laut.de-Kritik
Minimalistisch, versaut und interessant.
Review von Franz MauererEure elektronische Lieblingskolumne warf schon vorab einen Blick auf Tigas neues Album "Hotlife". Nun ist das heiße, vital pulsierende Stück raus.
Wenn ihr in den Nuller-Jahren bewusst lebendig wart, habt ihr die Beats dieses Mannes mit Sicherheit um die Ohren gehauen bekommen, ganz abgesehen von seinen etlichen supererfolgreichen Remixes. Sein erst drittes und letztes Soloalbum "No Fantasy Required" erschien 2016. Es ist überaus interessant, welche vier Featurepartner es auf die Scheibe dieses Vielvernetzten schafften: Ridha, Fcukers, MRD ("August Memories" hören!) und Maara. Alle zurecht hochgelobt, in völlig unterschiedlichen Stadien ihrer Karriere und allesamt mit Bumms nach vorne. Das alte Schlachtross Matthew Dear muss man sogar noch dazunehmen, er schrieb den Closer mit.
Die Messlatte von "Hotlife" ist also hoch, dazu trug die Bumshymnenvorabsingle "Hot Wife" mit Boys Noize maßgeblich bei. In ihrem schlichten Gewand versteckte sich ein veritabler Banger, wie es sich für Tiga gehört mit Mainstream-Appeal, und vor allem das Ende des Tracks wird hoffentlich noch dutzendfach gesamplet werden. Die guilty pleasures sind das seine, geredet wird eh nur vom Schnackseln. Geredet wird viel und das wird nicht jedem gefallen. Tigas völlig auswechselbare Stimme singt nicht, und wenn sie sprechrappt, dann grausam schlecht (das ungelenke "High Rollers", das nervige "Lollipop"). Irgendwie hat es aber seinen Charme, wenn Tigas Sachbearbeiterstimme eine Selbstermächtigungshymne wie "Iamwhatiam" vorträgt, als würde er Wartenummern im Landratsamt aufrufen. Es hilft, dass der Track Nichtnicken quasi unmöglich macht.
"Silk Scarf" ist eine ganz sichere Bank, Shanny Wise wird bravourös eingearbeitet in das laszive Stück samt typischen Tiga-Synthies, die jaulend abstürzen wie Feuerwerk mit falsch bepackter Sprengkammer. "Sexless Pornographic Losers" ergibt das perfekte Amalgam aus Tiga und der schrillen, explosiveren Maara. Die Menge an Dingen, die Tiga richtig macht, fällt in dieser ganzen coolen Routine manchmal gar nicht auf. Am besten illustriert sie die stets sitzenden Percussion-Beats, "All In" macht körperlich spürbar Tanzlaune. So gerät das "Hu-HA" von "Friction" nicht ansatzweise so onkelhaft anbiedernd, wie es das eigentlich sollte. Vom ganzen Bewegen hat man gar nicht Zeit, sich zu fragen, wie simpel die ganze Chose aufgebaut ist. "I Know A Place" – huh, und schon tanzt man dem alten Herren hinterher wie die Ratten von Hameln.
"Need You Tonight" covert INXS; von einem der erfolgreichsten Remixer unserer Zeit mit Hang zum Pop erwartet natürlich die unsterbliche Bassline des Songs um die Ohren gewatscht, bis die Schwarte kracht. Das Gegenteil passiert: Tiga sucht sich eine kaum erkennbare Bassrolle und lässt den Refrain gänzlich links liegen. Funktioniert aber, weil er immer dann ein wenig aufmacht, wenn Monotonie einzukehren droht in die immerhin fünfeinhalb Minuten. Gefühlt wäre hier aber Raum für Ekstase gewesen. "Cherry" fehlt es an der Coolness, die der große Rest vom Album hat und bleibt im Vorraum zum Club gefangen.
"I Am Your Detroit Sunrise" enthält den Ausbruch auch vor, insgesamt ist "Hotlife" für ein so thematisch und im Feel hedonistisches Album bemerkenswert knochentrocken. Die Liebeserklärung an die Stadt im Norden der USA hört sich so an, wie sich Musik aus Detroit anzuhören hat, und das auf hohem Niveau. Der Track samt Flötensatyrpart schielt eher Richtung Kunst auf diesem seltsamen, fordernden, insgesamt trotz aller Schwächen tollen Partyalbum. Das beschließt stilecht der oben angesprochene Dear-Track "Ecstasy Sourrounds Me", der bitte unbedingt statikbedenklich laut genossen werden muss. Was für ein seltsames, verqueres Stück Dance-Pop-Electroclash. Albumhighlight.


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