laut.de-Kritik

Das Kollektiv greift zu den Sternen.

Review von

The Ocean haben sich auf ihren bisherigen Alben durch die Erdgeschichte gewühlt und mit "Holocene" vor drei Jahren das jetzige Zeitalter, das Holozän, erreicht. Längere Zeit war die Zukunft des Kollektivs ungewiss. Laut Gitarrist und Songwriter Robin Staps führte jedoch eine Reihe von "glücklichen Zufällen" dazu, dass die Post-Metallern weitergeht. Für "Solaris", das zusammen mit Produzent Jens Bogren in den berühmten Berliner Hansa Studios entstand und nun erscheint, änderte er die Besetzung von Grund auf neu, nur Bassist Mattias Hägerstrand und Drummer Jordi Farré, der erst letztes Jahr zum Line-Up stieß, blieben den in Celle geborenen Musiker treu.

Zu The Ocean gesellten sich Enrico Tiberi von Dark Side Bright Side und Lane Shi alias Otay:Onii am Mikro, ehemals Elizabeth Colour Wheel, sowie Emmanuel Jessua von Hypno5e und Marco Gennaro an den Gitarren. Tiberi übernimmt auch einen Teil der Keyboards, wobei Orestis Zafiriou von Playgrounded und Thorsten Quaeschning von Tangerine Dream als Gäste weitere Elektroniksounds liefern. Selbst Peter Voigtmann, der 2023 ausstieg, hört man in "Light Pollution" an den Tasten, da die Synthesizereröffnung noch aus seiner Feder stammt. Simen Eifring an der Posaune und Jiawei Zhang am Vibraphon komplettieren die Gästeliste.

Der Albumtitel "Solaris" spielt auf den gleichnamigen Film von 1972 von Andrei Tarkowski an. Jedoch nehmen The Ocean den Streifen als Ausgangspunkt, um daraus eine eigene Geschichte zu spinnen, in der die Menschen die ausgezehrte Erde verlassen, um sich auf die Reise zu einem neuen, bewohnbaren Planeten zu machen, ergänzt um Erfahrungsberichte historischer Seefahrer wie Vasco da Gama oder Ferdinand Magellan. Das Kollektiv greift also sozusagen zu den Sternen. Dabei steht keine Heldengeschichte im Vordergrund, sondern die Frage, was passiert, wenn menschlicher Erkundungsdrang in Egoismus und Machtstreben umschlägt, so dass sich die Scheibe auch auf jetzige Entwicklungen übertragen lässt.

Ausgangspunkt der Reise bilden der Berliner Studio- und Proberaum The Oceans, für den die Koordinaten "52°30'11"N, 13°26'12"E" stehen. Musikalisch erweist sich der Track als akustisch geprägte und luftige Einleitung, die sich nach und nach in die Höhe schraubt und nahtlos in das nächste Stück, "Departure Song", übergeht, das progressive Spielereien an den Saiten und fast soulig anmutende Duett-Gesänge Tiberis und Lane Shis erfolgreich unter einen Hut bringt, ohne die postmetallische Basis komplett aufzugeben.

"Light Pollution" lebt vom Kontrast aus proggigen Riffs, zum Teil weltmusikalisch geprägten Klarvocals und Keyboards in den Strophen, wobei mit Hammond- oder Fender Rhodes-Klängen auch psychedelische Einflüsse ins Spiel kommen, sowie harten, treibenden Tönen im Chorus, sofern man bei den Songs überhaupt von einem klassischen Strophe-Refrain-Strophe-Refrain-Schema sprechen kann. Auch beweist Tiberi in der Nummer, welche Qualitäten er als Shouter besitzt.

Letzten Endes stehen Metal, Elektronik und Prog nicht mehr wie früher nebeneinander, sondern verschmelzen immer mehr zu einer gemeinsamen Einheit, wie auch "Simulacra" beweist, das zwar eher durch erzählerische denn musikalische Spannung glänzt, jedoch auch über dramatische Duettpassagen sowie einem harten Gewaltausbruch und ethnoartige Trommelsounds gegen Ende verfügt, so dass man hier und da kurz aufhorcht. Gut, dass es mit dem "Belligerence" auch gleich in die Vollen geht und sich Tiberi genüsslich die Seele aus dem Leib schreien kann. Jedoch zeigt Otay:Onii in dem Stück eindrucksvoll, dass sie für den Posten als Shouterin sogar die bessere Wahl gewesen wäre, denn mehr Alptraumhaftigkeit könnte der etwas zu clean und zu professionell anmutenden Musik The Oceans mal wieder ganz gut tun.

Im rifflastigen und mit spaciger Elektronik unterfütterten "Ultima Esperanza" stellt sie den Emotions- und Gewaltausbrüchen Tiberis immer wieder Janis Joplin-artige, theatralische Gesangskontraste entgegen. In "Milk Of My Dream" drückt Thorsten Quaeschning The Ocean mit seinen trancigen Klängen seinen ganz eigenen Stempel auf, so dass sich der Sound in Richtung Tanzbarkeit verschiebt. Die verfremdete männlichen Vocals und die Stimme Otay:Oniis entfalten dabei schon recht rituelle Qualitäten.

"51°28'30"S, 73°6'11"W", das an die Stelle nach Chile führt, wo der spanische Seefahrer Juan Ladrillero im 16. Jahrhundert dachte, einen Zugang zur Magellanstraße gefunden zu haben, knüpft nahtlos an diese rhythmische Ausrichtung an. Mit Vibraphonklängen endet der Track auf fast schon friedfertige, zärtliche Art und Weise, so dass sich der Kreis zum Beginn schließt.

The Ocean entwickeln zwar auf "Solaris" ihren Kosmos gelungen weiter, ohne ihre harten Wurzeln zu vernachlässigen. Am Ende seiner Reise scheint das Kollektiv aber noch nicht angelangt zu sein. Es bleibt nämlich abzuwarten, welchen Einfluss Lane Shi auf die Musik nimmt. Mit Elizabeth Colour Wheel hat sie schließlich in der Vergangenheit bewiesen, dass sie stimmlich noch variabler agieren kann als auf dieser Platte. Und auch wäre es interessant zu hören, ob die tanzbaren Einflüsse Thorsten Quaeschnings auf späteren Alben noch größere Spuren hinterlassen.

Trackliste

  1. 1. 52°30'11"N, 13°26'12"E
  2. 2. Departure Song
  3. 3. Light Pollution
  4. 4. Simulacra
  5. 5. Belligerence
  6. 6. Ultima Esperanza
  7. 7. Milk Of My Dream
  8. 8. 51°28'30"S, 73°6'11"W

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