laut.de-Kritik
Zwischen Chor, Chaos und Konzept: Diese Oper bleibt Stückwerk.
Review von Johannes JimenoDank der Serie "Euphoria" sowie unzähligen hochkarätigen Kollaborationen als Producer und Songwriter zu Everybody's Darling aufgestiegen, gilt es jetzt für Labrinth sich künstlerisch auszutoben. Entsprach der Vorgänger noch schüchternem Neo-R'n'B, vereinnahmt er die Bühne für sich und zieht eine moderne Oper mit großem Habitus auf. Da der schnelllebige Zeitgeist keine Überlänge duldet, rauscht der erste Akt seiner "Cosmic Opera" in einer halben Stunde an einem vorbei. "Pomp and Circumstance" für die Gen Z, wenn man so will.
Warum ich Märsche mit einer Oper vergleiche? Weil der opernhafte Anteil hier größtenteils aus lauten Chören und bratzigen Bläsern besteht, somit poltert und trompetet es ordentlich und evoziert bei mir ein Hauruck-Verfahren. Für Labrinth und der Verarbeitung seiner inneren Dämonen muss es jedoch genau ebenjenes sein: "They say, in order to heal / You got to sit with that internal chaos / You gotta suffer your demons / Speak on it, verbalize it too / For me, that internal dance / Something like an opera."
Der Einstieg donnert entsprechend bombastisch in "Something Like An Opera", "Debris" vermengt klassische Instrumentierung mit modernen Beats sowie seinem Falsett-Gesang. Das gelingt ihm auch gut im späteren "I Keep My Promises", in dem zunächst echte und digitale Instrumente übergangslos ineinander fließen. Strukturell fordernd, wechselt er dann in einen zurückgelehnten Western-Song, um im letzten Drittel komplett crashout zu gehen, mit Distortion sowie Gekreische unter Hinzunahme von etlichen kleinen Versatzstücken.
Timothy Lee McKenzie farmt am meisten Aura bei folgendem Quartett: "Implosion" kokettiert mit tiefschwarzen Bässen und strammen Bläsern, im Post-Chorus wirft er eine Flocke pixelated Crunch hinein und verweist auf seine Anfänge. Ein schwelgerischer, leicht verspulter Ausklang verfeinert das Ganze. Über das feinsinnige, lyrisch fatalistische "Into The Black Hole" landen wir beim Hit des Albums "S.W.M.F.". Er vergleicht sich mit Luke Skywalker und schart seine Jedis um sich, während er sich pompös, breitbeinig und selbstbewusst ins Rampenlicht drängt. Kurz darauf erscheint eine Kathedrale im Bühnenbild und "God Spoke" bezirzt als mehrstimmiger, sakral-hallender Choral mit Wärme.
Ab dem "Opera Interlude", in dem er sogar auf italienisch singt, betreibt "Orchestra" nochmals Augenwischerei mit Frauenchor und sehr wilden Ideen, die sich überschlagen. Der liebevolle Pop "Still In Love With The Pain" setzt sich entspannt hin mit Männerchor im Hintergrund und erzählt vom Licht am Ende des Tunnels, auch wenn es derzeit noch schwierig aussieht. Der Schlusspunkt "Running A Red" entpuppt sich als weiteres Highlight. Ätherischer Jazzpop-R'n'B, der mit Orgel-Synths ganz leger den Vorhang zuzieht.
"Cosmic Opera Act I" muss man zugute halten, dass es ambitioniert und verspielt eine Melange aus Klassik und Moderne kreiert, jedoch dabei zu grobschlächtig agiert. Melodien bleiben ob der kurzen Spieldauer nicht hängen bzw. sind nicht ausformuliert, sodass sich eine gewisse Wahllosigkeit einnistet. Etwas mehr Feingefühl und Stringenz hätten dieser kosmischen Oper gut getan. Vielleicht bestaunen wir all das in einem zweiten Akt.


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