laut.de-Kritik

Beck's Boutique: Der Sample-Spielplatz der Neunziger.

Review von

Der 5. April 1994 begann in Seattle nicht sonderlich spektakulär. Ein regnerischer Tag und damit nicht ungewöhnlich für die Stadt an der Elliott Bay. Nichts deutete auf einen Tag hin, der die Neunziger und auch die Musikgeschichte prägte. Sehr wahrscheinlich liefen immer noch Kids in Flanell-Hemden durch die Stadt. Grunge, genau hier in dieser eigentlich ruhigen Stadt geboren, hatte bereits seine Entwicklung von Underground-Phänomen zum Mainstream durchgemacht. Die Unschuld war längst verloren, genau wie Kurt Cobains Kampf gegen seine Drogensucht. Es war irgendwann zu viel für den schmächtigen Sänger, dem ungefragt die Bürde aufgelegt wurde, als Sprachrohr für die Generation X zu fungieren. Die schaute schockiert auf den Fernseher, als drei Tage später auf MTV der Moderator mit ernster Miene folgende Worte in die Kamera sprach: "Kurt Cobain Is Dead."

Ein paar Worte, die weltweit Entsetzen auslösten - kurz auch bei windigen Geschäftemachern. Grunge war vielleicht nicht mehr die allerheißeste Aktie auf dem Markt, aber mit etwas Weltschmerz-Lyrics und der x-fachen Kopie von Pearl Jam und Nirvana konnte man durchaus noch Millionen Alben verkaufen. Wahrscheinlich schwärmten bereits zur Cobain-Beerdigung sämtliche A&R-Agenten aus, um schnell den nächsten Schmerzensmann zu finden, der zweifelnden Teenagern in ihrer Selbstfindungsphase düstere Teenage-Angst-Lyrics lieferte und vor allem deren Geldbörsne erleichterte.

Sehr weit vorne im Rennen war ein gewisser Beck Hansen, ein mäßig erfolgreicher Straßenmusiker, der wie ein Hippie durch die Straßen von Los Angeles zog und Lo-Fi-Songs schrieb. Einer davon war "Loser", ein im Herzen lustiger Song, in dem der schlaksige Blonde sich selbst und seine miesen Rap-Skills ordentlich aufs Korn nahm. Was schon damals Musikfans sahen: einen talentierten, jungen Mann mit ordentlich Schalk im Nacken. Was dagegen MTV-Kids und Labels sahen: einen Typen, der sich Gen-X-typisch als Slacker aufführte und dessen lakonische Zeile "I'm a Loser, Baby, so why don't you kill me" wie eine düstere Vorahnung auf Cobains Freitod wirkte. Die Jahre des hippiesken Gammelns waren für Beck Hansen damit vorbei; dafür sollte der Exzentriker nun plötzlich vor allen Kameras den nächsten Kurt geben.

Dabei konnten die beiden nicht weiter auseinanderliegen. Cobain hatte einen sarkastischen Humor, war aber ansonsten ein eher grüblerischer Mensch. Beck war ein Außenseiter, der sein Künstlerdasein mit schlecht bezahlten Billigjobs finanzierte. Seine Vorbilder kamen auch nicht aus dem Metal- oder Punk-Bereich. Er war gleichermaßen vom Blues wie vom Hip Hop fasziniert. Das typische Musik-Nerd-Kid, das sich stundenlang durch die obskursten Schallplatten wühlte und dabei auf spannende Stellen für seine Sampling-Musik stieß. Ein Kind aus einer freigeistigen Künstlerfamilie - sein Großvater Al Hansen war Teil von Andy Warhols Factory-Umfeld und stieß bei Performances schon mal ein Klavier von einem fünfstöckigen Gebäude. Beck Hansen war also wenig daran interessiert, als trauriger Cobain-Verschnitt zu enden. Seine Lyrics waren ähnlich wie seine Musik auf dem Major-Label-Debüt "Mellow Gold" Text-Collagen und ein Freestyle an Ideen - ungestüm und punkig, auch um aus der "Loser"-Falle irgendwie wieder herauszukommen.

Der Plan ging auf; die Labels nahmen schnell wieder Abstand, weil kein weiterer Hit wie "Loser" auf dem chaotischen Album erkennbar war. Was zunächst wie das Ende eines obskuren One-Hit-Wonders klingt, war für Beck ein Glücksfall. Ein Hit warf in den Neunzigern noch gutes Geld ab, und für das nächste Album gab es keinen Druck mehr. Die hegemoniale Kraft des Grunge verschwand; das Interesse wanderte weiter Richtung Hip Hop, Alternative Rock und elektronischer Musik. Beck war schon früh ein Musiker, der gerne über Genregrenzen hinausdachte. Gerade Hip Hop war wegweisend, vor allem das bahnbrechende Beastie Boys-Album "Paul's Boutique". Ein Album, das 1989 seiner Zeit meilenweit voraus war und in dem die Beastie Boys die Sampling-Ideen, die Beck beschäftigten, bereits vorwegnahmen. Der wiederum nahm Kontakt zu den Dust Brothers auf, die "Paul's Boutique" produziert und daran maßgeblichen Anteil hatten. Zusammen mit den beiden Produzenten zog sich Beck für die Aufnahmen von "Odelay" in ein kleines Studio in Silver Lake, Los Angeles zurück.

Das kongeniale Team aus Visionär und neugierigem Kindskopf schaffte bergeweise Schallplatten in das Haus, um stundenlang Vinyl zu hören. Ein Vorteil war auch, dass die Dust Brothers auf "Paul's Boutique" quasi gemeinsam mit den Beasties Neuland betreten hatten und nun bereits wussten, was sie konnten und wie man einen ganzen Flohzirkus an Ideen verwaltet. Das erste Ergebnis dieser Zusammenarbeit erschien am 28. Mai 1996: "Where It's At". Ein knapp fünfeinhalb Minuten langer Song, in dem Funk, Soul, Elektronik und noch viele andere Genres zusammenfinden, um trotzdem - und das ist eben Genialität - tanzbar zu bleiben. Bei "Paul's Boutique" stand teilweise das Experiment noch an erster Stelle, aber "Where It's At" zerlegt einfach mal die vorigen Jahrzehnte der Musikgeschichte in Einzelteile und erschafft etwas, was auch heute noch nervös vor sich hin flackert. Beck war nicht mehr das punkige Lo-Fi-Kid; mit jedem Ton und Song wuchs das Selbstbewusstsein. Der Mann, der noch kurz zuvor überrumpelt in die Mikros stammelte, trat nun freudestrahlend ins Spotlight und führte als adrett gekleideter Conférencier durch den bunten "Odelay"-Zirkus. In "Where It's At" war er in einer Sekunde James Brown, dann ein Beatbox-Spoken-Impresario, und beim zappaesk schiefen Gitarrensolo muss er vermutlich selbst am lautesten lachen.

Hier war endgültig klar: Das Selbstmitleid des Grunge war passé - ab hier war Musik auch wieder eine Spaßangelegenheit. Beck war sicherlich kein Clown und nahm seine Arbeit ernst, aber er ging auch erfrischend angstfrei an dieses Album. Er hatte nun die Freiheit, alles zu tun und alles zu sein. Er war Lou Reed und Daniel Johnston in einer Person, als er zu "Lord Only Knows" den Country-Cowboy-Hut aufzog und dann wieder alles im Velvet Underground-Stil in Free Jazz-Fragmente zersprengte. Ein Kindskopf, der sich jedes Sound-Outfit anzog, das er in der großen, bunten Mottenkiste der Popkultur fand. Mit dieser Haltung war "Odelay" Vintage und Zukunft zugleich. Alles wirkte wie ein großer Spielplatz, auf dem das infantile Trio jedes Gerät ausprobierte und die Rutsche ins Bällebad hinab glitt.

Nur der harsche Lo-Fi-Rocker "Minus" erinnerte noch ein bisschen an die dreckigen Lo-Fi-Wurzeln; dass so ein Song zwischen dem bekifften "Where It's At" und dem Country-Spaß-Pop von "Sissynec"" stand, zeigte noch mal die ganze Bandbreite von Odelay. In Becks Freizeitpark durfte man für ein paar Minuten seinen Frust rauslassen, nur um kurz danach mit einem LSD-Shake an einem Bullenreiten teilzunehmen oder mit dem völlig entrückten "Readymade" einer Roboter-Blues-Band zuzuschauen. Das letzte Drittel wirkt im Vergleich zum fulminanten Einstieg etwas zielloser - dabei gibt es mit dem erstaunlich geradlinigen "Ramshackle" einen schön melancholischen Abschluss-Folk-Song alter Schule. Als wären Beck und die Dust Brothers im Verlauf des Albums doch noch erwachsen geworden.

Der ganz große Song erschien leider später als Teil des "A Life Less Ordinary"-OST und auf der Deluxe Editon: Die ganz und gar großartige psychedelische Bossa-Nova-Nummer "Deadweight". Beck und die Dust Brothers gönnten sich damals eine Verschnaufpause von ihrem Wahnsinn, und genau in dieser entspannteren Atmosphäre entstand etwas Außergewöhnliches: Brian Wilson-Melodie trifft Hip Hop und ergibt einen seiner besten Songs überhaupt. Überhaupt gibt die Deluxe-Edition einen Ausblick darauf, was noch möglich gewesen wäre. Mit "Feather in Your Cap" zeigt sich eine nachdenkliche Songwriter-Seite des Freigeistes, die in der Hektik des Originals keinen Platz hatte.

Eine lustige, aber nicht besonders gut gealterte Sample-Spielerei wie "High 5" war 1996 sicherlich noch der neue Scheiß, sie zeigt dennoch, wie unbekümmert die Stimmung in dieser Aufbruchsphase der Neunziger war. Ein Utopia, das dreißig Jahre später nicht mehr existiert. Beck nutzte seine Chance in einer damals noch boomenden Musikbranche, seine Ideen ohne Druck weiterzuentwickeln. Heute, im Krisenzeitalter, ist Mainstream-Pop und die voodoeske Wiederbelebung alter Ideen, sei es politisch oder musikalisch, die Rettung einer verkrampften Gesellschaft. Daher sollten wir es wie Beck halten: das Faschings-Kostüm anziehen, auf Roboter-Pferden der Sonne hinterher reiten und befreiendes "Odelay" in den Wind brüllen.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Devil's Haircut
  2. 2. Hotwax
  3. 3. Lord Only Knows
  4. 4. The New Pollution
  5. 5. Derelict
  6. 6. Novacane
  7. 7. Jack-Ass
  8. 8. Where It's At
  9. 9. Minus
  10. 10. Sissyneck
  11. 11. Readymade
  12. 12. High 5 (Rock The Catskills)
  13. 13. Ramshackle

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1 Kommentar

  • Vor 2 Tagen

    Als 90er-Jahre Teenager finde ich das ja schon toll. Auch wenn man der Platte das Alter mitunter schon ganz schön dolle anhört. Warum in seinem Zusammenhang immer wieder Cobain erwähnt wird, kann ich nicht so richtig nachvollziehen, aber das muss ich auch nicht.
    Kann mich immer schlecht zwischen folksy Beck und quirky Beck entscheiden. Hier wird das auf eine schön ungestüme Art vereint. Danke für die Erwähnung von Deadweight. Jack-Ass für mich auch so ein Lied für die Ewigkeit.
    Die drei Nachfolgelaben sind auch sehr gelungen. Nach der Sea Change haben wir uns aus den Augen verloren und seitdem nicht mehr viel zu sagen. Ist mit guten Freunden manchmal einfach so.
    Platte wird heute Abend mal wieder gehört.