laut.de-Kritik

Wer kann den Sommer einfangen?

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Wer die Sonnenstrahlen des Sommers einfangen und über den Herbst und Winter verteilt noch einmal injizieren möchte, hat einige Optionen: Erdbeeren zu pflücken und daraus Marmelade zu kochen, man könnte auch Muscheln sammeln und in einem Glas als Deko ins Bad stellen, oder aber man greift zu der altbewährten Methode, die kalten Monate mit sommerlichen Klängen aufzuwärmen.

Für letztere Option eignet sich Mari Froes' Debütalbum "Esquina Do Sol" ganz wunderbar. Der 23-jährigen Brasilianerin gelang letztes Jahr mit ihrem viralen Fußball-Hit "Vaitimbora" der internationale Social-Media-Durchbruch. Mittlerweile werden ihre Songs in Europa mehr gestreamt als in ihrer Heimat. Doch wie heißt es so schön? "Man kann das Mädchen aus Brasilien nehmen, aber Brasilien nicht aus dem Mädchen" (so oder so ähnlich). Froes, die einige Zeit in Berlin verbracht hat, kennt das Heimweh jedenfalls nur zu gut.

Mit ihrem Debüt schlüpft Froes in die Rolle einer kulturellen Botschafterin: Als Vertreterin der Música Popular Brasileira (MPB) ist sie tief in der Bossa-Tradition verwurzelt, mischt diese jedoch mit Indie-Pop, elektronischer Musik, Jazz und einem Hauch Blues. Eine erfrischende Kombination, die gleichzeitig unglaublich beruhigend wirkt. Es passt zu Sommerabenden an einer Bar, wenn die Luft noch warm ist und der Abend langsam in die Nacht übergeht.

Das Album transportiert trotz seiner sonnigen Grundstimmung keine quietschgute Laune, denn leichte Melancholie schimmert an einigen Stellen durch. Im Interview verrät Mari, dass sie mit den zwölf Songs eine kathartische Geschichte erzählt. Sie beginnt in Berlin mit "Dezenove Verões": Eine neunzehnjährige Mari will das Leben genießen, Jazz hören und Wein trinken. Ihre Mutter mahnt sie, auf sich aufzupassen. Schon hier treffen zwei Seiten aufeinander, die sich durch das gesamte Album ziehen werden: die Lust auf ein freies, selbstbestimmtes Leben und die leise Warnung, dass man sich da draußen auch ganz leicht selbst verlieren kann.

Mit "Reza Braba" ("Stoßgebet") folgt eine stürmische queere Sommerromanze. Die Sehnsucht wird zur Sucht, die nicht einmal von Schokolade oder Cachaça besänftigt werden kann. Weiter geht es mit einer Erinnerung an eine warme Sommernacht in Rio, in der zwei Verliebte unter dem Vollmond tanzen: Der Refrain von "Rio Lua" bleibt mit seiner Chor-Begleitung im Ohr.

Doch mit "Garoa" zieht der Nieselregen auf. Die Hoffnung auf unzertrennliche Zweisamkeit verblasst, die anfängliche Leichtigkeit weicht einer schmerzhaften Sehnsucht: "Tal como flor no deserto, me queimo e espero o fim. Nada mais rouba a minha fala, a não ser tua boca carmim" ("Wie eine Blume in der Wüste verbrenne ich und warte auf das Ende. Nichts raubt mir mehr die Sprache als dein karminroter Mund.")

Maris Stimme legt sich warm, tief und genießerisch über ihre raffinierten Gitarrenakkorde und Rhythmen. Sanfte Beats mischen sich dazu. Nach und nach entfaltet sich die Erkenntnis, dass nicht die Liebe allein die Antwort auf das ungestillte Verlangen sein kann: "Era chegada a hora de me ter de volta. Me perdi por um tempo mas eu voltei pra roda. E o que eu tenho é fome do mundo e também de tudo que tiver". ("Es war an der Zeit, mich wiederzufinden. Ich hatte mich eine Weile verirrt, aber ich bin wieder im Spiel. Und was ich habe, ist Hunger auf die Welt und auch auf alles, was es gibt.")

Die Besinnung auf das Wesentliche führt Mari schließlich zu einer spirituellen Meditation, in der sie sich zurück zu ihren Wurzeln begibt. "Dona Do Mar" hebt sich damit deutlich von den anderen Liedern ab: "Gegrüßt seist du, Königin des Meeres." Damit meint sie die Meeresgöttin Iemanjá. Für Mari ist der Glaube ein Anker, der ihr das gibt, was im Leben am meisten zählt: "An deinem Kleid habe ich mich festgehalten, blau und weiß, und in deinem Gesang habe ich meinen Platz gefunden."

Trackliste

  1. 1. Dezenove Verões
  2. 2. Reza Braba
  3. 3. Rio Lua
  4. 4. Garoa
  5. 5. Mania
  6. 6. Côco Caramelo
  7. 7. Rua de Pedra
  8. 8. Se Eu Nunca Mais Lhe Ver
  9. 9. Gente Fina
  10. 10. Eu Vou Pro Samba, Viu?
  11. 11. Loba Solitária
  12. 12. Dona do Mar

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