laut.de-Kritik

Britpop in Bestform.

Review von

Am 11. August 1996 spielten Kula Shaker als Vorgruppe von Oasis vor 250.000 Menschen. Gut, sie standen um 14 Uhr auf der Bühne und daher waren es wahrscheinlich eher 2.500 Menschen, aber allein einen Slot bei einem der legendärsten Konzerte der immer noch legendärsten Britpop-Band zu bekommen, war schon damals für einen Newcomer eine große Auszeichnung. Die Briten kamen in jenem Jahr mit ihrem Album "K" gerade noch rechtzeitig, bevor das Genre implodierte. Kula Shaker waren nicht nur Vorgruppe von Oasis, Sänger Crispian Mills übernahm auch auf dem unverschämt erfolgreichen The Prodigy-Album "The Fat Of The Land" einen Gastpart. Kula, sorry, cooler als im Dunstkreis dieser zu dem Zeitpunkt erfolgreichsten Bands aufzutauchen, war für einen Neuling kaum möglich.

Die Qualität ihrer Alben ist seitdem durchgängig gut, der kommerzielle Erfolg leider weg. Schade um eine Band, der man auch oasislike eine triumphale Rückkehr gönnen würde. Immerhin, nach dem Achtungserfolg von "Natural Magick" und einem achtbaren achten Platz in den britischen Charts geht es langsam wieder bergauf. Genau in diesen Jahren traf die Musik der indischen Community auf das Sixties-Revival des Britpop und heraus kamen zeitlose Klassiker wie "Govinda". Ein zappeliger Culture Clash aus Crispians unbändiger Liebe zu Indien und seinem Gespür für übergroße Psychedelic-Rockmusik-Gesten.

Unbeeindruckt von sämtlichen Coolness-Codes geht der Mann mit Kula Shaker seinen Weg weiter, und das ist genau richtig so, wie der Opener "Lucky Number" zeigt. Was für ein toller Einstieg in das auch schon achte Album der Veteranen. Aufbrausend, laut und pompös trampelt die wuchtige Nummer über alle Zweifel hinweg, ob die Londoner nicht doch mal eine totale Bruchlandung hinlegen. Endlich wieder selbstbewusste Töne in einer Zeit, in der so viele Menschen zweifeln.

"Good Money" ist wieder einer dieser lyrisch einfachen Botschaften von Mills, aber Junge, der Mann ist wirklich wieder in seinem Element - fast so, als ob ihm damals das sauteure "Peasents, Pigs And Astronauts" nicht finanziell das Genick gebrochen hätte. Das von Rick Rubin und Bob Ezrin produzierte Wall-of-Sound-Monstrum war ein sagenhaftes Cashgrab, auch weil der Kula-Shaker-Frontmann grundsätzlich keine Konsequenzen scheute.

Aber warum denn nicht genau jetzt, wo Britpop wieder seinen kurzen Moment bekommt? Also klauen Kula Shaker bei sich selbst und wildern in "Little Darling" bei "Tattva" und in "Broke As Folk" bei "Dr. Kitt" aus ihrem "Strangefolk"-Album. Klauen war in der Musikgeschichte eh noch nie das Problem, es muss nur zu guten Songs reichen. Beide Stücke sind zwar reine Zitate-Flickenteppiche, aber am Ende ist das egal, weil Kula Shaker wieder in Bestbesetzung spielen. Die Rückkehr von Jay Darlington im Jahr 2022 ist einfach ein Glücksfall, da sein Keyboard-Spiel neben Mills immer noch das perfekte Dynamik-Duo der Band bildet.

Auf "Wormslayer" klingen Kula Shaker wirklich wieder wie eine Band, die den Glauben an sich selbst neu entdeckt. Einen achtminütigen Progressive-Rock-Stampfer wie den Titeltrack "Wormslayer" suchte man auf "Natural Magick" vergeblich. Genau solche Momente machte ihr Debüt damals so großartig. Das ausufernde, aber dennoch gelungene "The Winged Boy" schnüffelt nochmal die Koksreste von "Be Here Now" auf und verhält sich einfach mal so, als ob die Welt tatsächlich wieder auf die Heimkehr ihres opulenten Britpop-Farbfilms wartet. Die Zeit, in der Kula Shaker eines der besten Edelpferde im royalen Stall waren.

Das Fell glänzt vielleicht nicht mehr wie zu den besten Zeiten, aber allein in "Be Merciful" steckt mehr Energie als in den ganzen Midlife-Crisis-Alben von Damon Albarn und Blur. Diesen Song kennen Kula-Shaker-Fans bereits, da er in verschiedenen Versionen in den Live-Setlist auftauchte. Die unwahrscheinliche Reise des Songs, der bisher nur als teure 7"-Bootleg-Vinyl existierte, begann vor über zwanzig Jahren und war das Ergebnis einer Zusammenarbeit mit dem Elektronik-Pionier Mark Pritchard. In seiner finalen Album-Version ist "Be Merciful" nun wesentlich rockiger, immerhin erinnern die trippigen Mellotron-Effekte an die Krautrock-Wurzeln des Songs.

In dem exzessiven Modus des Albums wirkt der einfache Folk-Song "Day For Night" beinahe fehlplaziert, aber dieser intime Moment erdet das teilweise ausschweifende Album. "Wormslayer" ist ein Manifest treuer Beharrlichkeit für einen Neverending-Britpop-Sommer. Kula Shaker verharrten auch in schwerer Seenot auf dem einstmals stolzesten Schiff des britischen Königreiches. Für all die Jahre der Treue gebührt ihnen Dank und es wäre nur fair, wenn Oasis sie dafür abermals als Support-Act hoffentlich kommender Konzerte belohnten.

Trackliste

  1. 1. Lucky Number
  2. 2. Good Money
  3. 3. Charge Of The Light Brigade
  4. 4. Little Darling
  5. 5. Broke As Folk
  6. 6. Be Merciful
  7. 7. Shaunie
  8. 8. The Winged Boy
  9. 9. Day For Night
  10. 10. Wormslayer
  11. 11. Dust Beneath Our Feet

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1 Kommentar

  • Vor einer Sekunde

    Der Titeltrack ist wirklich gut. Ein paar schöne Songs sind dabei, aber so selbstbewußt seltsam und ausm Bauch heraus ist kein anderer. Wie schon bei Tyler Ballgame, versuchen viele Retro-Acts manchmal zu verkopft, etwas zu erschaffen. Was "alte" Musik geil machen kann, ist aber die gelungene Illusion, das sei alles ganz einfach und spontan mal eben ins Mikro geschlunzt.