... und es hat Utzp gemacht! Die virale Internet-Sensation aus Kanada beweist mit ihrem Auftritt in der Live Music Hall: Der Hype ist berechtigt.

Köln (rnk) - "Wie geil ist das denn?", sagt die Kölner Indie-Legende Aydo Abay (Musa Dagh, Blackmail), und seine Augen funkeln begeistert. Er läuft gerade mit unserem Fotografen durch den Backstage-Bereich in Richtung Innenhof der Live Music Hall. Geplant war eigentlich, nach den üblichen drei Songs ohne Blitzlicht zurück in die Menge zu gehen, aber da ist es voll, richtig voll. Das war absehbar: Schon eine Stunde vor Einlass zog sich die Schlange nicht nur ein paar Meter, sondern über die ganze Straße vor der industriellen Location.

Bereits hier bekam man einen guten Eindruck davon, wie später das Publikum aussehen würde: ältere Semester mit Descendents- und Pink-Floyd-Shirt, dazwischen jüngeres Publikum und ein paar kostümierte Menschen, die den Polka-Dot-Look von Angine de Poitrine übernommen haben. Der Hype war groß, als im Februar die KEXP-Session der Band viral ging, das Video steht mittlerweile bei 18 Millionen Klicks. So viele Menschen passen natürlich nicht in die Live Music Hall. Mehr als 1.000 Besucher*innen füllen die Halle aber gut aus, und ein großer Schwall drückender Hitze liegt über der verschwitzten Menge.

Elzinga!

Den Einstieg in den Abend übernimmt die holländische Band Baby Berserk, die mit ihrem Art-Dance-Punk direkt erste Sympathiepunkte einfährt: durchaus eine Empfehlung wert. In Amsterdam genießt Sängerin Lieselot Elzinga bereits einen gewissen Kultstatus, und auch hier dürfte der energetische Auftritt, der etwas an Beth Ditto oder Sprints-Sängerin Karla Chubb erinnert, Eindruck hinterlassen haben.

Kurz gesagt: Die Band gehört zu den Support-Acts, für die sich ein frühzeitiger Besuch der Show durchaus lohnt. Optisch hat die Frontfrau auch begriffen, dass ein eigenwilliger Kleidungsstil der Karriere nicht unbedingt schadet. Als Designerin ist sie längst Teil der Amsterdamer Modeszene. Auch heute darf man eine Kreation bestaunen, die an Sixties-Babydoll-Looks à la Twiggy und Leuchturm erinnert.

Der Hype ist berechtigt

Aufmerksamkeit garantiert. Genau das haben einige Kritiker Angine de Poitrine vorgeworfen: Die Band sei in erster Linie eine lustige Gimmick-Truppe, die den viralen Moment vor allem mit ihrer Kostümierung erzeugt habe, weniger mit der Musik. Ziemlicher Blödsinn, sie sind ja weiß Gott nicht die erste Band, die auf Kostümierung setzt, und mikrotonalen Math-Rock in tanzbare Rockmusik verwandeln nicht gerade viele andere.

Wie man unter dieser alles andere als bequemen Kostümierung überhaupt eine doppelhalsige Gitarre bedienen kann, ist schon sportlich genug, gerade bei der herrschenden Hitze in der Halle. Draußen ist es zwar schon frühherbstlich kühl. Unter dem ganzen Pappmaché und den dicken Schminkeschichten möchte man in diesem Glutofen drinnen trotzdem nicht stecken. Kostüme sind in Köln natürlich grundsätzlich nicht verboten, und zwei weitere Jecken mehr in der Rheinmetropole sind sicher nicht unerwünscht.

Schlagzeuger Klek treibt einen jazzig-funkigen Takt, daneben steht Gitarrist Khn und zaubert Math-Rock aus gepunkteten, weißen Fingern. Ein paar Bandansagen zwischen den Song gibt es auch, sofern man Laute, die an digitale Käferpaarung und Hundegebell erinnern, überhaupt als Sprache gelten lassen möchte. Weitere Interaktion mit dem Publikum läuft über ein Dreiecks-Handzeichen und Aufforderungen zum Mitklatschen. Da ist auch etwas Kindergeburtstag, sofern man bereit ist, Spaß zuzulassen.

Die Menschen vor der Bühne wissen dagegen gerade zu Anfang nicht, ob sie dem Treiben der beiden Rock-Außerirdischen zunächst nur gebannt zuschauen oder gleich wissend im Takt mitwippen sollen. Auch wer den KEXP-Auftritt schon kannte, muss diese leichte Überforderung erst einmal verarbeiten. Je weiter das Set voranschreitet, desto mehr körperliche Aktivität kommt in die Bude. Angine de Poitrine sind zwar auch Kopfmusik, trotzdem bleibt bei "Fabienk" niemand mehr ruhig stehen.

Kleine Unannehmlichkeiten schnell vergessen

Es ist halt schade, dass die Musik noch nicht für eine wirklich langen Abend ausreicht, dafür gibt es in dem hohen Tempo auch keinerlei Füller. Es herrschte sicherlich die Befürchtung, dass der Hype vom Jahresanfang nicht bis in den September trägt. Das lässt sich an diesem Abend widerlegen, auch wenn viele ihre Tickets noch zum Höhepunkt des Hypes kauften.

Einen regelrechten Ansturm gibt es später auch am Merch-Stand, wo auch eine halbe Stunde später die Leute die Bagdes, Shirts und Tote Bages in hohen Mengen kaufen. Die Event-Mitarbeiter*innen, die mit dem Absperrband schon auf ein frühzeitiges Ende gehofft hatten, reagieren zunehmend genervt und fordern jeden Käufer umgehend auf, die Halle nun bitte zu verlassen. Sympathisch geht anders, liebe Freunde, außerdem sollte man 2026 an den Theken wirklich nicht mehr nur Barzahlung anbieten.

Derlei kleine Unannehmlichkeiten sind später auf der Rückfahrt aber längst vergessen. Köln zeigte zwar wie immer nicht die größte Mosh-Energie, aber der Hype um die Band ist komplett berechtigt, nach diesem Auftritt, der beim Publikum etwas länger brauchte, dann aber richtig Wucht aufnahm. Wer für das binnen Minuten ausverkaufte Konzert ein Ticket ergattert hat, darf die frohe Botschaft nun an die Erdbevölkerung weitergeben, während die Aliens live für Furor auch in Europa sorgen.

Setlist:

Angor
Yor Zarad
Tamebsz
Mata Zyklek
Ababa Hotel
Sarniezz
Fabienk
Sherpa

Fotos

Live in Köln, 2026 Vor 1.300 Menschen treten die kanadischen Math-Rocker in der ausverkauften Live Music Hall in Kön auf.

Vor 1.300 Menschen treten die kanadischen Math-Rocker in der ausverkauften Live Music Hall in Kön auf., Live in Köln, 2026 | © laut.de (Fotograf: Rinko Heidrich) Vor 1.300 Menschen treten die kanadischen Math-Rocker in der ausverkauften Live Music Hall in Kön auf., Live in Köln, 2026 | © laut.de (Fotograf: Rinko Heidrich) Vor 1.300 Menschen treten die kanadischen Math-Rocker in der ausverkauften Live Music Hall in Kön auf., Live in Köln, 2026 | © laut.de (Fotograf: Rinko Heidrich) Vor 1.300 Menschen treten die kanadischen Math-Rocker in der ausverkauften Live Music Hall in Kön auf., Live in Köln, 2026 | © laut.de (Fotograf: Rinko Heidrich) Vor 1.300 Menschen treten die kanadischen Math-Rocker in der ausverkauften Live Music Hall in Kön auf., Live in Köln, 2026 | © laut.de (Fotograf: Rinko Heidrich) Vor 1.300 Menschen treten die kanadischen Math-Rocker in der ausverkauften Live Music Hall in Kön auf., Live in Köln, 2026 | © laut.de (Fotograf: Rinko Heidrich) Vor 1.300 Menschen treten die kanadischen Math-Rocker in der ausverkauften Live Music Hall in Kön auf., Live in Köln, 2026 | © laut.de (Fotograf: Rinko Heidrich) Vor 1.300 Menschen treten die kanadischen Math-Rocker in der ausverkauften Live Music Hall in Kön auf., Live in Köln, 2026 | © laut.de (Fotograf: Rinko Heidrich) Vor 1.300 Menschen treten die kanadischen Math-Rocker in der ausverkauften Live Music Hall in Kön auf., Live in Köln, 2026 | © laut.de (Fotograf: Rinko Heidrich) Vor 1.300 Menschen treten die kanadischen Math-Rocker in der ausverkauften Live Music Hall in Kön auf., Live in Köln, 2026 | © laut.de (Fotograf: Rinko Heidrich) Vor 1.300 Menschen treten die kanadischen Math-Rocker in der ausverkauften Live Music Hall in Kön auf., Live in Köln, 2026 | © laut.de (Fotograf: Rinko Heidrich) Vor 1.300 Menschen treten die kanadischen Math-Rocker in der ausverkauften Live Music Hall in Kön auf., Live in Köln, 2026 | © laut.de (Fotograf: Rinko Heidrich) Vor 1.300 Menschen treten die kanadischen Math-Rocker in der ausverkauften Live Music Hall in Kön auf., Live in Köln, 2026 | © laut.de (Fotograf: Rinko Heidrich) Vor 1.300 Menschen treten die kanadischen Math-Rocker in der ausverkauften Live Music Hall in Kön auf., Live in Köln, 2026 | © laut.de (Fotograf: Rinko Heidrich) Vor 1.300 Menschen treten die kanadischen Math-Rocker in der ausverkauften Live Music Hall in Kön auf., Live in Köln, 2026 | © laut.de (Fotograf: Rinko Heidrich) Vor 1.300 Menschen treten die kanadischen Math-Rocker in der ausverkauften Live Music Hall in Kön auf., Live in Köln, 2026 | © laut.de (Fotograf: Rinko Heidrich) Vor 1.300 Menschen treten die kanadischen Math-Rocker in der ausverkauften Live Music Hall in Kön auf., Live in Köln, 2026 | © laut.de (Fotograf: Rinko Heidrich) Vor 1.300 Menschen treten die kanadischen Math-Rocker in der ausverkauften Live Music Hall in Kön auf., Live in Köln, 2026 | © laut.de (Fotograf: Rinko Heidrich) Vor 1.300 Menschen treten die kanadischen Math-Rocker in der ausverkauften Live Music Hall in Kön auf., Live in Köln, 2026 | © laut.de (Fotograf: Rinko Heidrich) Vor 1.300 Menschen treten die kanadischen Math-Rocker in der ausverkauften Live Music Hall in Kön auf., Live in Köln, 2026 | © laut.de (Fotograf: Rinko Heidrich) Vor 1.300 Menschen treten die kanadischen Math-Rocker in der ausverkauften Live Music Hall in Kön auf., Live in Köln, 2026 | © laut.de (Fotograf: Rinko Heidrich) Vor 1.300 Menschen treten die kanadischen Math-Rocker in der ausverkauften Live Music Hall in Kön auf., Live in Köln, 2026 | © laut.de (Fotograf: Rinko Heidrich) Vor 1.300 Menschen treten die kanadischen Math-Rocker in der ausverkauften Live Music Hall in Kön auf., Live in Köln, 2026 | © laut.de (Fotograf: Rinko Heidrich)

Weiterlesen

laut.de-Porträt Angine De Poitrine

Zwei gepunktete Aliens mit übergroßen Pappmachénasen auf der Reise durch das Musikuniversum. Eigentlich kommt die Band Angine De Poitrine aus dem kanadischen …

6 Kommentare mit 12 Antworten

  • Vor 8 Stunden

    Konsens-Math. Henge, eine der vielen besseren Bands des Genres, tourt sich seit tausend Jahren den Arsch ab und bekommt nicht einen Bruchteil der Aufmerksamkeit. Das Leben ist ungerecht. ;-)

  • Vor 7 Stunden

    Boah, dieses trendige abwichsen auf irgend nen neuen Shit ist so unfassbarer Horror-Cringe. Selbst, wenn das gute Musik wäre, würde ich mich bei so Aussagen, wie oben getätigt ("Wie geil ist das denn?", sagt die Kölner Indie-Legende Aydo Abay, und seine Augen funkeln begeistert"), geradewegs mit freudigem Geschrei aus dem nächsten Fenster stürzen, und zwar so, dass der Konzert-Logistik-LKW nochmal ordentlich über mich drüber scheppert, sodass ich von der Musik auch ja nichts mit in die Zwischen-Todes-Welt nehme. Allein, wenn diese ganzen scheiß Indie-Opfer aus dem Loch gekrochen kommen, heißt es für mich schon: Kotzen bis wirklich nichts mehr raus kommt.

  • Vor 7 Stunden

    Ach, geht mir weg mit eurem "overrated". Klar: für Musiknerds wie uns ist es nichts Neues, aber die Songs sind halt geil und bewegen einen dazu, abzugehen.

    Das bin ich auch gestern Abend in Köln. Allein wie Sarniezz ab der Hälfte das Tempo anzieht, sich nach und nach die mikrotonalen Gitarrenlinien zu einem wirren Ganzen vereinen, bei dem vorne und nichts hinten nichts passt und am Ende doch wieder und wie dann für die letzten Takte noch mal die Verzerrung rausgeholt wird: Weltklasse!

    Dass da auch etliche Leute standen, die anscheinend nichts mit der Musik anfangen können und nur wegen des Hypes dort waren, war abzusehen. Das wird sich nach und nach auch auflösen.

    • Vor 7 Stunden

      "aber die Songs sind halt geil"

      Well...

    • Vor 6 Stunden

      Ja, reicht aus. Ist übrigens auch der einzige Grund, aus dem du Musik hörst: Geile Songs. Sich bei Metal über Gatekeeper echauffieren, aber du bist ja anscheinend selbst einer, wenn du es für nötig hälst.

      Ist auch immer das Gleiche: Kommt irgendein Act in den Mainstream, so kommen Horden von Keepern, die erklären müssen, dass das alles nicht ist oder andere Bands sowieso besser seien und die, die das abfeiern, Idioten sind. Wird das nicht irgendwann mal langweilig? Hat was von Rainer Winkler.

    • Vor 6 Stunden

      Beruhig dich. Ich hab nie was von Idioten gesagt. Und hier kommen auch keine Horden von Keepern an, Horden von irgendetwas haben die Kommentarspalten gar nicht zu bieten.

    • Vor 5 Stunden

      Im pedrolin'schen Kontext sei noch dezent an den genial platzierten Ausschlag der Kick-Drum verwiese(l)n...

    • Vor 5 Stunden

      @Schwingster

      Ich bin ganz ruhig. Henge sind natürlich auch gut.

  • Vor 5 Stunden

    Ich will schon gar nicht sagen, ob's ein verdienter oder ein unverdienter Hype ist, weil ein Hype immer nervt. Auch bei guten Acts.
    "Verdient" meinte ich damals noch bei Billie Eilish, aber spätestens der zweite Karrierefrühling von AURORA, der ja irgendwie auch eigentlich der erste war, brachte mich auf den Boden der Tatsachen. Weil die Aufmerksamkeit nun einmal wenig mit Wertschätzung zu tun hat.

    Ach ja, Angine de Poitrine: Natürlich gut. Geht auch spaßiger und ohne den Umstand, dass die Ästhetik unverhältnismäßig reizvoller ist, als die eigentliche Musik. Man kann nur hoffen, dass sie wissen, dass das jetzt trotzdem nicht Mainstream ist, und ihre Erwartungen an die eigene Zukunft dementsprechend realistisch halten. Aber davon würde ich ausgehen.