Früher exisitierten Rap und Rockgitarren noch schön separat. Wie die Jugend im New York der Achtziger kulturelle Barrikaden einriss, erzählt dieses Buch.
New York (gbi) - Musikjournalist Steven Blush hat schon Bücher darüber verfasst, wie Rock und Disco zusammen kamen und darüber, wie Rock und Reggae sich fanden. In "When Rock Met Hip-Hop" (Backbeat Verlag, 329 Seiten, Taschenbuch, 26,99 Euro) sind nun Rock und Hip Hop dran.
Erwähnenswert ist zunächst einmal die Erzählform, die er dafür wählt: Blush hat für das Seconds Magazine zahlreiche Interviews mit Musiker*innen und anderen Leuten aus der Branche geführt, in denen es genau um diese Liaison zwischen Beats und Riffs geht. Natürlich zitiert er ausführlich daraus, was auch völlig in Ordnung ist. Allerdings klatscht er die Zitate teils so lieblos aneinander, dass der Lesefluss darunter leidet.
Auf jeden von Blush verfassten Absatz kommen gefühlt jeweils mehrere ellenlange Zitateblöcke, die teils nur lose miteinander verbunden sind. Vielleicht gibt es Menschen, denen dies zusagt, auf mich wirkt das aber, als würde ich die Untertitel einer YouTube-Doku in Buchform lesen. An einzelnen Stellen widersprechen sich die Zitierten auch noch in ihren Erinnerungen, was Blush mit keinem Wort adressiert. Ein bisschen mehr Eigenleistung und Einordnung seinerseits hätte sein dürfen.
Hat man sich einmal an diese Erzählform gewöhnt, wartet durchaus Interessantes. Dies gilt vor allem für die ersten Kapitel und für jemanden, der das Buch aus der Rock-Perspektive liest. Blush zeichnet nach, wie Hip Hop in den 1970er- und 1980er-Jahren seine Anfänge in New York nahm. Eine Zeit der Krisen und Gewalt, aber auch der kreativen Energie: Schwarze Kids machten es sich zum Hobby, bei Partys im Park oder im Community Center Platten aufzulegen und Songs zu mixen: Disco, Funk, Soul, was der elterliche Bestand halt so hergab.
Ohne Rockplatten keine Party
Wie wichtig Rockmusik damals war, erklärt DMC: Die ersten MCs konnten ja schlecht über Songs rappen, die Gesang enthielten, daher kam der Rock'n'Roll wie gerufen: "Auf Rockplatten gab es immer einen Break, in dem nur die Drums spielten, eventuell begleitet von einer Bassline (...) Du musstest Rockplatten in deinem Case haben, um eine gute Show abzuliefern. Sie bargen nicht nur die Breaks, die du gebraucht hast, sie waren obendrein noch hart, und Rap galt damals als echt harte Musik."
Das Buch zeigt nicht nur auf, wie sich die Hip Hop-Kultur entwickelt hat, sondern auch, welche überragende Bedeutung New York dabei spielte. Quasi parallel entstanden in der Stadt Rap-, Hardcore- und Metal-Subkulturen. Labels wie 'HC' oder 'Hip Hop' gab es noch nicht, dafür Überlappungen allerorts: Alle machten einfach das, worauf sie gerade Bock hatten. Muss eine gloriose Zeit gewesen sein.
Beastie Boy Mike D beschreibt den Zeitgeist wie folgt: "Heute findest du jeden Song, der uns jemals beeinflusst hat, auf deinem Telefon. Aber damals war New York der einzige Platz auf der Welt, wo alle diesen verschiedenen Arten von Musik zusammenflossen: Dub, Jazz und Salsa, und dann New Wave, Post-Punk und die Anfänge von Rap."
Geschwister im Geiste
Punk und Hip Hop seien als Geschwister im Geiste geboren worden, befindet der Autor. Auch Produzent Dante Ross sieht Hip Hop als "Black punk rock", als gefährliche, rebellische Musik. Es liegt also nahe, dass Punk-Venues die ersten waren, die Rappern eine Bühne boten. Im Schweiße wilder Konzertnächte begegneten sich so das zunächst mehrheitlich Schwarze Rap-Publikum und das mehrheitlich weiße Punk-Publikum. Prägnant bringt Barrington Hendricks (JPEGMAFIA) diese Entwicklung auf den Punkt: "In der öffentlichen Wahrnehmung war der größte Unterschied zwischen Rap und Punk die Hautfarbe. Aber es handelte sich bei beiden um widerstandsfähige Genres, die die Eliten allein dafür verachteten, was sie darstellten: Sie boten Außenseitern eine Heimat."
Mit dieser ideellen Verbundenheit hätte man sich gerne vertieft befasst. Stattdessen orientiert sich Steven Blush stärker an der Chronologie. Nach dem Rückblick auf die Anfänge folgt sein Buch einigen Bands, die besonders prägend für die Verschmelzung von Rock und Rap waren: Run DMC, Beastie Boys und Public Enemy. Blush zeichnet ihre Karrieren nach, wobei Metalheads mehr dazulernen als Rap-Fans. In weiteren Kapiteln beschreibt er den Impact wegbereitender Kollaborationen wie "Walk This Way" zwischen Aerosmith und Run DMC oder "Bring The Noise" zwischen Anthrax und Public Enemy, die Rolle des legendären Def Jam-Labels oder des "Judgement Night"-Soundtracks.
Angereichert mit Zitaten und gegenseitigen Würdigungen der Musiker*innen selbst sowie anderer Szenegrößen ergibt das eine flotte Lektüre. Auch ist es nice, sich wieder einmal zu vergegenwärtigen, wie bahnbrechend ein Track wie "Rock Box" damals war, mit dem Run DMC "the first rap hit on MTV" landeten. Dazu ein Zitat von Run: "Heute klingt das so normal, aber als wir das damals hörten, hatte es eine Wirkung wie psychedelische Drogen."
Schräge Gewichtung
Das wäre die erste Hälfte des Buches. Sie löst das Versprechen im Buchtitel ein. Die zweite Hälfte fällt dagegen ziemlich ab. Im Schnelldurchgang fräst Blush durch alles, das da noch kam, von Biohazard bis zu Linkin Park. Einer Band wie Cypress Hill sind knapp drei Seiten vergönnt, wobei ihr Rap-/Rock-Doppelalbum "Skull & Bones" nicht einmal Erwähnung findet.
Gerne hätte man auch mehr darüber erfahren, was es mit der Vision von 'Ghetto Metal' auf sich hatte, die etwa Eazy E (N.W.A.) und Dr. Dre vorschwebte. Stattdessen wird Platz für ein Kapitel namens "Alt-Rock Rap" geschaffen, das vor allem dazu dient, von Becks "Odelay"-Album zu schwärmen. Keine Ahnung, wie bedeutend das im großen Ganzen einzustufen ist, auf mich wirkt diese Gewichtung jedoch schräg.
Dieser Schnelldurchlauf durch Bands, städtische Szenen (Los Angeles, Detroit) und Genres tut niemandem weh, er bietet aber auch wenig Mehrwert. Immerhin lassen sich so vergleichsweise unbekannte Acts wie 24-7 Spyz oder Shootyz Groove (wieder-)entdecken. Das konzentrierte Lesen kann man sich jedoch nach der vertiefenden und stringenteren ersten Buchhälfte getrost sparen und ins Überfliegen wechseln.
Nette Anekdote zum Schluss: Als den ersten richtigen, eigens eingespielten Rock-Rap-Track sieht Steven Blush "Takin' Care Of Business" von Kurtis Blows selbstbetiteltem Album von 1980. Dass Blow mit Tiraden gegen den jugendlichen LL Cool J und daraus resultierenden 'onstage battles' auch gleich den Beef erfunden haben soll, ist eine weitere Trivia-Perle, die man gerne aus diesen rund 250 Seiten mitnimmt.
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1 Kommentar
Genau die richtige Lektüre für den lautuser