Forever Haltung: Alphaville sagen ab. Campino, Felix Jaehn, Zartmann, Mateo und Nura solidarisieren sich. Gestern ist ein weiterer Act abgesprungen.

Hockenheimring (mis) - Selten drängte sich eine Namensänderung für ein Festival so auf wie in diesen Tagen bei einem Musik-Großereignis am Hockenheimring: Da das Glücksgefühle Festival seit der Ausladung von Alphaville diametral konträre Emotionen in der Öffentlichkeit hervorruft, ruderte Veranstalter Markus Krampe nun eilig zurück. "Politische Themen oder Äußerungen", wegen derer die Synthie-Pop-Band aus Münster zunächst ausgeladen wurde, sind nun anscheinend doch willkommen.

Alphaville-Sänger Marian Gold verkündete gestern auf Social Media, das Glücksgefühle Festival habe seine ursprüngliche Entscheidung zurückgenommen, nur um im selben Atemzug höflich abzulehnen: "Wir nehmen die Entschuldigung und Wiedereinladung des Veranstalters Markus Krampe zur Kenntnis und hoffen, dass er von nun an die Bedeutung von Rede- und Kunstfreiheit beim Glücksgefühle Festival gebührend respektiert. Ungeachtet dessen haben die vorangegangenen Äußerungen eine Atmosphäre geschaffen, in der wir von einem Auftritt absehen. Die Gage für den nicht stattfindenden Auftritt wird Alphaville an eine gemeinnützige Organisation spenden."

Der ehemalige Wendler-Manager selbst sah nach einem haarsträubenden Medienecho nun doch die Zeit gekommen, um persönlich Stellung zu beziehen. In einem Video nimmt Krampe alle Schuld für die Ausladung der Band auf sich und somit von den Schultern seines weitaus berühmteren Veranstalter-Kollegen Lukas Podolski und beteuert, dass Meinungsfreiheit auch für ihn das höchste Gut sei:


Dass hier ein Veranstalter den schlimmen Verdacht zu entkräften versucht, er wolle Künstler*innen auf seinen Bühnen mundtot machen, liegt nahe. Wie Krampe überhaupt erst auf die Idee kam, einen stabilen Demokraten und Antifaschisten wie Gold in die Schranken zu weisen, dagegen irritiert. Die Idee der Ausladung sei ihm gekommen, als es im Nachgang nach einem von ihm veranstalteten Alphaville-Konzert "Massiv-Schelte" von Fans gab, die sich von Golds politischen Aussagen während des Konzerts gestört fühlten. Deren Tenor sei gewesen, dass "die Musik doch nicht in den Hintergrund rücken" solle, weil man nämlich "mal ein paar Stunden entspannen" wolle ohne all das, "was wir schon in den Nachrichten hören."

Kurz: Krampe wollte Friede, Freude, Eierkuchen und Glücksgefühle, und sicher niemanden, der eventuell öffentlich das Wort gegen die AfD erhebt, noch dazu am Wochenende der richtungsweisenden Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Medienberichten zufolge ließ Krampe die Kölner Kanzlei Höcker sogar über das Social-Media-Posting des Alphaville-Sängers gehen, bevor er sein Video veröffentlichte. Die Kanzlei vertrat bereits mehrfach die AfD.

So viel größer als "dieses beschissene Pissfestival"

Derweil wurde Gold landesweit für seine Entscheidung gefeiert, und da Die Toten Hosen praktischerweise gerade in der Alphaville-Heimat Münster gastierten, holten die den Sänger für ein "Forever Young"-Duett auf die Bühne. Vor allem nutzte Campino aber die Gelegenheit, um Golds Haltung zu loben, der registriert habe, dass mit der Ausladung "eine neue Grenze überschritten und eingerissen" worden sei. Unter tosendem Jubel begrüßte er den Sänger der Band, "die so viele Millionen Mal größer ist als dieses beschissene Pissfestival":


Die Ereignisse überschlugen sich und brachten auch andere teilnehmende Acts des Glücksgefühle Festivals in Zugzwang. Plötzlich ist ein Mainstream-Festival politisch aufgeladen, dessen krudes Line-Up sich ohnehin nur mit Krampes Ballermann-Expertise erklären lässt. So ging der erste Tag mit Pietro Lombardi, Alexander Marcus und Malle Anja erwartungsgemäß geräuschlos vorüber. Auch auf Instagram konzentrierte sich das Festival bis gestern Nachmittag auf dauergrinsende Party-Berichterstattung und Zeltplatz-Vibes, in der Hoffnung, das leidige Alphaville-Thema möge so schneller verschwinden. Die freudige "Ausverkauft"-Meldung wirkte am Abend wie ein Hohn angesichts der Gründe, deretwegen das Event seit drei Tagen deutschlandweit in den Schlagzeilen ist.

Der Geist ist aus der Flasche

Der Geist war da längst aus der Flasche: So postete der ebenfalls für Anti-AfD-Aussagen bekannte Sänger Zartmann in seiner Story: "Freue mich aufs politische Statement beim Glücksgefühle Festival." Culcha Candela-Sänger Mateo stützte Gold ebenfalls: "Es ist ein schönes (Glücks-) Gefühl, dass es sich lohnt, stabil zu bleiben. Danke an alle, die Welle gemacht haben! Bleibt weiter stabil und kämpft für Demokratie." Die ebenfalls gebuchten Bausa und Ski Aggu posteten Story-Fotos, die sie mit "Forever Young" unterlegten. Der ein oder andere verzichtete leider nicht nur auf eine Stellungnahme zu dem wichtigen Thema, sondern pries lieber neue Merchandise-Items. Glücksgefühle und so.

DJ Felix Jaehn holte dagegen noch einmal zum Rundumschlag aus und stellte sich vehement auf Golds Seite: "Seit wann soll Kunst unpolitisch sein? (...) Als queere Person werde auch ich mir niemals das Recht nehmen lassen, mich offen gegen eine Partei auszusprechen, die in Teilen gesichert rechtsextrem ist."

Gestern erhielt Marian Gold sogar einen Nachahmer: DJ Beauty & The Beats zeigte sich so schockiert vom Verhalten des Festival-Veranstalters, dass er seinen morgigen Slot auf dem Glücksgefühle Festival kurzerhand ebenfalls absagte. Im Gegensatz zu Alphaville, die zusicherten, ihre Gage zu spenden, spricht er von "erheblichen finanziellen Einbußen" als direkte Folge seiner Entscheidung, die er dennoch für unumstößlich hält.


Rapperin Nura sagte ihren Auftritt nicht ab und entschied sich heute für eine Kampfansage von der Bühne herab. Sie sang zunächst den Refrain von "Forever Young" acapella und erklärte dann, dass man sie nicht buchen sollte, wenn man keine politischen Aussagen wolle. "Andreas Gabalier darf hier auftreten, aber Alphaville nicht oder was? Fck Andreas Gabalier! Pass mal auf, wie ich später in seinen Backstage kcken werde, Alter. Fick die AfD und jeden, der damit zu tun hat!"


Fotos

Culcha Candela, Die Toten Hosen und Alphaville

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laut.de-Porträt Alphaville

Ja, es gibt sie noch und es hat sie immer gegeben. Wer kennt nicht "Forever Young", mittlerweile verhunzt von etlichen Ich-Will-Auch-Mal-In-Die-Charts-Hüpfern?

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