laut.de-Kritik
Der große Herzschmerz bleibt diesmal außen vor.
Review von Toni HennigAuf "Neon" hatte Philipp Poisel vor fünf Jahren bewiesen, dass er gerade dann besonders gut sein kann, wenn die große Geste außen vor bleibt. Leider bot die Platte jedoch größtenteils den ewig gleichen Herzschmerz und den immergleichen Piano- und Streicherschmonz, so dass er der Beliebigkeit von Deutschpop-Poeten wie Tim Bendzko wieder einmal zu nahe kam. Für "Gute Zeiten" schlug die Plattenfirma Grönland Records vor, etwas Neues zu probieren. So begab sich der in Ludwigsburg geborene Sänger nach Sizilien, um Inspiration für das Album zu suchen. Am Ende steht das wohl zuversichtlichste Werk des 43-Jährigen.
"Schön" behandelt die Leichtigkeit des Lebens und bietet einen bunten Strauß an gut gelaunten Klängen. Im alles andere als düsteren "Dämonen" versichert Poisel dann: "Alles wird gut". In "Ruinen" zeigt er, dass ein recht formidabler Song entstehen kann, wenn er seine brüchige und ehrliche Seite nach außen kehrt.
Das Titelstück tischt danach lyrische Allgemeinplätze in typischer Deutschpoeten-Manier auf. Doch die Melancholie im sehnsüchtigen Indie Rock-Track "Postkarte" und in der berührenden Ballade "Weltzeituhr", die von unerfüllter Sehnsucht handelt, jedoch nicht frei von Hoffnung bleibt, überzeugt durchaus. Nur die zwischenzeitlich eingestreuten Raps im letztgenannten Song hätten nicht sein müssen.
Schade, dass nicht jede Nummer so präzise das Gefühlszentrum erreicht. "10m²", ein Duett mit der Wiener Musikerin verifiziert, behandelt zwar mit recht eindringlichen, intimen Worten das gemeinsame Zusammenleben auf engstem Raum, bleibt aber vom Niveau eine Gisbert zu Knyphausen oder einer Dota Kehr noch weit entfernt. Dafür bewegen sich der Gesang und die Streicher zu sehr an der Grenze zum Pathetischen. Tracks wie "Party" und das mit 80er-Jahre-Sounds flirtende "Sekunde" besitzen die Flüchtigkeit eines TikTok-Reels, so dass man sie schnell wieder vergessen hat.
So hat man wieder einmal das Gefühl, dass viel Potential auf der Strecke bleibt. Gegen Ende zeigt "Hunde" mit reduzierten Akustikgitarrensounds und trockenen Drums Philipp Poisels mehr als passables Liedermacherpotential. Dabei hat der Track, der an die Wurzeln des Sängers als Straßenmusiker erinnert, etwas Rastloses, Umtriebiges, fängt aber auch das Gefühl ein, irgendwo anzukommen. Das leichtfüßige Zusammenspiel aus Musik und Worten bewegt sich in der Nummer geradezu auf gutem Keimzeit-Niveau und auch gesanglich kommt der Sänger Norbert Leisegang erstaunlich nahe.
Im Grunde genommen gilt aber auch wie beim letzten Album, dass es der Platte gut getan hätte, wenn sich Philipp Poisel mehr aus der eigenen Komfortzone gewagt hätte. Der große Herzschmerz bleibt zum Glück zwar außen vor. Mehr als Wohlfühlpop, der niemanden vor dem Kopf stößt, bekommt man größtenteils aber auch nicht geboten.


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"...the pestle with the poisel is the flagle with the chalice"