laut.de-Kritik

Lebenserfahrung in Popmusik übersetzt.

Review von

Manchmal kündigen sich große Momente nicht an. Hätte zum Beispiel jemand noch letztes Jahr gesagt, dass Slayyyter 2026 einen definitiven Pop-Moment landen wird, klänge das nicht besonders realistisch. Ihr Moment, einer von einer Handvoll r/popheads-Favoriten ohne wirkliche Hits zu sein, schien über den Lauf der Jahre eher zu verfließen. Der Tour-Support für Kesha in Ehren, doch bisher verlief Slayyyters Karriere eher im Rhythmus einer bescheuerten, viralen Single, die dann in einem verhältnismäßig unterwältigenden Album mündete.

Und jetzt? Jetzt steht sie mit einem quasi perfekten Electro-Pop-Album da. Wie konnte das passieren? In einem Interview spricht sie darüber, dass sie dieses Mal wesentlich weniger versucht habe, Hits zu machen. Und ganz ehrlich? Man spürt es. Tracks wie "Daddy AF" waren durchaus Banger, aber man hört ihnen diese bestimmte Verzweiflung an. Diese Verzweiflung, möglichst exorbitant und quotable auf eine Art zu sein, als würde man den großen, dunkelkammerigen TikTok-Algorithmus anbetteln, ein paar Krümel vom großen Clout-Kuchen vom Tisch fallen zu lassen.

"Wor$t Girl In America" fühlt sich wie ein viel kohärenteres musikalisches Statement an. Ursprünglich mal unter dem Arbeitstitel "iPod Music" gelaufen, ist es wie viele zeitgenössisch großartige Pop-Alben eine Studie der Popmusik. Konkret: Wir bekommen eine Aufarbeitung von Indie Sleaze, Electro-Clash und der Tumblr-Ära um 2010. Denkt Crystal Castles, SebastiAn oder Chromeo. Da ist viel französisches Club-Geballer mit Punk-Ethos in der Produktion. Und die Produktion hittet durch die Bank eine absolute zehn von zehn.

Aber da ist mehr: Wie "Brat" von Charli XCX vorgeführt hat, können Club-Banger eine wunderbare Fläche für überraschend komplexes emotionales Storytelling sein. Slayyyter geht weniger in den konkreten Storyteller-Bag, aber sie zeichnet trotzdem emotional wahnsinnig stimmige Bilder. Ein Beispiel wäre die Single "Old Technology". Da versteckt sie hinter der Party-Plattitüde "Tonight I wanna have fun" einen Track über den Moment des Rückfalls in die Drogensucht. Und sie erzählt das ganz bestimmt nicht als ein PSA. Sie erzählt es als etwas, das ebenso dämonisch und selbstzerstörerisch ist, wie es im Moment des Geschehens chaotisch und alluring ist.

Generell: "Wor$t Girl In America" klingt verdammt noch einmal fies. Slayyyter lehnt sich teilweise in absolutes Gebrüll, teilweise in apathisch-abwesende Highs. "Crank" peitscht die Sehnsucht nach Turn-up und Eskapismus fast in einen Wutausbruch hoch. "Yes Goddd" verzerrt in seiner überbordenden Intensität Gefühle. Rein textlich geht es hier wohl um Wut, aber in Sachen Vocal-Delivery gibt gerade der mehrmals wiederholte Tracktitel im Refrain eine quasi grenzüberschreitende Horny-Jam her.

Zentral scheint emotional der Track "Gas Station" zu sein: "I kept lookin' at my phone, I was hopin' you would call / Sayin' 'I'm sorry' that you're on your way back, no / Yеah, you left me all alone at the gas station" singt sie da. Das ist nicht die geschliffenste Lyrik aller Zeiten, aber sie verkauft diese Abandonment Issues, diese Angst und Verletztheit, bis ans Äußerste. Wenn danach der Drop über den gleitenden Beat brettert, hallt der Track lange nach. Mithalten kann da nur "Unknown Lover$", der sich wie die Rave-Version eines alten Lana Del Rey-Tracks anfühlt.

Man spürt "Wor$t Girl In America" schlicht die Ambition in jeder Pore. Wo alte Alben sich oft noch mit einem wacky Refrain und ein paar Gimmicks zufriedengegeben gaben, ist dieses Album so liebevoll detailliert und komplex. Die generelle Stimmung macht ebenfalls mehr her: Noch nie sind wir Slayyyter nähergekommen. War sie vorher noch mehr Meme und Persona, steckt hier zwischen aller Übertreibung und Intensität eine absolut echte Person mit einer echten Lebenserfahrung, die weiß, dass diese Lebenserfahrung durch nichts besser zu transportieren ist, als durch Popmusik.

Trackliste

  1. 1. Dance...
  2. 2. Beat Up Chanel$
  3. 3. Cannibalism!
  4. 4. Old Technology
  5. 5. Crank
  6. 6. Gas Station
  7. 7. Yes Goddd
  8. 8. Unknown Loverz
  9. 9. Old Fling$
  10. 10. I'm Actually Kinda Famous
  11. 11. $t.Loser
  12. 12. What Is It Like, To Be Liked?
  13. 13. *Prayer*
  14. 14. Brittany Murphy

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