aber wie gesagt: Nichts davon ist für den Genuss von "Lumeniscent Creatures" von Nöten.
Ich finde, die Gebrauchsanweisung sollte sehr einfach sein: Legt euch auf euren Rücken, schließt die Augen, lasst die Musik auf euch wirken. Das Zusammenwirken von Gitarre, Klavier und Gesang täuscht in seiner Einfachheit, es sind oft die kleinen Elemente, die die Musik so richtig cineastisch machen. Der leise Synthesizer-Ton, der "Sonar" seinen Titel verleiht, schafft so viel Klangtiefe. Die atonale Begleitkulisse auf "Mazamun". Und, mein persönlicher Favorit: Diese unglaubliche, immersive Wind-Ambience auf dem Schlusstrack "Wakusei No Namida". Es fällt wirklich leicht, dazu Bilder von leuchtenden Quallenkörpern und Pottwalen zwischen Tiefseeschwärze und Nachthimmel vor dem inneren Auge zu sehen.
Trotz alledem: Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich der größte Fan der Film-Musikalisierung dieser aktuellen beiden Alben bin. Ab und zu fädelt sich ein wunderschönes, Harold Budd-eskes Klavier in den Mix, aber manchmal driften ein paar Streicher- oder Echo-Abteilungen doch vielleicht ein ganz kleines bisschen in Richtung New Age-Ghibli-Kitsch. Keine Stelle wird wirklich tacky, aber es fühlt sich doch weniger alien und singulär als ihr inzwischen mehr als zehn Jahre altes Meisterwerks-Album "Zero" an, auf dem sie wirklich nur mit Stimme und akustischer Gitarre völlig ungehörte Sounds eingefangen hat.
So lange Aoba weiter so evokative und vielschichtige Musik aus so trügerisch simplen Layers macht, kann sie meinetwegen aber auch in die komplette Filmmusik abtauchen. Ob das, was sie da auralisiert, ein echtes oder ein fiktives Medium ist, macht den Braten auch nicht fett. Für diesen Film im Kopf braucht man am Ende des Tages nicht einmal viel Fantasie.
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