laut.de-Kritik

Das gehypte Duo lässt die Zahlen tanzen.

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Genau vor einem Monat, praktisch aus dem Nichts, ging plötzlich ein YouTube-Clip einer bis dahin unbekannten Band viral. Die kanadische Band Angine de Poitrine, vorher nur in der Musikszene von Quebec ein Thema, begeisterte im Sturm die Herzen der Musikfans. Das bis dahin am wenigsten vorhersehbare und deswegen schönste Moment im noch jungen Musikjahr 2026: Khn und Klek, die wie aus einem Horrormärchen entsprungen mit absurden Masken und Polka-Dot-Kostümen einen irrwitzigen Math-Rock spielten, begeistern bereits sieben Millionen Menschen. Sehr erstaunlich für ein Musikthema, dazu aus einem Nischenbereich.

Angine de Poitrine tauchen nun just in dem Moment auf, in dem "AI Slop" zu einer ernsthaften Bedrohung anwächst und Exzentrik immer mehr dem Businessplan weicht. Auf den schmalen Schultern der beiden liegt nun plötzlich die Hoffnung von Abermillionen Fans, die genau nach diesem Überraschungsmoment dürsten. Auch Kritiker müssen nun Neutralität wahren und dürfen nicht zu sehr Wunschgedanken nach dem "Next Big Thing" verfallen. In all der Masse an Mittelmäßigkeit und Dauerwiederholung wirkt eine spaßbringende Band, die auch noch tolle Musik macht, wie die Erfüllung jahrelanger Stoßgebete gen Musikgott. Die Angst, dass sich hinter dem Hype-Moment am Ende doch nur wenig Substanz verbirgt, wächst natürlich proportional.

"Fabienk" reicht schon aus, um all das hinter sich zu lassen und sich darüber zu freuen, wie unfassbar tanzbar verzwirbelter Math-Funk-Rock sein kann. Genau wie bei Primus ist handwerkliches Können nur eine Erweiterung, aber nicht das einzige Gimmick. Sicherlich toll, wenn Khn de Poitrine mikrotonale Musik - also die Intervalle zwischen den Halbtönen - auf einer dafür extra modulierten Doppehals-Gitarre verwendet und das zu einem individuellen Klangbild beiträgt, aber die Mehrheit hört bei "Fabienk" einfach nur ein tolles Groove-Monster und lässt sich weiter in die fabelhafte Welt zwischen den Tönen hinein ziehen.

Es trägt vielleicht zu einem noch tieferen Verständnis bei, wenn man zusätzlich noch mehr über mikrotonale Musik und Pioniere wie Iwan Wyschnegradsky erfahren möchte, aber es geht eben auch sehr gute ohne. Mathe- und Musiklehrer um den ganzen Globus haben uns mit ihrer trockenen Theorie alles zerstört, aber hier herrscht die Erlaubnis zur praktischen Erfahrung. Also bitte, lasst uns einfach zu Zahlen tanzen und nicht darüber nachdenken wie man die Wurzel aus π zieht. Hoffentlich halten sich auch alle bei den Konzerten daran, denn nichts nervt so sehr wie Typen, die dir während des ganzen Setlist ungefragt etwas von "kubistischer Phrasierung" oder "zappaesker Mehrbund-Erweiterung" ins Ohr labern.

Angine de Poitrine beschämen diesen Musik-Snobismus zum Glück, denn beide gaben sogar recht freimütig zu, wie wenig sie elitäres Musikstudenten-Gehabe mögen und durchaus Dance-Musik von Calvin Harris oder Dua Lipa hören. "Utzp", ein Titel, der nach herrlich verdrehter Fantasiesprache klingt, entsteht eindeutig mehr aus dem Bauch als aus dem Kopf. Queens of the Stone Age auf doppelter Geschwindigkeit beschreibt gut, was hier eigentlich passiert. Ja, sogar ein Moshpit wäre hier, wie bei "Yor Zarad", möglich.

Die beiden Songs treiben das verschobene Math-Prog-Prinzip komplett an das Maximum. Es braucht sicherlich ein großes Talent und Taktgefühl für solche Songs, aber "Vol. II" ist nie eine selbstgefällige Demonstration des eigenen Könnens. Die Kanadier vermitteln vor allem pure, fast kindliche Spielfreude und betreiben kein Gatekeeping. Das zweite Album ist vor allem ein großer Sprung nach vorne. "Vol. 1" war in erster Linie nur die Lust am Experiment, nun hat das Duo die Verbindung zur Tanzbarkeit hinbekommen. Auch eine Sache, die man noch ansprechen muss: das Konzept funktioniert vor allem über die Musik und nicht nur über die lustigen Kostüme.

"Vol. II" lotet wie die Geistesbrüder von King Gizzard & The Lizard Wizard aus, wie weit man das Klangfeld erforschen kann, um daraus tanzbare Groove-Spinnereien zu entwickeln. Angine de Poitrine haben in kürzester Zeit die Neugier von Menschen geweckt, die irritiert und gleichzeitig begeistert in den Kommentaren und Foren schreiben: "Ich habe absolut keine Ahnung, was hier passiert oder wie man das nennt, aber ich finde es großartig.".

Daher kommt ein Kritikpunkt an dem Album vielleicht überraschend: Es hätte bei aller herausgestellter Exzentrik ruhig noch verrückter sein dürfen. Gerade der Abschlusstrack "Angor" ist im Kern ein Led-Zeppelin-Track in der Tradition von "Whole Lotta Love". Da wäre noch mehr gegangen als ein okayer Jimmy-Page-Rip - und doch ist es nur ein valider Kritikpunkt. Angine de Poitrine haben die britischen Hard-Rock-Legenden mehr verstanden als die biederen Kopisten von Greta Van Fleet. Vielleicht hat Page den YouTube-Clip auch schon gesehen und grinst breit über das ganze Gesicht, mit welcher Liebe und intrinsischen Freude Khn und Klek ihre Instrumente durch die Looper-Maschine jagen.

Es bleibt natürlich abzuwarten, ob dieser Hype bis zu den bereits restlos ausverkauften Konzerten im Herbst noch trägt. Ansonsten hat gerade eine neue, interessante Rockband den Raum betreten - und das Schöne daran bleibt, dass endlich mal ein Großteil der Menschheit etwas davon mitbekommt. So gesehen ist "Vol. II" nicht nur eines der besten, sondern auch in seinem Massen-Appeal eines der wichtigsten Rock-Alben des Jahres.

Trackliste

  1. 1. Fabienk
  2. 2. Mata Zyklek
  3. 3. Sarniezz
  4. 4. Utzp
  5. 5. Yor Zarad
  6. 6. Angor

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