laut.de-Kritik
Krawall im Kosmos.
Review von Marie PütterStreicher schwellen an, ein Opernchor flackert aus der Ferne auf, Synthesizer brechen plötzlich durch den Raum. Und gerade, wenn alles kurz davor ist zu zerfallen, setzt Labrinth mit ruhiger Stimme ein. "Cosmic Opera Act II" fühlt sich weniger wie ein Album an als wie eine halbstündige Halluzination, die einen nicht mehr loslässt.
Einen großen Anteil an Labrinths Erfolg hatte seine Arbeit am Soundtrack der HBO-Serie "Euphoria". Eigentlich sollte er auch die Musik für die dritte Staffel beisteuern, ehe kurzfristig Hans Zimmer übernahm. Hinter den Kulissen scheint das für reichlich Spannung gesorgt zu haben. Zumindest ließ Labrinth mit einem inzwischen gelöschten Instagram-Post tief blicken: "I'M DONE WITH THIS INDUSTRY / FUCK COLUMBIA / DOUBLE FUCK EUPHORIA / I'M OUT."
Ein ziemlich heftiger Ton, der sich stellenweise auch durch dieses Album zieht. Vieles klingt, als hätte hier jemand endgültig mit Teilen der Musikindustrie abgeschlossen. Trotz seines Ausstiegs bleiben die Namen Labrinth und "Euphoria" in vielen Köpfen eng miteinander verbunden. Und auch wenn diese Verbindung inzwischen fast schon reflexhaft hergestellt wird, wirkt "Cosmic Opera Act II" tatsächlich wie der inoffizielle Soundtrack der neuen Staffel. Die düstere Atmosphäre greift das Unbehagen der Serie perfekt auf, gleichzeitig hört man immer wieder den Frust heraus, den Labrinth auch öffentlich nicht verborgen hat.
Musikalisch macht Labrinth ohnehin längst nur noch das, worauf er gerade Lust hat. Symphonische Streicher treffen auf drückende Bässe, Gospelchöre auf elektronische Flächen, Soul auf experimentellen Pop. Das klingt zunächst nach Chaos, ergibt aber erstaunlich oft Sinn. Vieles wirkt wie Szenen aus einem Film, der ständig die Tonart wechselt. Über der gesamten Produktion schwebt etwas Kosmisches, das die Songs gleichzeitig entrückt und unberechenbar wirken lässt.
Genau diese Spannung zieht sich durch das gesamte Album. Die erste Hälfte wirkt wie eine düstere Oper. "Anointed Reprobate", "Prostitute" und "Shut Your Damn 95.7892" bauen sich langsam auf, überladen sich mit Streichern, Chören und Synthesizern. Labrinth bleibt dabei oft eher Erzähler als klassischer Frontmann – mal verletzlich, mal mit fast übermenschlichem Selbstbewusstsein.
Immer dann, wenn sich diese Klangwände kurz öffnen, zeigt sich eine andere Seite. "The Living" bringt mit Gitarren und Chorarrangements plötzlich fast so etwas wie Western-Atmosphäre ins Album. "When You Walk In" ist mein persönlicher Favorit und einer der zugänglichsten Momente der Platte: ein Refrain, der sofort hängen bleibt, obwohl man nie ganz sicher ist, worauf der Song eigentlich hinauswill.
Je weiter das Album voranschreitet, desto stärker schwankt es zwischen Verspieltheit und Absurdität. "Bouncey Castles & Trampolines" wirkt zunächst wie ein Ausbruch kindlicher Leichtigkeit, bleibt mit seinem monotonen "Bounce" aber fast hypnotisch hängen. Direkt danach zieht "Follow The Leader" die Stimmung mit Gesellschaftskritik und Themen wie Geld und moderne Sklaverei wieder nach unten.
Zum Ende wird es emotionaler. "I Know It's Love" klingt trotz aller Liebesbekundungen eher nach Verlust als nach Romantik. Und auch der Abschluss fühlt sich nicht wie ein sauber gesetzter Schlusspunkt an, sondern eher wie das letzte Nachhallen einer abgespacten Welt, die nie wirklich zur Ruhe kommt.
Technisch ist "Cosmic Opera Act II" beeindruckend. Die Produktion ist überragend, die Ideen mutig bis überdreht, und kaum jemand verbindet orchestrale Arrangements und modernen Pop so selbstverständlich wie Labrinth. Gleichzeitig ist mir das Album als Gesamtwerk fast ein bisschen zu exzentrisch. Es macht weniger Spaß, als dass es fasziniert und überfordert.
Schon in der Besprechung zu "Cosmic Opera Act I" wurde etwas weniger Wahllosigkeit und etwas mehr Stringenz gefordert. Ganz erfüllt hat sich dieser Wunsch auch diesmal nicht. Vielleicht liegt die Stringenz bei Labrinth aber gerade darin, dass sich seine Musik konsequent jeder klassischen Struktur verweigert. Von außen wirkt vieles nach wie vor sprunghaft und nicht immer nachvollziehbar. Gleichzeitig hat man das Gefühl, dass für Labrinth selbst jedes Detail Teil eines größeren Ganzen ist. Man versteht dieses Album vielleicht nie vollständig – aber vermutlich soll man das auch gar nicht.


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