laut.de-Kritik

Ein Gitarrenheld auf Abwegen.

Review von

Tom Morello weiß, dass er sich mit seinen Rage-Alben einen Freibrief bis in alle Ewigkeit verdient hat. Leider nutzt er ihn seit jeher aus. So sehr, dass er manchmal zu vergessen scheint, dass er einmal einer der prägendsten Gitarristen seiner Generation war. Was die letzten "Underground"-Alben musikalisch geboten haben, manifestierte sich schon optisch in deren unterirdischen Covers. "Everyone Gets Everything They Want" sieht dagegen noch vergleichsweise glimpflich aus.

Musikalisch kann man das leider nicht behaupten. Natürlich macht Morello seinem politischen Aktivismus auch diesmal alle Ehre. Rückgrat, Haltung und Botschaften sind zweifellos vorhanden. Nur lassen sich damit allein eben noch keine guten Alben schreiben.

Nach einem kurzen Intro startet der Titeltrack mit einem halbgaren Gitarrenriff, das nur schwerfällig an Morellos große Zeiten erinnert. Dann setzt sein Sprechgesang ein. Gesangstalent war ohnehin nie seine größte Stärke, und auch 2026 hat sich daran nichts geändert. Die Hook klingt derart platt-rockig, dass selbst das metallische Riff nichts mehr retten kann. Der Song wirkt weniger wie eine bewusste stilistische Entscheidung als wie die Idee eines Musikers, der nicht recht weiß, wohin mit seinen eigenen Stärken.

Auf den vergangenen Alben hat Morello bereits ein bemerkenswertes Talent dafür bewiesen, prominente Musiker in fragwürdige Stücke zu locken. Auch darauf verzichtet er diesmal nicht. Auf "Adjourn It" sind Serj Tankian und Morellos Sohn Roman mit von der Partie. Hörbar ist das durchaus, nur klingen die typisch gedämpften Morello-Riffs erneut erstaunlich kraftlos. Tankian bekommt zudem so wenig Raum und bleibt derart zahm, dass seine Beteiligung mehr wie eine Fußnote wirkt. Morellos eigener Gesang tut dem Stück ebenfalls keinen Gefallen.

"I Am Not Yours To Command" versucht sich als Piano-Ballade und erinnert an die ruhigeren "One Man Revolution"-Momente. Nur eben in schlechter. Als Protest-Folk mag das auf dem Papier funktionieren, musikalisch bleibt davon wenig hängen. Der Song plätschert vor sich hin, ohne irgendwann einen Grund zu liefern, warum man ihn noch einmal hören sollte.

"Soldier In The Army Of Love" setzt der Belanglosigkeit schließlich die Krone auf. Tom und Roman Morello präsentieren einen Song, der selbst in seinen stärksten Momenten schwach daherkommt. Morellos Sprechgesang klingt hier eher nach Parodie, während die ständig wiederholte Hook so künstlich wirkt, dass man sich eher in einem KI-generierten Werbespot als auf einem Tom Morello-Album wähnt.

Morello war schon vor der politischen Kontroverse um Kneecap großer Fan der Gruppe und bezeichnete sie als RATM der Gegenwart. Zumindest diese Zuneigung hört man "Unconquered" an. Der Song gehört zu den besseren Stücken der Platte, was allerdings mehr über das restliche Material als über ihn aussagt. Morello bleibt hier erfreulicherweise an der Gitarre. Heraus kommt ein Punk-Rap-Track mit elektronischen Elementen, der stilistisch tatsächlich einmal neue Wege einschlägt und dadurch zumindest Bewegung in die Platte bringt.

Danach fällt "Date Night" wieder in rockigere Gefilde zurück, ohne daraus irgendeinen Mehrwert zu ziehen. "The Last Rung On The Ladder" wiederum führt zurück in jenen Protest-Folk, den Morello offensichtlich nicht müde wird, zu bemühen. Beides sind Songs, die eine Haltung transportieren mögen, musikalisch aber kaum etwas zu erzählen haben.

"Everything Burns" mit Beartooth ist schließlich ein totproduzierter Brocken. Kein Biss, keine Wut, keine Energie. Gerade bei einer Kollaboration dieser Art wäre das Gegenteil zu erwarten gewesen. Wo Morello eigentlich musikalischen Aktivismus liefern könnte, bleibt vor allem eine sterile Oberflächlichkeit.

"Pretend You Remember Me" besitzt immerhin eine Melodie, die tatsächlich im Kopf hängen bleibt. Ansonsten handelt es sich erneut um ein Softrock-Stück ohne nennenswertes Herausstellungsmerkmal. "Untethered" ist dann der wohl langweiligste Track der Platte, bevor "They Can't Kill Us All" das Album noch einmal folkig ausklingen lässt.

Was bleibt, ist ein Album, das stellenweise einen sehr schlechten Johnny Cash imitiert, unvermittelt elektronische Elemente einstreut, gelegentlich halbgare Rage-Gitarren auspackt und trotzdem fast durchgehend zu brav rockig bleibt. In den lauteren Momenten erinnert der Vibe mitunter an "Chinese Democracy", nur ohne dessen überbordenden Größenwahn, der wenigstens noch unterhalten konnte.

Das eigentliche Problem liegt dabei weniger darin, dass Tom Morello etwas anderes machen möchte als Rage Against The Machine. Im Gegenteil: Nach einer Karriere wie seiner darf er selbstverständlich alles ausprobieren. Nur scheint er auf "Everyone Gets Everything They Want" zu selten das zu tun, was ihn überhaupt erst interessant gemacht hat. Er kann nicht besonders gut singen, will zu selten wirklich Gitarre spielen und möchte dafür umso mehr Text und Botschaft transportieren. Diese drei Dinge gehen hier leider kaum miteinander einher.

Man möchte dieses Album mögen. Nicht zuletzt, weil es eben Tom Morello ist. Weil man weiß, was dieser Mann einmal konnte – und sicher noch könnte. Weil man sich bei jedem Gitarrenriff kurz einredet, dass gleich doch noch der alte Morello durchbricht. Aber selbst dieser Bonus reicht diesmal nicht.

Wäre "Everyone Gets Everything They Want" nicht das Album von Tom Morello, würde kaum etwas dafür sprechen, es aus dem Stapel der unzähligen, unentschlossenen Protest-Rock-Platten herauszufischen. Ein unstrukturiertes, stellenweise liebloses Gesamtwerk, das viel sagen möchte und dabei erschreckend wenig zu sagen hat.

Trackliste

  1. 1. Beth From Electronics
  2. 2. Everyone Gets Everything They Want
  3. 3. Adjourn It
  4. 4. I Am Not Yours To Command
  5. 5. Soldier In The Army Of Love
  6. 6. Unconquered
  7. 7. Date Night
  8. 8. The Last Rung On The Ladder
  9. 9. Everything Burns
  10. 10. Pretend You Remember Me
  11. 11. Untethered
  12. 12. They Can't Kill Us All

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