laut.de-Biographie
Sun Ra
Sun Ra hat zwar selbst Mythen heraufbeschworen, dass er im alten Ägypten mit den Pharaonen unterwegs gewesen sein soll oder dass er gar nicht tot sei, sondern nur auf seinem Heimatplaneten Saturn verweilt, um im Jahr 2222 wieder auf die Erde zurückzukehren. Jedoch sagen die Geburts- und Sterbeurkunden etwas anderes. Der Musiker kommt unter dem bürgerlichen Namen Herman Poole Blount am 22. Mai 1914 in Birmingham, Alabama in den USA auf die Welt.
Er stammt aus relativ einfachen Verhältnissen. Sein Vater war bei der Bahn beschäftigt, seine Mutter hilft im Bahnhofsrestaurant aus. Trotzdem dürfte seine Umgebung sehr dazu beigetragen haben, Freiheit in den weiten Sphären des Alls zu suchen. Schwarze dürften Geschäfte nur im Downtown-Viertel betreiben, vom Ku-Klux-Klan umgeben. Selbst in den 60er-Jahren prägt der Rassismus die Heimatstadt des US-Amerikaners. 1963 setzt George Wallace, der Gouverneur von Alabama, die Nationalgarde ein, um schwarzen Kindern den Zutritt zu weißen Schulen zu verwehren.
1942 kommt Blount wegen Kriegsdienstverweigerung in Haft. Viele spekulieren, dass der Gefängnisaufenthalt ihn so schwer traumatisiert haben soll, dass er sich noch mehr von der Welt abgewendet haben soll, um auf dem Saturn den alltäglichen Rassismus zu entfliehen. 1952 legt er seinen Geburtsnamen ab und gibt sich den Künstlernamen Sun Ra. Das Ra steht für den Sonnengott des alten Ägyptens, dem Schöpfergott und Schutzherren der Pharaonen.
Danach leitet Sun Ra eine Art eigenes Orchester, das Arkestra, dem sich im Laufe der Zeit Musiker wie John Gilmore oder Marshall Allen anschließen. Skurrile Bühnenauftritte und -outfits sowie bizarre astrologische Philosophien prägten das inhaltliche Konzept. Mittlerweile zählt der Musiker zum Vorreiter des Afrofuturismus und findet auch in der LGBTQ-Community Anhänger. Politische Botschaften oder seine eigene Homosexualität, von der die Menschheit erst nach seinem Ableben erfährt, hat er aber nie in den Vordergrund gestellt. Lieber hat er die Musik für sich sprechen lassen. Queere Ästhetik, homoerotische Untertöne und Konzepte von Geschlechtslosigkeit erkennt man in seinem künstlerischen Werk trotzdem.
Im Großen und Ganzen lässt sich der musikalische Werdegang des US-Amerikaners in drei verschiedene Phasen unterteilen. Dabei hat er nie, wie etwa Ornette Coleman, ein ganzes Jazz-Genre erfunden. Dafür hat er die Musik in spacige und intergalaktische Sphären gehievt, die davor so gut wie kaum ein anderer Musiker beschritten hatte. Außerdem lebt sie trotz aller Experimentierfreude von sehr viel Groove und Lässigkeit. Bis heute bleibt das Werk Sun Ras aufgrund des hohen Veröffentlichungsaufkommens und weil viele Arbeiten im Selbstverlag oder in kleinen Auflagen bei obskuren Labels erscheinen, schwer zu katalogisieren.
Der Sound des US-Amerikaners entwickelt sich in den 50er-Jahren aus dem Big Band-Swing, mit dem er das Jahrzehnt zuvor auch seine Karriere begonnen hatte, nachdem er sich in Chicago niedergelassen hatte. Damals hat Sun Ra mit Wynonie Harris zusammengearbeitet. Zudem hat er sein Geld auch durch Aufträge verdient, die er von Red Saunders bekommen hatte, zum Beispiel als Arrangeur im Chicagoer Club DeLisa, dessen Resident-Band unter Leitung von Saunders gestanden hat. Sein typischer, von Weltraumthemen durchzogener Cosmic-Jazz-Sound hat sich in einer Art Neuerfindung herausgebildet. Einige seiner ikonischsten Platten wie "Interstellar Low Ways", "Angels And Demons At Play" oder "Jazz In Silhouette" entstehen in den 50ern, kommen aber zum Teil erst in den 60ern auf den Markt.
Schon damals besitzt der Musiker einen Hang zu sonderbaren Kostümen und Kopfschmuck im ägyptischen Stil. Schon deswegen stößt er bei Jazzkritikern auf Ablehnung. Außerdem bildet sich zu der Zeit schon das inhaltliche Konzept stark heraus, das vor allem von Bewusstsein und Frieden handelt. Über Rassismus hat sich Sun Ra zwar nicht oft geäußert, ihn aber dennoch klar verurteilt. Mit seinen Mitmusikern lebt er auf Tournee wie in einer Art Sekte zusammen.
Chaotischer und experimenteller gestalten sich die 60er-Jahre nach seinem Umzug nach New York. Den Höhepunkt seiner Popularität erreicht er mit dem Aufkommen der Beat-Generation und und der Psychedelic-Rock-Szene. Trotzdem erweisen sich die Alben zu der Zeit als äußerst unzugänglich. Zu den bekanntesten zählen "The Magic City", "When Sun Comes Out" und "Other Planes Of There".
Nach einem weiteren Umzug nach Philadelphia Ende der 60er-Jahre beschäftigt sich der US-Amerikaner ausgiebig mit Synthesizern. Von Robert Moog leiht er sich den Minimoog, den er erstmalig auf Alben wie "My Brother The Wind" und "Space Probe" einsetzt. In den 70ern driftet die Musik zwar in konventionellere Bahnen, bleibt aber trotzdem im hohen Maße eklektisch und energiegeladen. Seine ambitionierten Konzepte verliert Sun Ra dabei nicht aus den Augen.
Eines seiner besten Werke entsteht, als er sich wieder ganz woanders niedergelassen hatte, nämlich in Kalifornien, als gleichnamiges experimentelles Jazz-Album für einen psychedelischen Film namens "Space Is The Place", bei dem er auch selbst stark seiner Finger im Spiel hat. Technisch gesehen vereinigen sich auf der Platte, die 1973 erscheint, die letzten Reste seiner Chicago-Bebop-Sozialisierung mit einem ideologischen Kind des New Things, Free Jazz-Improvisationswände treffen auf John Coltranes Spiritual Jazz-Kosmologie.
Obwohl Sun Ra und das Arkestra die Platten in verschiedenen Studios in den USA aufnehmen, bleibt Philadelphia stets der Ort, den sie bis Ras Tod ihr zu Hause nennen. Das Freejazzige weicht Ende der 70er mehr Fusion-lastigen Klängen, ohne das Avantgardistische völlig abzustreifen. Bei Konzerten interpretieren die Musiker von nun an auch mehr Jazz-Standards. Bemerkenswerte Alben wie "Lanquidity", "Sleeping Beauty" und "Strange Celestial Road" entstehen weiterhin.
In den 80er-Jahren findet der US-Amerikaner zunehmend Gefallen an Walt Disney und beginnt Schnipsel aus Disneys Filmen in seine Musik mit einzubeziehen. Ende des Jahrzehnts gibt das Arkestra ein Konzert in der Walt Disney World in der Nähe von Orlando in Florida.
1990 erleidet Sun Ra einen Schlaganfall. Obwohl er im Rollstuhl sitzt und nicht mehr singen kann, leitet er das Arkestra weiter und wirkt weiterhin auf Tour als Keyboarder mit. Nach einem zweiten Schlaganfall 1992 ändert sich dies. Seit 30. Mai 1993 verweilt Sun Ra laut seiner Version nach einer Lungenentzündung auf dem Saturn. Man setzt ihn in seiner Geburtsstadt bei, wo er auch seine Augen für immer geschlossen hatte.
Das Arkestra besteht bis heute weiter, zuerst unter der Führung von John Gilmore, der den Planeten 1995 verlässt. Danach übernimmt Marshall Allen, der das Arkestra bis heute als ältester aktiver Jazzmusiker leitet.
Ab den 90er-Jahren erscheint posthum auf dem Evidence-Label eine großangelegte CD-Reissue-Serie sowie später Vinyl-Wiederveröffentlichungen von frühen Sun Ra-Alben. Nicht nur musikalisch, sondern auch ästhetisch hat der US-Amerikaner Musiker aus unterschiedlichsten Genres beeinflusst. Die afrofuturistische Ästhetik findet bei Künstlern wie dem Techno-Kollektiv Underground Resistance oder Jimi Tenor besonderen Anklang. Die Londoner Jazz-Szene um Shabaka Hutchings, der selbst mit dem Arkestra zusammengearbeitet hat, verbindet den Sound des US-Amerikaners mit der Moderne. Auch wenn Sun Ra, anstatt Unsterblichkeit auf dem Saturn zu finden, tatsächlich nicht mehr unter uns weilen sollte, lebt seine Musik weiter.


Noch keine Kommentare