laut.de-Kritik

Pubertierenden-Poesie im Funk-Schlager-Gewand.

Review von

Die Muse, die John Legend geküsst hat, heißt Pharrell Williams. Er produziert in seinem Beat-Think Tank, der aus mehreren Köpfen besteht, zwar gute Pharrell-Vibes, einschließlich Systolen-Patterns ("Pray For Ya") und Latin-Groove (im Titelstück "Muse"), aber durch die Bank stumpfe Beats. Sie haben weder Resonanz noch Elastizität, keine charakteristische Klangfarbe, sondern wirken so, als ob man mit Plastikbechern anstößt: So graumäusig, als solle es sie gar nicht geben. Für die einzige Ausnahme sorgt eine Conga-Imitation im Song "Daylight", die sich allerdings auch wie das Opfer einer Sparmaßnahme anlässt: Möglichst nichts verwenden, das nach etwas klingt, schon gar keinen echten Percussionisten und Instrumente zum Anfassen.

Dabei ist zu hinterfragen, was Legend sonst drauf hat, außer dass fast alles an "Muse" nett ist und im Hintergrund laufend kein Quäntchen stört. An stilistischer Palette bietet er hier wenig, auch nicht die im Produkttext benannte Spanne von Afrobeats bis Gospel. Gesanglich mimt er die verkörperte Unauffälligkeit, bis auf ein wenig Mezzosopran im Finale des quirligsten Songs, "Get Back". Die Originalität hält sich in Grenzen, wobei im negativen Sinne schon beachtlich ist, wie er in "Next Time" das Genre Funk-Pop-Schlager etabliert.

Hinsichtlich der Lyrik taucht fast nichts auf, was es nicht schon vor 70 Jahren in den Text-Hitfabriken wie dem Brill Building gab: Umschreibungen eines Sonnenaufgangs - eine Clubgängerin, die sich als Objekt in Szene setzt - verliebte Tagträumerei ewiger Verbundenheit, samt dem Bekenntnis, einander zu gehören. Wo hört Freundschaft auf und fängt Liebe an, wo verläuft die Friendzone? Es fallen Formulierungen wie "emotionally invested". Ananas und Mango müssen zur Beschreibung einer Frau als Metaphern herhalten, "her body's pineapples and mangos" - was soll das heißen? Engel fallen, Liebe ist allgegenwärtig. "Imagine me and you, we could make it true." Inmitten dieser Poesie für Präpubertierende lockert auf einmal ein halb im Hip Hop ansässiger Tune mit Stichworten wie Krieg, Kampf und Blut auf, "Bodies On The Floor ft. Clipse". Dieser semantische Bruch zum harmonischen Einerlei rundherum beinhaltet zwar wenig verwertbaren Sinn, senkt aber phasenweise den Kitsch-Faktor der Platte.

Der ist sowieso recht hoch. Was mit den Streichern zu tun hat, die mancherorts, wie in "Are You Ok?", einer sehr vereinnahmenden Melodie ein wenig den Garaus machen. Die visuelle Begleitung durch Clips wie die ziemlich affektierte Räkel-Choreographie zu "Daylight" wertet eher ab als auf und verstärkt den Eindruck des Kitsches und einer grundlegenden Saturiertheit und Langeweile beim Schreiben und Konzipieren der Scheibe. Zahlreiche Fingerschnipps-Intros und Handclapping-Strecken sind entschieden zu viel des Guten. Sphärische Keyboards und subtiles Klimpern halten nur ab und zu das Gegengewicht. Auf Ecken und Kanten kann man lange warten.

Einige Tracks sind sehr ruhig, sehr schön, sehr nett, wie "Doing Me", "Everything" und das typisch amerikanische, an Doo-Wop angelehnte "Her". In Summe ist die Stärke des Albums, dass die Melodien entzücken und eingängig sind. Bester Tune ist eindeutig "Bodies On The Floor ft. Clipse", atmosphärisch und mit ein wenig Reibung. Im Großen und Ganzen aber spielt "Muse" seine Stärke nicht aus, weil es in den Discounter-Soft-Drum-Programmings unscheinbar und phasenweise gähnend langweilig vorbeizieht. Spaß an Pharrells euphorischer Leichtigkeit verflüchtigt sich ungefähr ab dem dritten Hören. Dann obsiegt die Vorhersehbarkeit.

Trackliste

  1. 1. Muse
  2. 2. Pray For Ya
  3. 3. Her Introduction
  4. 4. Her
  5. 5. Daylight
  6. 6. Get Back
  7. 7. Are You Ok?
  8. 8. Under The Bridge - Introduction
  9. 9. Under The Bridge
  10. 10. Next Time
  11. 11. Bodies On The Floor - Introduction
  12. 12. Bodies On The Floor ft. Clipse
  13. 13. Doing Me
  14. 14. Fireflies
  15. 15. Everything
  16. 16. Sail Off

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