laut.de-Kritik

The Kids are alright.

Review von

Die Kids in Belfast 1979 waren so gar nicht alright. Gefangen zwischen britischer Unterdrückung und IRA-Terror, gespalten zwischen Protestanten und Katholiken, wächst eine Generation aus Punkrock-Musikern mit Mauern, Zäunen und Gewalt auf. Doch echter Punkrock wählt keine Seite, er wählt Wut und Freiheit. "Their solutions are our problems / They put up the wall". Bereits die ersten Zeilen des Openers "Suspect Device" beschreiben die Auswirkungen der "Troubles" gerade auf die Generation der Heranwachsenden. Bis heute wiederholen sich diese Muster. Selbst Befürworter der strengen Corona-Maßnahmen gestehen ein, dass Klagen wie "They make us feel indebted / For saving us from hell / And then they put us through it / It's time the bastards fell" sich nicht nur gegen die Präsenz der britischen Armee, die die Menschen vor den Bombenanschlägen schützen sollen, richten könnten, sondern durchaus auf aktuelle und unzählige Situationen in der Weltgeschichte.

Denn: Punkrock war schon immer eine rebellische Jugendkultur gegen Verbote und die Enge der Gesellschaft, immer mehr Parole und Weckruf als sinnvolle Lösung - und die vier 20-jährigen Nordiren der Stiff Little Fingers schreien diesen Weckruf mit einer solchen Wucht, Intensität und Catchyness heraus, als ob Punk doch kein Irokesen-Gimmick wäre, zu dem es nach dem Ende der Sex Pistols und der musikalischen Entwicklung von The Clash und Co zu verkommen drohte. Doch die Band lässt an der Ernsthaftigkeit ihrer Situation und ihrer Sicht keinen Zweifel. Jake Burns' knarzig-gepresste aber trotzdem kraftvolle Stimme drückt die Zeilen von "Suspect Device" wie ein Derwisch über den treibenden Bass von Ali McMordie und die schreddernden Riffs von Jake selbst und Kumpel Henry Cluney.

Ein unterschätzter Track auf "Inflammable Material" ist musikalisch wie textlich "Wasted Life". Musikalisch führt der Track zuerst mit straightem, noisigem Punk auf eine falsche Fährte, um im Refrain einen Gang-Shouter par excellence hinzulegen. Klarer als zuvor positionieren sich Stiff Little Fingers hier gegen die Vereinnahmung von beiden Seiten, Anhängern der Union und Anhängern eines unabhängigen Nordirlands. "I could be a hero / Live and die for their 'important' cause / A united nation / Or an independent state with laws / And rules and regulations / That merely cause disturbances and wars". Aber Jake will beides nicht, will sein Leben nicht wegwerfen. Es ist ein Manifest gegen Gewalt und gegen das Töten, getragen von echten Erfahrungen sowie getöteten Freunden und Familienmitgliedern.

Jeder Track fühlt sich an, als stünde man direkt neben den jungen Nordiren im Spaceward Studio in London. Das hat seinen Grund, wie Burns später erzählt: "Die Aufnahme ging sehr schnell. Wie ich schon sagte, hatten wir nicht viel Erfahrung mit Studios und so weiter, also haben wir uns einfach aufgebaut, als würden wir einen Live-Gig spielen, und einfach losgelegt." Wie bei vielen modernen Klassikern der Musikgeschichte spielt nicht nur das Formulieren einer grundsätzlichen Stimmung eine entscheidende Rolle, es ist auch die musikalische Nahbarkeit und Glaubwürdigkeit, die ein hochpolierter Sound eben nicht mehr bieten würde.

Dabei gab es gerade in Sachen Glaubwürdigkeit lange Stress in der Szene. So sind unter anderem jene Zeilen von "Suspect Device" vorrangig vom Journalisten und Band-Manager Gordon Ogilvie geschrieben worden. Ein Affront in der DIY-Gemeinschaft. Zudem monierten Kollegen, dass die Fingers die Situation in Belfast für ihren Erfolg nur ausnutzen würden - und der war für "Inflammable Material" in der Tat umwerfend. Das Album eroberte als erster Indie-Release die UK Top 20 und legte so den Grundstein für die Indie-Bewegung in Großbritannien.

Nicht nur der Opener, sondern das ganze Debüt sprüht vor elektrisierenden Riffs, mitreißenden Refrains, die alle mitgrölen können. Wut und Melancholie, wie sie guter Pop immer braucht, vereinen sich mit den tanzbaren Beats zu einem Licht am Ende des Tunnels. "So please don't just sit there / Let's try to break out / From all the hatred / Suspicion and doubt" fordert Jack zum Beispiel auf "State Of Emergency", während die Gitarren und Drums hart nach vorne preschen.

Gegensätze ziehen sich an und so wird der Schrei zur Hoffnung aus "State Of Emergency" zur fast depressiven Anklage in "Here We Are Nowhere". "Is it a crime to be young? / 'Cause every time we have some fun / They put us down and tell us that we're wrong / Every time, they sing the same old song". Der Song fliegt dagegen fast fröhlich im Ska-Mood über die Tanzflächen und offenbart zum ersten Mal Burns Liebe für die Pop-Musik: "I've always been a sucker for a good pop hook." Neben The Clash oder The Ramones zählt Burns hier Elvis Costello, Roxy Music, The Who und die Hardrocker Montrose zu seinen Einflüssen. Noch tiefer im Pop swingt "Barbed Wire Love" und diggt tief im Mods-Sound der 60er - zum Schluss gar mit Handclaps.

"White Noise" ist dagegen ein lupenreiner Punk-Song, Jake rappt fast und das Bass-Spiel gehört zum besten, was es im Punk jemals gab. Wer schon immer mal wissen wollte, woher die früheren Slime ihre Einflüsse nahmen, "White Noise" is the place to dig. Die nächsten drei Tracks "Breakout", "Law And Order" und "Rough Trade" halten das Niveau locker und bereiten auf das große Finale vor.

Dieses beginnt mit dem Bob Marley-Cover "Johnny Was", das zu einer der besten Cover-Versionen aller Zeiten zählt. Burns und Co adaptieren daraus nicht einfach einen naheliegenden Reggae- oder Ska-Tune, sondern symbolisieren die Kämpfe und Militärs vor ihrer Haustür mit einem marschierenden Snare-Wirbel, während sich die beiden Gitarristen wie die Katholiken und Protestanten duellieren. Man kann erahnen, warum die Stiff Little Fingers als Deep Purple-Coverband begannen. "Alternative Ulster", die SLF-Hymne schlechthin, schließt das Album ab (Sorry "Closed Groove", aber du bist nur ein Füller).

Ist "Suspect Device" nun die kleine oder die große Schwester von "Alternative Ulster"? Man weiß es nicht. Über ein mitreißendes Riff legt Jake Burns eine Vision für die geschundene Belfaster Provinz dar. "Is an Alternativ Ulster / Grab it and change it - it's yours!". Leute, ihr habt es selbst in der Hand. Lasst euch nicht gegeneinander ausspielen! "And they say they're a part of you / And that's not true, you know / They say they've got control of you / And that's a lie, you know / They say you will never be free."

Stiff Little Fingers spielten den Ruf nach Freiheit 1979 direkt in die Herzen der Menschen. Dank Punkrock, dank Subkultur konnte eine Generation doch sagen: The Kids are alright.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Suspect Device
  2. 2. State Of Emergency
  3. 3. Here We Are Nowhere
  4. 4. Wasted Life
  5. 5. No More Of That
  6. 6. Barbed Wire Love
  7. 7. White Noise
  8. 8. Breakout
  9. 9. Law & Order
  10. 10. Rough Trade
  11. 11. Johnny Was
  12. 12. Alternative Ulster
  13. 13. Closed Groove

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