laut.de-Kritik
Zwischen Heiterkeit, Tiefgründigkeit und Ehrlichkeit.
Review von Toni HennigKeimzeit verschlug es im Herbst 2024 nach Kuba. Dabei hatte die Band einen besonderen Auftritt bei einem Heavy Metal-Festival in Santa Clara, obwohl sie mit Heavy Metal musikalisch rein gar nichts zu tun hat. Ein wenig schwingt auf "Ach, Die Menschen", das nun erscheint, eine typisch karibische Heiterkeit mit. Dennoch hat man es erneut mit einem typischen Keimzeit-Album zu tun.
Wenn Gesellschaftskritik durchscheint, vermittelt sie Norbert Leisegang wieder einmal über Alltagsbeobachtungen, wie das anfängliche Titelstück zeigt, in dem der Sänger und Texter melancholisch auf die oftmals kleinen Errungenschaften der Menschheit zurückblickt. Obwohl sich die "Menschen" verändert haben, hätte er sie dennoch "geliebt". "Bummelzug" weist mit zurückgelehnten Rhythmen, Piano- und Posaunentönen am offensichtlichsten karibische Einflüsse auf. Textlich geht es um einen einstigen "D-Zug", der sich mittlerweile als "Bummelzug" auf dem "Abstellgleis" befindet.
Trotz seiner optimistischen Haltung steht Leisegang bei den Menschen oftmals vor verschlossenen Türen oder "dicken Mauern", wie "Die Tuer Sagt" oder "Hinter Dicken Mauern" verdeutlichen. Der letztgenannte Song dringt Keimzeit-untypisch schon fast in weitläufige Pop/Rock-Gefilde vor, wodurch er großes Ohrwurm-Potential entfaltet. Hits kann die ostdeutsche Formation also immer noch schreiben.
"Fasching Im Februar" wartet mit chansonesken Klängen auf. Der humorvolle Text entwickelt schon fast etwas Zügelloses, während in "Kurzhalten" mehr Doppelbödigkeit zum Vorschein kommt. Ob die "Herrin" in dem Stück einen Hund oder einen Menschen an der Leine führt, darüber lässt sich nur mutmaßen.
Etwas mehr Tiefgründigkeit schwingt in der folkigen Rock-Nummer "Gute Fee" mit. Schönheit und Reichtum klingen zwar verlockend, ändern aber auch nichts an den momentanen, menschengemachten Problemen. Im leicht postrockigen "In Gefahr" machen sich Gefühle der "Angst" und Orientierungslosigkeit breit.
Auch gibt es wieder etwas für das Herz, wie das psychedelische "Stern" und das beschwingte, von Bläsern durchzogene "Stolz", das dazu ermutigt, mehr Vergebung in der "Liebe" zu wagen, beweisen. "Sultan Tanzt Samba" bezieht Inspiration vom Santa Clara-Konzert, klingt aber ganz leise. Etwas Persönliches schimmert im treibenden "Therapie" durch, das gegen Ende sogar mit einem Gitarrensolo aufwartet. Zu einer "Therapie" möchte sich Leisegang aber nicht mehr aufraffen, hat das Musikmachen doch auch etwas Therapeutisches, wie er anlässlich des Albums verrät.
Musikalisch bietet das Keimzeit Akustik Quintett zwar etwas mehr Abwechslung, zumal die Violine noch etwas mehr Würze reinbringt. Wer die Souveränität Keimzeits aber zu schätzen weiß, kann gerne noch einen Punkt draufschlagen, zumal die beiläufig anmutenden Texte wieder einmal unverkrampft daherkommen und dazu einladen, genauer hinzuhören. Ein eher experimentelles und mutigeres Album wie ihr 1998er-Meisterstück "Im Elektromagnetischen Feld" wäre aber auch mal wieder was.


Noch keine Kommentare