laut.de-Kritik
Was für Musik sie machen? Dies, das, verschiedene Dinge.
Review von Yannik GölzEs ist überhaupt nicht schwer, bei den Stray Kids reinzukommen. Von allen Boybands da draußen haben sie wahrscheinlich die stringenteste musikalische Identität, nämlich: Was sie machen, geht frontal in die Fresse. Von "Miroh" über "God's Menu" bis in die Gegenwart haben sie einen beachtlichen Track Record für Banger, die ihren Sweet Spot zwischen Rap und EDM sehr genau verstehen.
Nun ist ihr neues Album "This & That" draußen - übrigens ihr neuntes in diesem Jahrzehnt, das auf die eins geht, da hält nur Taylor Swift mit. Und doch schlägt hier einmal mehr der K-Pop-Fluch an: Das Album fängt genau so an, wie man es erwartet. Und dann kommen die B-Seiten direkt vom großen Wühltisch.
Aber wie es anfängt! "Run It" hat dankbarerweise nichts mit dem gleichnamigen Chris Brown-Song zu tun, sondern denkt offensichtlich an die Liveshow. Mit Blechbläsern, die ein bisschen an "Thunderous" erinnern, und einem schönen Aufbau ist das eine Rampe von einem Intro, wie man es sich wünscht. "Oh, running everywhere all around the world" dröhnt die Hook, geschrieben fürs Stadion.
Das geht dann standesgemäß in den Titeltrack über. Und "This & That" ist nicht das Eingängigste, was die Crew je gemacht hat, aber es erfüllt den Zweck. Es ist perkussiver, etwas aufgeräumter als ein paar jüngere Tracks. Man möchte fast meinen, hier wurde ein bisschen Timbaland gehört, auch wenn es an seine rhythmische Effizienz nicht ganz herankommt. Trotzdem: Die Hook ist stabil, der "Vroom Vroom"-Part komm gut.
Und dann? ...
Ja, dann. Auf "Farming" gibt es noch ein leichtes Echo von diesen Timbaland-Experimenten, die sich im Titeltrack abzeichnen, aber der Song klingt zu glatt, zu sehr nach DAW-Programm, um richtigen Bounce zu entwickeln. Die überproduzierten Rap-Parts laden auch nicht zum Kopfnicken ein. Und trotzdem ist "Farming" der letzte Track, der immerhin noch ein bisschen nach Stray Kids klingt.
Der Rest dieses Albums, man muss es so hart sagen, ist reiner Slop. Es ist die Sorte Slop, den K-Pop-Gruppen so gerne in ihre Albumtracks panschen. Weil der nicht teuer zu produzieren ist und ihre Fans eh so wenig Musik außerhalb des Genres (oder zumeist gar der eigenen Gruppe) hören, dass das kleinste bisschen Sound eines anderes Genres, egal wie langweilig und generisch auch ausgeführt, schon als Allheiligtum der Vielseitigkeit gelesen wird.
"After You" jagt den zehn Jahre zurecht vergessenen Mainstream-EDM-Sound von 2015 und klingt, als würde irgendein Atze in seinem Zimmer verzweifelt versuchen, der nächste nach den Chainsmokers zu sein. "Way Out" und "Back Then" sind formlose, kantenlose Stangenwarenmusik für die Café-Playlist. Beide klingen wie die Aufwärm-Übung am Morgen des Songwritercamps, um einmal zueinanderzufinden und warm zu werden.
Das Album endet mit einer überkandidelten "Festival Version" von "This & That", die wirklich jedem noch so ulkigen Maximalismus frönt. Es klingt ein bisschen bescheuert, aber gleichzeitig will ich auch nicht abstreiten, dass das im Rahmen einer großen Show mit geiler Anlage und Feuerwerk funktionieren könnte. Wichtiger ist aber: Dem Track hört man am Ende immerhin noch mal an, dass wir hier gerade Stray Kids hören. Die B-Seiten scheinen das zwischendurch selber vergessen zu haben.


Noch keine Kommentare